Lovecrafter Online – 059 – Unbeschreibliches Grauen

Wir alle kennen das: Nach einer einfachen Reifenpanne bleiben wir mit unserem Wagen irgendwo in den dichten Wäldern Mitteleuropas liegen. Schon bald zieht nicht nur die Nacht herauf, sondern mit ihr auch noch ein Gewitter. Rasch ist es stockfinster, nur vereinzelte Blitze durchzucken die Finsternis. Während wir im Auto auf den längst benachrichtigten Pannenservice warten, stellen sich unsere Nackenhaare auf: Hat sich da in das Geräusch des herannahenden Donners nicht ein anderes, furchterregendes Grollen gemischt? Ein Blick in den Rückspiegel bestätigt: Eine außerweltliche Kreatur des blasphemischen Grauens ist aus dem Wald gebrochen und hält auf unseren Wagen zu. Tentakel, zahnbewehrte Mäuler, Augen … was ist das denn jetzt genau? Ein Dunkles Junges? Ein Schoggothe? Vielleicht Ghatanotoa persönlich? Was ist jetzt das Richtige? Flucht, Kampf, Ritual? Wie so oft nehmen wir halt die Beine in die Hand. Man weiß ja nie.


Lovecraft hat sich – verständlicherweise – nie dazu hinreißen lassen, die von ihm geschaffenen außerweltlichen Schrecken genau zu beschreiben. Zu verstörend soll das Äußere seiner Kreaturen sein, um vom menschlichen Geist erfasst werden zu können. Der handwerkliche Griff dahinter ist klar: Beschreibt der Autor die Kreatur zu genau, verliert sie ihren Schrecken. Können wir uns ein klares Bild von einem Wesen machen, so verliert es den Hauch des Unbekannten und damit das Unheimliche, das ihm innewohnt. Während also Lovecrafts Geschichten durchaus von dieser Erzählweise profitieren, blicken wir als Kultisten dann doch oftmals in die Röhre: Wessen Tentakel genau in der letzten Woche Heinz-Rüdiger bei der schiefgelaufenen Beschwörung zerquetscht haben, bleibt uns verborgen. Zumindest, wenn wir uns auf Lovecrafts Werk als Quelle beschränken. Denn es gibt durchaus andere Bücher, die uns als Bestimmungsbuch dienen können. Der Lovecrafter Online stellt zwei davon vor.


the Lovecraft Necronomicon primer


Das erste Buch, dass wir etwas näher betrachten wollen, sieht eher unspektakulär aus. the Lovecraft Necronomicon primer ist in einem kleinen, quadratischen Format gehalten und hat schon ein paar Jährchen auf dem Buckel. Das hat den Vorteil, dass man das Büchlein auch schon zu antiquarischen Preisen bekommen kann, auch, wenn es immer noch verlegt wird. Verfasst wurde das Buch von T. Allan Bilstad, einem Amerikaner, der sich selbst als großen Lovecraftfan bezeichnet.


Der primer versteht sich als eine Einführung in den von Lovecraft geschaffenen und von Derleth geordneten Cthulhu-Mythos. So beginnt das Büchlein auch mit einer Vorstellung von Lovecraft und einem Abriss seiner Biographie, bevor Bilstad sich einer Einordnung des Mythos selbst widmet. Herzstück des Bandes ist jedoch – und da wird es interessant für uns – eine genaue Vorstellung von Lovecrafts grauenerregenden Schöpfungen nebst passender Bebilderung. Jeder Kreatur wird eine ganzseitige Illustration spendiert, deren Qualität sich nicht verstecken muss. Dazu erfolgt eine meist mehrseitige Vorstellung in Bilstads saloppem, lockeren Schreibstil, der unterhaltsam durch das Buch trägt. So finden sich rasch insgesamt 29 leicht verdauliche Einträge beisammen, von denen einer jedoch Abdul Al-Hazred, ein weiterer seinem Necronomicon gewidmet ist.


the Lovecraft Necronomicon primer

Llewellyn Publications

ASIN: B003CT4CAK

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S. Petersens Bestimmungsbuch der unaussprechlichen Kreaturen


Das zweite Buch, dem wir uns nun widmen wollen, könnte dem „normalen“ Leser glatt entgehen. Denn nicht umsonst prangt das Logo eines bekannten cthuloiden Horror-Rollenspiels auf dem Buchdeckel. Immerhin stammt das Werk Bestimmungsbuch der unaussprechlichen Kreaturen aus der Feder von Sandy Petersen. Sandy ist eine Art Großvater des cthuloiden Rollenspiels und ist nicht nur Mitschöpfer von Call of Cthulhu und Teilhaber beim amerikanischen Verlag Chaosium, sondern hat seine Tentakel noch in diversen anderen Rollenspielpublikationen. So stammt zum Beispiel der schwergewichtige „Mythos“-Band für Dungeons&Dragons ebenso aus seiner Feder. Das Bestimmungsbuch der unaussprechlichen Kreaturen ist schlussendlich auch im Zuge seiner Beschäftigung mit Call of Cthulhu entsprungen. Doch wie kein anderes Werk aus dieser Produktreihe eignet es sich für Lovecraftfans aller Art.


Denn: Auf den zahlreichen Seiten des schwergewichtigen Hardcoverbandes finden sich keinerlei Spielwerte wieder. Stattdessen finden wir eine mehr oder minder genaue Beschreibung der unterschiedlichen Kreaturen vor, die nicht nur von großformatigen, vollfarbigen Illustrationen begleitet werden, sondern auch von interessanten Zusatzinformationen wie Schaubildern von Bewegungsabläufen der Kreaturen oder Größenvergleichsskalen. Bei jeder vorgestellten Kreatur finden sich darüber hinaus Hinweise, wie das Wesen von anderen, optisch ähnlichen Mythoskreaturen unterschieden werden kann. Die Illustrationen in dem Band sind wirklich hochgradig beeindruckend und großteils der damaligen französischen Auflage von Call of Cthulhu entnommen. Und das war eine opulente Ausgabe, darauf lassen die Bilder rückschließen. So werden auf 128 Seiten über 50 verschiedene Kreaturen eindrucksvoll vorgestellt und zum Leben erweckt, von denen uns ungefähr die Hälfte in den Traumlanden begegnen könnte.


S. Petersens Bestimmungsbuch der unaussprechlichen Kreaturen

Pegasus Press

ISBN: 978-39757891099

Beim Cthulhu-Webshop bestellen: https://www.cthulhu-webshop.de…rechlichen-kreaturen.html