Lovecrafter Online – Über Pilze vom Yuggoth: Die Entstehung eines Gedichtbandes
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Anwesend waren Rahel Schmitz, Niels-Gerrit Horz, Nils Gampert, Jamel Amdouni Melki, Stefan Zimmermann und meine Wenigkeit. Etwa eineinhalb Stunden wurde dabei eifrig diskutiert. Im Vorfeld war festgelegt worden, dass wir uns mit Horace Walpoles Das Schloss von Otranto (im Original: The Castle of Otranto) befassen würden.
Horace Walpole (1717-1797) war ein britischer Aristokrat und Politiker, der sich sozusagen nebenbei auch als Schriftsteller betätigte. Als Sohn des britischen Premierministers Sir Robert Walpole wuchs er in einem sehr konservativen Umfeld auf und erhielt eine für die Oberschicht „klassische“ elitäre Schulbildung am Eton College.
The Castle of Otranto wurde 1764 erstmals veröffentlicht. Nicht nur benutzte Walpole dabei ein Pseudonym, um seine Autorenschaft zu verschleiern; er gab auch vor, dass es sich beim dem Text nicht um Fiktion handele, sondern um die Übersetzung einer italienischen Geschichte, die sich zur Zeit der Kreuzzüge tatsächlich so zugetragen haben soll. Das Buch war insgesamt sehr erfolgreich und gilt bis heute als Prototyp des Schauerromans bzw. „Gothic Novel“ (die dritte Auflage trug den Untertitel A Gothic Story). Ab der zweiten Auflage stand Walpole offen zu seiner Autorenschaft des Textes.
Manfred, der tyrannische Herrscher von Otranto, ist die zentrale Figur des Romans. Um ihn und seine Familie dreht sich alles. Aufgrund einer alten Prophezeiung hat er Angst davor, dass sein Geschlecht ausgelöscht werden wird. Daher tut er alles in seiner Macht Stehende, um dieses düstere Schicksal zu verhindern, und hat keinerlei Skrupel oder moralische Bedenken. Nachdem gleich zu Beginn sein Sohn stirbt ‒ er wird mitten im Burghof von einem gewaltigen Helm erschlagen! ‒, steht er ohne männlichen Erben da. Der Tyrann will daher seine Frau, die ihm keine Kinder mehr schenken kann, verstoßen. Stattdessen möchte er Isabella, die als Braut für seinen Sohn vorgesehen war, zwingen, ihn zu heiraten. Er versucht sie gar zu vergewaltigen, doch der jungen Frau gelingt die Flucht innerhalb der Burg. In der Folge entwickelt sich ein komplexes Intrigenspiel, an dessen Ende Geheimnisse aus den Familiengeschichten sowohl von Manfred als auch von Isabella offenbart werden. Der Tyrann tötet im Wahnsinn gar seine Tochter, sein einzig verbleibendes Kind, und sorgt somit selbst für die Erfüllung der Prophezeiung vom Ende seines Hauses.
Von der Bewertung her schienen wir alle recht ähnlicher Meinung zu sein. Stefan fasste das im Forum auch nochmal gut zusammen: „Ein Werk, das dramaturgisch lange langweilt, letztlich dennoch liefert und im Nachhinein eigentlich durchweg in Details sehr gut unterhält, wenn man sich auf die bewusst altmodische Sprache, fast übertriebene Dialoglastigkeit und die Naivität vieler Charaktere als amüsante Stilmittel einlässt.“
Nils hielt es wie HPL und begnügte sich – aus Gründen der Langeweile – mit Zusammenfassungen aus der Sekundärliteratur, da „die literarische Qualität aus heutiger Sicht lässlich [sei], wenngleich sie ja auf der geschmacklichen Ebene dann durchaus den einen oder die andere unterhalten konnte.“ Er wandte zudem ein, dass das Aufwachsen mit den späteren Schauerromanen von Poe und Hoffmann – die zugegebenermaßen literarisch „besser“ ausgearbeitet sind – ihm ggf. die Lust am „klassischen“ Prototypen von Walpole genommen hätten.
Das Schlusswort sei Rahels treffenden Bemerkungen überlassen: „Sicher, mit Otranto kann man heute keinen Blumentopf mehr gewinnen. Die Charaktere sind eindimensional, die Vorgänge sind eher komisch als unheimlich und ein Großteil der Handlung ist vorhersehbar. Für mich wird diese Erzählung jedoch immer wichtig bleiben, denn der Schriftsteller Horace Walpole begründete hier nicht nur eigenständig das Gothic Genre, sondern verbaute auch die meisten der Motive, die wir bis heute in einer guten Gruselgeschichte genießen: alte, heruntergekommene Schlösser; labyrinthartige Katakomben; Geistergestalten und wandelnde Gemälde; finstere Bösewichte; eine Vergangenheit, die nicht ruhen möchte und immer wieder die Gegenwart heimsucht; letztlich ein Text, der seinen eigenen Ursprung zu verheimlichen versucht, indem er der eigentlichen Erzählung ein frei erfundenes Titelblatt voranstellt und somit die damaligen Lesenden aufs Glatteis führte. Ob Mary Shelley, Edgar Allan Poe, H. P. Lovecraft, Stephen King oder auch der moderne Horrorfilm: Es ist das Schloss von Otranto, wo alles seinen Anfang nahm.“
Wir hatten alle sehr viel Spaß und planen daher bereits den nächsten Lesezirkel. Dazu werden wir uns wieder im Discord treffen. Als Termin haben wir den 24. Juni angesetzt. Beschäftigen werden wir uns mit Leslie Klingers Weird Women. Wir alle freuen uns über weitere Teilnehmer*innen, die mit uns diskutieren möchten.
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