Der Orchideengarten - Phantastische Blätter

  • Von 1919-1921 erschien in München ein recht merkwürdiges Magazin: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Orchideengarten


    Herausgegeben von zwei noch merkwürdigeren Österreichern: Karl Hans Strobl und Alfons von Czibulka


    Beide kamen sie aus konservativen, gehobenen Verhältnissen und bewegten sich Zeit ihres Lebens in konservativen, teils nationalistisch-fragwürdigen Milieus; und doch begeisterten sie sich für die künstlerischen und literarischen Experimente der Moderne und begannen, sich als Schriftsteller, und Czibulka auch als Maler, selbst aktiv mit einzubringen...


    Nach ihrer Teilnahme am Ersten Weltkrieg trafen sie wie auch immer in München aufeinander und entschieden sich, mit einem neuartigen Magazin vor allem unbekannte, moderne deutsche Schriftsteller und Graphiker einem breiten Publikum zu präsentieren... Und zwar im gesamten Spektrum von abenteuerlich-märchenhaft über erotisch, absurd und grotesk bis hin zu extrem düster! Letzteres vor allem im Bezug auf menschliche Abgründe... Wahrscheinlich kein Wunder beim erst kurz zurückliegenden Krieg... Jedenfalls könnte man die Inhalte auch erstaunlich expressionistisch-weird nennen!


    Dazu übersetzten und veröffentlichten sie in ihrem Magazin fremdsprachige Schauerliteratur bekannter Autoren, wie z.B. auch Edgar Allan Poe, aus dem Englischen, Französischen, Russischen, Tschechischen, etc. und packten auch Antikes und Fernöstliches hinzu... Und kombinierten alles mit wohl teilweise etwas zu gewagten Illustrationen; denn zunehmende strafrechtliche Konflikte wegen "Verbreitung unzüchtiger Schriften" führten schließlich zur Einstellung des Magazins...


    Doch alle 54 Ausgaben haben die letzten hundert Jahre überlebt und wurden von der Universität Heidelberg schließlich auch vollständig digitalisiert und frei zugänglich gemacht:


    https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/orchideengarten


    Warum schreibe ich das alles? Weil mich natürlich interessiert, wer von Euch sich auch schon mit dem Orichideengarten befasst hat; und weil ich ihn allen Anderen wärmstens Empfehlen möchte! Zudem würde ich gerne herausfinden, ob und welche amerikanischen Weird-Fiction-Schriftsteller der Lovecraft-Ära vielleicht direkt oder indirekt vom Orchideengarten beeinflusst wurden... Es könnten ja damals durchaus einige Exemplare über den großen Teich gelangt und vielleicht sogar teilweise übersetzt worden sein... Ist Euch irgendetwas in dieser Hinsicht bekannt? Vielleicht lassen sich ja auch merkwürdige Parallelen zwischen Geschichten finden... Wer weiß!


    Es wurde laut Wikipedia auch schon als erstes Fantasy-Magazin der Geschichte und Vorläufer der Pulp-Magazine bezeichnet... Und im Amerika der letzten Jahre regt sich ein neues Interesse am Orchideengarten! So gab es z.B. schon mehrere Crowdfunding-Kampagnen für Bücher, die sich mit den phantastischen Graphiken der Magazine befassen: https://www.kickstarter.com/profile/centuryguild/created ... Und diese sind nun auch bestellbar: https://centuryguild.net/collections/books ... Auch hier im Forum wurde schon einmal vor ein paar Jahren darauf hingewiesen: [Kickstarter] The Orchid Garden


    Und schließlich möchte ich gerne die original deutschsprachigen Kurzgeschichten des Orchideengartes, wie zum Ende der letzten Besprechung der Leserunde: Schauerliteratur mit Rahel und wingster vereinbart, zum Thema des nächsten Buchklub-Discord-Treffens machen... Um auch einmal deutsche Ursprünge weirder Literatur intensiver zu erkunden... Ein offizieller Vorschlag mit einer Übersicht, wie die einzelnen Geschichten schnell zu finden sind, folgt schon sehr bald!


