Lovecrafter Online – Convention-Bericht: Die dLG auf der Dreieichcon
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JaneDoe -
15. Januar 2024 um 12:00 -
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Bedenken Sie genau, dass ich am Ende keinen wirklichen, sichtbaren Schrecken gesehen habe. Zu sagen, dass ein Schock die Ursache für das war, was ich vermutete - der letzte Strohhalm, der mich Sonntagnachmittag aus dem Bürgerhaus Dreieich und durch die wilden, gewölbten Hügel von Südhessen in einem beschlagnahmten Auto rasen ließ - hieße, die einfachsten Fakten meiner letzten Erfahrung zu ignorieren.
Ich war damals wie heute Dozent für Literatur an der Miskatonic University in Arkham, Massachusetts, und ein begeisterter Amateurstudent der Folklore der Rollenspiel- und Phantastikszene. Die Geschichten, von denen ich durch dieses Hobby erfuhr, stammten größtenteils aus schleierhaften Quellen, sozialen Medien und Hörensagen. Alles deutete darauf hin, dass dort, südlich der großen, ausgestreckt daliegenden Stadt Frankfurt ein alter Kultort lag, an dem im Schatten der drei Eichen weise, neugierige und in okkultem Wissen bewanderte Menschen sich nahezu rituell zu treffen pflegten. Die alte Folklore war zwar wolkig, vage und von der heutigen Generation weitgehend vergessen, aber sie war von höchst anziehendem Charakter und spiegelte offensichtlich den Einfluss noch früherer Erzählungen wider. Die Legenden berichten, dass diese Zusammenkunft seit ungefähr drei Jahrzehnten stattzufinden pflegt. Es amüsierte mich, dass mehrere gebildete Personen darauf bestanden, dass den Gerüchten irgendeine Grundlage von obskuren, verzerrten Tatsachen zu Grunde liege. Dennoch scheinen Aufdrucke auf keramischen Fundstücken die Legenden archäologisch belegen zu können.
Wie unter den gegebenen Umständen nicht anders zu erwarten war, gelangte die Debatte um dieses Brauchtum schließlich in Form von Postings im Forum der Deutschen Lovecraft Gesellschaft erneut in meine Aufmerksamkeit, so dass ich mich entschied, mich mit einer Gruppe ebenfalls neugieriger Entschlossener auf die Reise ins sagenumwobene Dreieich zu machen.
Und ich sah an diesem trüben Novembermorgen jene sagenhaften Menschen in den wallenden Roben, Kutten, Jacken und anderen obskuren mit teils arkanen Symbolen bedruckten Textilien. Und schon in der Schlange vor der Stätte konnte ich auf Menschen treffen, die ich schon von anderen ähnlichen Veranstaltungen kannte. Die Kredibilität der zuvor genannten Legenden stieg sofort durch dieses sich mir darbietende Bild.
Zunächst konnte ich die anderen Menschen des dLG-Stands kennenlernen. Sie stellten sich als äußerst sympathischer Haufen von Leuten heraus, mit denen ich eine Menge netter Gespräche führen konnte. Da die Gesellschaft dezentral organisiert ist, sind die Möglichkeiten, sich im echten Leben zu treffen, immer ein besonderes Ereignis.
Mittlerweile hat der Verein viel Rollenspielmaterial für FHTAGN, das kulturell faszinierende Periodikum Lovecrafter und sogar einen Band mit Gedichten im Angebot. So viel, dass die Fläche des dLG-Standes gut gefüllt war. Wir - denn nun waren wir ein wir - kamen überein, dass wir nächstes Jahr einen zweiten Tisch brauchen.
Die zahlreichen Besucher an unserem Stand deckten das ganze Spektrum an Gesprächsthemen ab von „wer ist dieser Lovecraft und was genau ist eigentlich ein Rollenspiel?“ bis zu absoluten Experten-Debatten über Details des FHTAGN-Regelwerks. Insgesamt war das Interesse sowohl am Verein als auch an FHTAGN groß. Die kleine Informationsschrift namens "Mini-Lovecrafter" sorgte dann auch für Zuwachs an Kultisten, die ob ihrer Begeisterung gleich einen Mitgliedsantrag ausfüllten - und nun auch wir sind.
