Lovecrafter Online – 091 – Rezension: Sonia - Die Tochter des Erschaffers

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Laut dem Nachwort der Autorin entstand der 418seitige Roman Sonia: Die Tochter des Erschaffers in einer hitzigen Schaffensperiode in gerade mal einem halben Jahr intensiver Arbeit, wobei die ersten Skizzen rund ein Jahr älter sind. Der Klappentext verrät, dass Sonia eine „…Hommage an den schriftstellerischen Revolutionär des Horrors H. P. Lovecraft, der einer Vielzahl an Menschen das Fürchten lehrte und mich mit seinen schaurigen Werken geprägt hat.“ ist. Das macht Lovecraft-Fans natürlich neugierig. Worum geht es denn nun aber eigentlich?


Sonia Greenwick ist ein ganz normales Mädchen. Zumindest bis zu ihrem 17. Geburtstag. Denn an diesem Tag hat sie erstmals einen furchtbaren Albtraum, der sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf schrecken lässt. Doch die Vorfreude auf die kommende Geburtstagsfeier und ihr bald beginnendes Studium lassen sie die nächtlichen Schrecken rasch vergessen. Doch als ihre Eltern ihr ein seltsames Schmuckstück schenken und in den folgenden Nächten die Albträume mit neuer Heftigkeit wiederkehren muss sich Sonia fragen, ob vielleicht mehr hinter alldem steckt, als nur überreizte Nerven. Während das Mädchen versucht, ihr Leben in geordneten Bahnen zu halten, ihr Studium aufzunehmen und neue Freundschaften zu schließen, arbeiten finstere Mächte daran, sie ihrer eigentlichen Bestimmung zuzuführen. Für Sonia beginnt ein Abstieg in den Wahnsinn, an dessen Ende sie eine furchtbare Entscheidung treffen muss.


Eine tiefergehende Vorstellung der Handlung möchte ich an dieser Stelle vermeiden, würde doch jeder weitere Satz die eine oder andere Überraschung verderben, welche die Autorin für den geneigten Leser bereithält. Denn einen kreativen Umgang mit den von H.P. Lovecraft ersonnenen Motiven kann man Grell keinesfalls absprechen. Damit wären wir aber auch bereits an der ersten Warnung für Lovecraft-Puristen angekommen. Denn auch, wenn sich Grell weidlich an lovecraftschen Motiven bedient, so ist Sonia: Die Tochter des Erschaffers nun eben doch kein cthuloider Roman. Ich würde sogar so weit gehen, Sonia trotz einiger drastischer Szenen nicht einmal als Horror-Roman im Allgemeinen zu klassifizieren. Stattdessen versteckt sich eine nahezu klassische Fantasy-Geschichte, in der man Anleihen an den Herrn der Ringe ebenso entdecken kann wie an Harry Potter zwischen den tentakelbewehrten Buchdeckeln. Das Ganze ist verwoben mit einer „Coming-of-Age“-Story, welche die Protagonistin wenigstens in der ersten Hälfte des Bandes durchlebt. Beide Elemente sind ständig durchsetzt mit lovecraftschen Motiven, was eine wirklich verrückte Mischung ergibt.


Trotz oder gerade wegen dieses wahnsinnig anmutenden Genremixes gelingt es Grell, die Spannungskurve des Romans hoch zu halten. Mit jeder neuen Enthüllung, welche Sonia bevorsteht tauchen gleichzeitig neue Fragezeichen auf und man fiebert bis zum Finale mit der jungen Protagonistin mit. Das ist wirklich gut gelungen. Blickt man ein wenig tiefer in die Details, fallen allerdings leider einige Schwächen auf. So verschleißt Grell im Laufe des Romans einige Nebenfiguren, denen nicht so eine gelungene Spannungskurve vergönnt ist. Gerade die Charaktere, welche Sonia im Laufe der Handlung zunächst ins Herz schließt werden oft nur so grob umrissen, dass ihr Verlust – der natürlich in den meisten Fällen bevorsteht – den Leser kaum zu erschüttern vermag. Hier wurde leider Potential verschenkt, den Leser noch enger an die Geschichte zu binden.


Neben dieser eher handwerklichen Schwäche sei dem Lovecraft-Puristen eine weitere Warnung entgegengebracht: Grell verwendet nämlich nicht nur lovecraftsche Motive, sondern widmet auch dem Autoren Lovecraft selbst einigen Platz in ihrem Roman. So übernimmt Lovecraft eine tragende Rolle, in der ihm aber einige Charakterzüge auf den Leib geschrieben werden, die man nicht unbedingt mit dem eher als Eigenbrötler bekannten Schreiberling verbindet. Auch und gerade die mittlerweile sattsam diskutierten negativen Eigenschaften seiner Weltansicht werden von Grell ganz im Sinne der Geschichte, die sie erzählen will, nicht weiter thematisiert. So ist es Grells ganz eigener H.P. Lovecraft, der hier Teile von Sonias Schicksal mitgestaltet.


Kann man den verrückten Genre-Mix, die gerade jugendlich-unbeschwerte Verwendung von lovecraftschen Motiven und die seltsame Rolle, welche Lovecraft höchstselbst in diesem Roman einnimmt verschmitzt genießen, wenn man weiß, worauf man sich einlässt, so bleibt dennoch ein ernsthafter Kritikpunkt bestehen. Denn: dem Roman mangelt es an einem ordentlichen Lektorat. Man merkt ihm die Kürze der Zeit an, in dem er geschrieben wurde. Viele Sätze wirken noch roh und unbearbeitet, manch unelegante Formulierung hat sich auf die Seiten geschlichen und auch die häufige Verwendung bestimmter Satzkonstrukte oder Vokabeln stört im Laufe der Zeit merklich. So bleibt eine Verneigung vor der kreativen Herangehensweise einerseits, aber auch das Gefühl, dass hier mit etwas mehr Reife und Geduld ein deutlich höheres Lesevergnügen entstanden wäre. Da es sich bei Sonia: Die Tochter des Erschaffers um ein Erstlingswerk handelt, hat die Autorin allerdings natürlich noch reichlich Gelegenheit, an ihrem Stil zu arbeiten.


Fazit: Sonia: Die Tochter des Erschaffers ist eine verrückte Fantasy-Geschichte voller lovecraftscher Motive, die allerdings mit dem Werk des Autoren aus Providence abseits der offensichtlichen Entlehnungen nichts gemein hat. Man spürt die kreative Energie in dem Roman, der allerdings noch ein wenig mehr Reifezeit vertragen hätte. Für Lovecraft-Puristen ist der Roman allerdings nicht zu empfehlen.


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