    Da kommt mir noch eine ganz andere Idee! Seanchui, Thorsten: Wäre dieser Beitrag, mit zusätzlichen Erkenntnissen aus Diskussion und weiterer Recherche ergänzt und überarbeitet, auch etwas für den Lovecrafter?

  • Weil mich natürlich interessiert, wer von Euch sich auch schon mit dem Orichideengarten befasst hat

    Ich habe mich schon mit dem Heft befasst bzw. besitze auch einige Ausgaben.


    Dein enthusiastischer Überblick ist sicherlich gerechtfertigt, doch hat sich im Nachhinein der Blick auf das Blatt getrübt. Es wurde und wird immer wieder in einem Atemzug mit Weird Tales genannt: "Das erste Fantasy-Magazin, noch vor WT erschienen" o. ä. Auch wenn WT nicht ausschließlich Pulp-Material brachte, so hat es doch gerade diese Art der Unterhaltungsliteratur gefördert. Die deutschsprachigen Entsprechungen zum Phänomen Pulp werden eher auf dem Sektor der Kolportageliteratur und der Romanhefte zu finden sein. Nur: Das, was hierzulande als "Groschenhefte" geschmäht wurde, entsprach in formaler Hinsicht weniger den Pulps, sonden eher den sog. Dime Novels.


    Die Texte, die im Orchideengarten erschienen, berufen sich – das klingt auch schon bei dir an – teilweise auf andere literarische Traditionen. Die beiden Herausgeber Strobl und Czibulka waren ja auch noch in ganz anderen Bereichen unterwegs – was wiederum dazu führt, über die Phantastische Literatur im dt. Sprachraum an sich nachzudenken. Eine so klare Definition, wie wir sie heute benutzen, war damals nicht an der Tagesordnung. Erotische, abenteuerliche, groteske, grausige bis hin zu genuin phantastischen Stoffe wurde häufig als "Seltsame Geschichten" oder "Merkwürdige Geschichten" bezeichnet. Mitnichten hat man sich also anhand dieser Sammelbezeichnungen auf das Vorkommen übernatürlicher Momente versteift, sondern das Abseitige und Ungewöhnliche per se gesucht. In dem Sinn erscheint es zumindest mir gewagt, den Orchideengarten als frühes Fantasy-Magazin oder gar Vorläufer der Pulps einzuordnen.


    Es könnten ja damals durchaus einige Exemplare über den großen Teich gelangt und vielleicht sogar teilweise übersetzt worden sein... Ist Euch irgendetwas in dieser Hinsicht bekannt? Vielleicht lassen sich ja auch merkwürdige Parallelen zwischen Geschichten finden... Wer weiß!

    Das ist durchaus möglich, allerdings ist mir kein konkreter Fall bekannt. Parallelen zwischen hier und dort – die gibt es allerdings. So erschienen einige der Pulp-Stories in deutschen Übersetzungen noch lange vor Festa & Co., ja auch noch lange, bevor sich hier – ab den 1960er Jahren – die diversen Taschenbuchreihen etablierten. Zwei SF-Geschichten von Clark Ashton Smith erschienen z. Bsp. in den 1930ern in der Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens. Der Stuttgarter Verlag Dieck & Co. brachte in den 1920ern erfolgreich mehrere Tarzan-Bücher auf den Markt; nicht zu reden von Burroughs' Fantasy-Roman Eine Marsprinzessin (A Princess of Mars, 1912 im All-Story Magazin erschienen).


    Eine internationale Liste der Autor*innen, die in WT veröffentlichten, findest du übrigens hier (darunter auch die deutschsprachigen, Browser-Suche mit Strg+F einschalten und nach "german" suchen):

    https://tellersofweirdtales.bl…/weird-tales-authors.html


    Und der exklusive Düsseldorfer Zagava-Verlag hat zumindest einen Nachdruck der Nr. 1 des Orchideengarten veröffentlicht:

    https://www.zagava.de/shop/der-orchideengarten

  • Es wurde und wird immer wieder in einem Atemzug mit Weird Tales genannt: "Das erste Fantasy-Magazin, noch vor WT erschienen" o. ä.