Zum Glück waren wir genügend Standbetreuer, so dass für jeden ausreichend Zeit blieb, durch die Hallen zu laufen, zu shoppen, mit anderen Ausstellern ins Gespräch zu kommen oder an einer Spielrunde oder einem anderen Veranstaltungspunkt teilzunehmen. Lovecraftige Themen waren ungewöhnlich dominant, was beim zweiten Blick nicht mehr verwundert, da fast jeder Verlag oder Zubehörhändler mittlerweile irgendwas dazu im Programm hat. Das freut uns natürlich sehr.
Neben den zahlreichen Ständen - es war praktisch alles vertreten was in der Rollenspielszene einen Namen hat - gab es viele verschiedene Rollenspielrunden, die oft bereits im Vorfeld ausgebucht waren sowie einige Lesungen und ein Rahmenprogramm. Die Möglichkeit, sich online für Spielrunden einzutragen, haben wir als sehr positive Entwicklung wahrgenommen. Die Con bot auch Gelegenheit, alte Bekannte zu treffen und auch neue Hände zu schütteln.
Der Orga wollen wir für den recht reibungslosen und angenehmen Ablauf danken. Es ist wirklich schön zu sehen, wie sich die Veranstaltung entwickelt hat. Die Con erstreckt sich über mehrere Gebäude, die ausreichend Raum für die Aktivitäten und die zahlreichen Spielrunden bieten. Der Gang vor unserem Stand war vor allem zur Mittagszeit gedrängt voll, da sich der einzige Kiosk in unserer direkten Nachbarschaft befand. Wie olfaktorische Tentakel zog die Melange aus Kaffee und Fritten direkt zu unserer Auslage.
Eine kleine Gruppe Auserwählter wurde mit dem neuen Einstiegskatechismus namens "Zur Geometrie der Welt" in das Rollenspiel FHTAGN eingeweiht. Die Runde kam bei den Mitspielenden gut an und hat auch der Spielleiterin sehr viel Spaß gemacht. Am Stand scherzte jemand, dass ein Einstiegsszenario in ein Horrorrollenspiel sich gerade mit den Themen Geometrie und Mathematik beschäftige, eine ganz besondere Pandorabüchse an Schrecken aufmache. Wie dem auch sei; Interessierte können das Szenario für Pay-What-You-Want auf Drivethru herunterladen.
Die zwei Tage Dreieichcon gingen schnell, zu schnell, vorbei. Und als am Sonntagnachmittag langsam der Aufbruch begann und die Ausstellenden ihre Schätze in ihre Kartons und Kisten packten, machten sich schon Zweifel breit, dass wir es wohl mit außerphysikalischem Vergehen von Zeit zu tun haben mussten. Mit einem Blick in das Cthulhu-Wiki konnten wir den Kreis der verdächtigen Entitäten auf Azathoth und Yog-Sothoth einschränken. Die logistische Herausforderung, die Kartons mit den FHTAGN-Folianten, den Gedichtbänden und der Deko des Stands auf verschiedene Vehikel aufzuteilen, bedurfte unsererseits hypergeometrischer Raumbeugung. Es ist ein Wunder, dass ich in dem wilden Gerangel nicht Taschenlampe, Reisetasche und die erworbenen Grimoires fallen ließ, aber irgendwie habe ich nichts davon verloren. Ich schaffte es tatsächlich, das Zimmer und das Haus zu verlassen, ohne ein weiteres Geräusch zu machen, mich und meine Habseligkeiten sicher in das alte Automobil zu schleppen und dieses archaische Fahrzeug in Richtung eines unbekannten sicheren Ortes in der schwarzen, mondlosen Nacht in Bewegung zu setzen. Die folgende Fahrt war ein episodenhaftes Delirium aus Poe oder Rimbaud oder den Zeichnungen von Doré, aber schließlich erreichte ich ___________. Das ist alles. Wenn mein Verstand noch unerschüttert ist, habe ich Glück.
Vielleicht habe mit dem beschlagnahmten Auto und dem Schrecken etwas übertrieben. Aber immerhin haben diejenigen, die diese Zeilen nun lesen, meine Ausführungen bis hierhin verfolgt. Schön war es in Dreieich und wir kommen gerne wieder.
- An dem Bericht mitgewirkt haben die dLG-Kultisten Homes, JaneDoe, Panta Rhei, quantor und FM_Fraktal