    Ich ging dem mal etwas weiter auf den Grund und fand dabei heraus, dass diese in immer gleicher Form (sowohl im Deutschen als auch im Englischen) wieder und wieder erscheinende Behauptung urprünglich auf nur wenige Randbemerkungen in Science-Fiction-Sekundärliteratur zurückgeht:

    Ich vermute außerdem langsam, dass einem Großteil der englischsprachigen Auseinandersetzungen mit dem Orchideengarten in eben solcher Sekundärliteratur mehr die Graphiken des Magazins als seine Geschichten zugrunde liegen... Vor allem der cthuloid anmutende Riesenschneckenfüßler aus https://digi.ub.uni-heidelberg…/orchideengarten1920/0399 und das Flügelwesen aus https://digi.ub.uni-heidelberg…/orchideengarten1919/0069


    Die erst kürzlich mal wieder in einem spannenden Artikel über Alfred Döblin im Los Angeles Review of Books auftauchten... Ergänzend zu einem Absatz über sein literarisches Umfeld der 1920er Jahre: https://lareviewofbooks.org/ar…fred-doblins-anthropocene


    Auf den mich wiederum ein australischer Cthulhu-Rollenspielfreund deutsch-südafrikanischer Abstammung hinwies, der sich auch für den Orchideengarten begeistert und z.B. auch vorhat, ihn irgendwie in eine Wicked-Berlin-Kampagne mit einzubauen... Vielleicht teilt er ja mal seine Ideen mit uns... Und vielleicht springt sogar Nützliches für FHTAGN dabei heraus... Könnte ja nicht schaden ;)

    Parallelen zwischen hier und dort – die gibt es allerdings.

    Muss es ja eigentlich zwangsläufig auch in den schon ziemlich globalisierten 1920er Jahren mit ihrem bereits regen wirtschaflischen und kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Amerika gegeben haben...


    So stellt Sam J. Lundwall in seiner "Science fiction: An Illustrated History" sogar eine Verbindung zwischen Orchideengarten und Hugo Gernsback, dem Herausgeber der "Amazing Stories" her: https://books.google.de/books?…nvolume&q=orchideengarten


    Alle die oben gegannten Bücher sind übrigens sehr zu empfehlen! Nach dem zu urteilen, was ich bisher auszugsweise daraus lesen konnte... Und alle befinden sich gebraucht auf dem Weg zu mir :) Bzw. die zweitgenannten "Science/Fiction Collections: Fantasy, Supernatural and Weird Tales" haben es bereits auf meinen Kindle geschafft...

    Der Stuttgarter Verlag Dieck & Co. brachte in den 1920ern erfolgreich mehrere Tarzan-Bücher auf den Markt; nicht zu reden von Burroughs' Fantasy-Roman Eine Marsprinzessin

    Das erstaunt mich trotzdem :) Vor allem im Bezug auf seine Science-Fiction, von der mir bisher, im Gegensatz zu Tarzan, im deutschen Sprachraum nie etwas zu Ohren kam... Wurden bei Dieck & Co. auch seine Venus-Romane übersetzt und verlegt?

    Die Texte, die im Orchideengarten erschienen, berufen sich – das klingt auch schon bei dir an – teilweise auf andere literarische Traditionen. Die beiden Herausgeber Strobl und Czibulka waren ja auch noch in ganz anderen Bereichen unterwegs – was wiederum dazu führt, über die Phantastische Literatur im dt. Sprachraum an sich nachzudenken.

    Genau das ist mein Anliegen! Wobei ich sie jedoch nicht getrennt von den angloamerikanischen Weird-Fiction-Traditionen, sondern eher als zwei Seiten einer Medaille betrachten möchte:

    • Auf der einen Seite das Phantastische von außen bzw. der kosmische Horror
    • Am Rand der Medaille:

    das Abseitige und Ungewöhnliche per se

    • Und auf der anderen Seite das Phantastische von innen bzw. der seelische Horror

    Wobei ich Letzteres in diesem Fall sogar als vorherrschendes Mittel einer gemeinsamen mittel- und osteuropäischen Tradition zuordnen würde... Auch Strobl und Czibulka waren ja durch ihre Herkunft osteuropäisch bewandert und bedienten sich dort literarisch...

    Und der exklusive Düsseldorfer Zagava-Verlag hat zumindest einen Nachdruck der Nr. 1 des Orchideengarten veröffentlicht:

    https://www.zagava.de/shop/der-orchideengarten

    Und der macht auch einen verdammt exklusiven Eindruck! Und ist sogar zweisprachig 8| Mit kompletter englischer Übersetzung... Und kommt den Reviews nach zu urteilen gut beim englischsprachigen Publikum an...


    Zum Schluss noch ein wenig Begeisterung für Mike Ashley :) Autor der oben erstgenannten Buchreihe... Ohne diese Diskussion über den Orchideengarten wäre ich nie auf ihn gestoßen! Und hier im Forum wurde er auch nur zweimal kurz im Rahmen von RE: William Hope Hodgson und Re: Algernon Blackwood erwähnt...


    Wenn man sich jedoch seine Bibliographie als Autor und Editor auf https://de.wikipedia.org/wiki/Mike_Ashley_(Autor) anschaut, kann man schon mal ein wenig in Ohnmacht fallen ;) Auch finden sich darunter weitere, großartige Geschichtensammlungen für alle Anhänger des dLG-Buchklub: Weird Women: Classic Supernatural Fiction by Groundbreaking Female Writers: 1852-1923 (Samstag, 26. Juni 2021, 20:00 - 21:00)

  • Und nun: Wie angekündigt... Zumindest schon mal ein Verzeichnis der original deutschsprachigen Geschichten des Jahrgangs 1919... Entnommen dem urpsrünglichen Inhaltsverzeichnis der Heidelberger Sammlung: https://digi.ub.uni-heidelberg…/orchideengarten1919/0009 ... Korrigiert und ein wenig interaktiver gemacht :)


    Die Links führen jeweils direkt zum PDF-Download:


    Erstes Heft

    • pp. 2–4: Traum – von Rudolf Schneider
    • pp. 4–8: 18. XII. 18 – von Paul Frank
    • pp. 8–15 : Meister Jericho – von Karl Hans Strobl

    Zweites Heft

    • pp. 4–9: Das Herz – von Otto Zoff
    • pp. 10–13: Der voreilige Leichnam – von Wilhelm Nhil

    Drittes Heft

    • pp. 5–7: Das Gehirn – von Hans Meixner
    • pp. 8–14: Die Ernte – von Alexander Moritz Frey
    • pp. 15–17: Aufstand in Nirwana – von Karl Roellinghoff

    Viertes Heft

    • pp. 6–14: Dios Vienne – von Leo Perutz
    • pp. 15–17: Cox City - von Apollinarius Wileem (?)

    Fünftes Heft

    • pp. 1–4: Orchideen – von Otto te Kloot
    • pp. 5–10: Der Klub der Menschenfresser – von Wilhelm Nhil
    • pp. 10–18: Die Bernsteinhexe – von Wilhelm Meinhold

    Sechstes Heft

    • pp. 1–2: Der sterbende Lampion – von Franz Schoenberner
    • pp. 3–7: Das elektrische Klavier – von Leonhard Stein
    • pp. 13–16: Schloß Valnoir – von Ernst Scupin

    Siebentes Heft

    • pp. 1–6: Der Haschischtraum – von Richard Euringer

    Achtes Heft

    • pp. 1–3: Niemand und Jeder – von Oskar Maria Graf
    • pp. 7–8: Die graue Mühle – von H(einrich?) Steinitzer
    • pp. 15–16: Der Balkon – von Max Rohrer

    Neuntes Heft

    • pp. 1–7: Das Tagebuch des Dr. Hedderson - von Horst H(?) Wehner
    • pp. 8-11: Vom Manne Krapp – von Emil Lucka
    • pp. 11–15: Die weiße Flöte – von Erich Mosse

    Zehntes Heft

    • pp. 7–13: Versammlung – von Alexander Moritz Frey
    • pp. 13–17: Café Lazarus – von Max Krell

    Elftes Heft

    • pp. 10–12: Om! – von Max Rohrer
    • pp. 13–15: Maskenball – von Hans Reiser

    Zwölftes Heft

    • pp. 1–5: Die Föhre des Don Lorenzo – von Paul Rohrer
    • pp. 6–7: Das Baumgespenst – von Leopold Plaichinger
    • pp. 15–17: Das wachsende Bein – von Ernst Grau

    Dreizehntes Heft

    • pp. 1–6: Der Dreizehnte – von Leopold Plaichinger
    • pp. 14–15: Der Selbstmörder – von Ferdinand Weinhandl
    • pp. 15–18: Met–em–het – von Hanns Wohlbold

    Vierzehntes Heft

    • pp. 1–8: Der grüne Spiegel – von Toni Schwabe
    • pp. 9–10: Das Opfer – von Rolf Hiata
    • p. 16: Biographie – von Klabund (Alfred Henschke)

    Fünfzehntes Heft

    • pp. 1–7: Die Verführung – von Kasimir Edschmid

    Heft 16/17

    • pp. 8–14: Antwort – von Alfons von Czibulka
    • p. 15: Das Meer – von Leopold Plaichinger
    • pp. 22–27: Tobias Humbrugks Verwandlung – von Hanns Wohlbold

    Achtzehntes Heft

    • pp. 4–8: Die goldenen Gärten – von Karl Hans Strobl
    • pp. 10–13: Der Geburtsucher – von Leopold Wolfgang Rochowanski

    Ich habe zudem versucht, Initialen in Autorennamen und Pseudonyme mit den vollen Namen zu ergänzen... Konnte ich nichts oder nichts Eindeutiges zu einer Person finden, dann steht dort ein Fragezeichen...

  • Besten Dank für weitere Hinweise und Links; interessant, was du noch alles herausgefunden hast.

    Die erst kürzlich mal wieder in einem spannenden Artikel über Alfred Döblin im Los Angeles Review of Books auftauchten... Ergänzend zu einem Absatz über sein literarisches Umfeld der 1920er Jahre: https://lareviewofbooks.org/ar…fred-doblins-anthropocene

    Sehr schön – hatte die Berge Meere und Giganten vor einigen Tagen bei einer heimischen Aufräumaktion mal wieder in den Händen … und überlegt, ob ich weiterlesen soll … das Buch ist ein Brocken und macht seinem Namen alle Ehre. Eine Zusammenfassung würde wohl auch reichen …


    Natürlich tut es nicht not, die europäische oder auch deutschsprachige unheimliche Phantastik vollständig gesondert von der Weird Tale zu betrachten. Allgemeinbeobachtungen – wie ich sie mir manchmal auch erlaube – müssen sich im Endeffekt in der Einzelanalyse bewähren. Dennoch würde ich sagen, dass ein H. P. Lovecraft mit seiner Art des kosmischen Horrors recht singular dasteht. In dem Sinn hat er mehr mit der Science Fiction gemein als mit der großstädtisch, nachdekadent geprägten Phantastik aus der Zeit der Weimarer Republik. Zwischen Lovecraft und Hanns Heinz Ewers – dazwischen liegen für mein Empfinden Welten (unabhängig davon, dass Ewers' "Die Spinne" Einfluss auf Lovecraft gehabt haben soll). Auch Leute wie Strobl, Frey oder Meyrink spielen in ganz eigenen – anderen – Ligen. Speziell die Form der Satire, besser gesagt: die Gesellschaftssatire, hat Lovecraft eher vernachlässigt – während sie in der dt. Phantastik jener Zeit (und bei den genannten Autoren: Ewers, Meyrink, Frey) keine Seltenheit ist.


    Doch angesichts deiner aufschlussreichen Liste der dt. originalen Beiträge gilt, dass Urteile mit Bedacht gefällt werden sollten. Namen wie Kasimir Edschmid, Hans Reiser oder Oskar Maria Graf sind mir vornehmlich aus anderen Bereichen bekannt; so dass ich auch nicht sagen möchte, sie seien typische Vertreter der Phantastik der Weimarer Zeit. Und auch Döblin – siehe oben – lässt sich hier nicht fixieren. Berge Meere und Giganten mag zwar dem Inhalt nach phantastisch sein, die Form würde ich jedoch als expressionistisch bezeichnen. Als Unterhaltungsliteratur (und darüber unterhalten wir uns ja eigentlich im erweiterten Lovecraft-Umfeld) eignet sich das Buch definitiv nicht.


    Unter anderem aus dem Rahmen fällt Wilhelm Meinold mit dem Beitrag "Bernsteinhexe". Der Autor hat einen Roman desselben Titels veröffentlicht: allerdings schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Ob es sich dabei um einen Auszug handelt? Ich muss gestehen, dass ich das Buch hier stehen aber noch nicht gelesen habe …

  • Ich möchte vielen Dank an dich Stefan sagen.

    Ich finde deinen Beitrag und vor allem deinen Einsatz sehr interessant und schön. Ich hatte noch nie etwas von Der Orchideengarten gehört aber finde durchaus Interesse an dem was ich jetzt so einsehen konnte und bin sehr Dankbar für deine PDF-Aufarbeitung. Habe mir einfach mal alle runter geladen und werde mir das immermal in ruhe zu gemüte führen.

    Danke dir für diesen äußerst interessanten Beitrag :)

    „In seinem Verhalten schien eine kryptische, sardonische Arroganz zu lauern, als ödeten ihn alle menschlichen Wesen nur noch an.“

    H. P. Lovecraft

  • Von 1919-1921 erschien in München ein recht merkwürdiges Magazin: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Orchideengarten


    Da kommt mir noch eine ganz andere Idee! Seanchui, Thorsten: Wäre dieser Beitrag, mit zusätzlichen Erkenntnissen aus Diskussion und weiterer Recherche ergänzt und überarbeitet, auch etwas für den Lovecrafter?

    Natürlich wäre es etwas für den Lovecrafter Online, sehr gern. Falls du da etwas verfassen möchtest, wende dich doch bitte per Privatnachricht hier an mich. :thumbup:


    Stefan  Seanchui

    🎵 „Hätt ich dich heut erwartet, hätt ich Schoggoothen da …“ 🎵

  • Stefan Falls du diese Broschüre nicht eh schon kennst: Der Orchideengarten. Eine kommentierte Bibliographie von Robert N. Bloch. Verlag Lindenstruth. Gießen 2018 (2. erw. Auflage).


    Eine praktische Übersicht aller Ausgaben, Autor*innen und Illustrator*innen, Nachdrucke in d. Regel mit Angabe der Erstveröffentlichungen, Nennung fremdsprachiger Originaltitel etc. Sehr hilfreich sind auch die Kommentierung bzw. kurzgefasste Inhaltsangabe.

    Unter anderem aus dem Rahmen fällt Wilhelm Meinold mit dem Beitrag "Bernsteinhexe". Der Autor hat einen Roman desselben Titels veröffentlicht: allerdings schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Ob es sich dabei um einen Auszug handelt? Ich muss gestehen, dass ich das Buch hier stehen aber noch nicht gelesen habe …

    Meine diesbezügl. Frage wird auch beantwortet: Es handelt sich um einen Auszug.

  • Falls du diese Broschüre nicht eh schon kennst: Der Orchideengarten. Eine kommentierte Bibliographie von Robert N. Bloch. Verlag Lindenstruth. Gießen 2018 (2. erw. Auflage).

    Kannte ich noch nicht 8| Genauso wie das Format Pamphlet bei Amazon :D


    Auch die anderen Pamphlete des Verlags lassen meine Äuglein leuchten: https://www.verlag-lindenstruth.de/Sek_Lit_/sek_lit_.php

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