Lovecrafter Online – Hörspiel-Rezension: Hunger von Jörg Fischer
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Alex -
12. Dezember 2022 um 12:00 -
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Nach Das Artefakt (2019) ist Hunger die zweite Zusammenarbeit von Autor Jörg Fischer und Hörspiel-/Bücherschmiede Yellow King Productions. Wie schon im Artefakt verbindet sich hier süddeutsche Scheinidylle mit einem aufziehenden Gefühl unaussprechlichen Schreckens, das den hauchdünnen Firnis der Zivilisation aufbricht und darunter verborgene Übel zutage fördert, die man lieber für immer verdrängt hätte. „Unbeschreiblich“, jenes von H. P. Lovecraft so gern genutzte Adjektiv, um den unnahbaren Status seiner Kreationen zu untermalen, ist dabei ganz wörtlich zu nehmen, erfahren wir doch einen guten Teil der Geschichte durch Perspektive und Schreibfeder des Gerichtsreporters Hufnagel. Und der hat seine liebe Mühe, jenes Schaudern adäquat zu Papier zu bringen, das ihn angesichts der bestialischen Tat und ihrer unheimlichen Umstände packt. Lediglich sein innig geliebter und umsorgter Kater Murr – die deutsche Schauderikone E.T.A. Hoffmann lässt durch ihren gleichnamigen, feliden Romanprotagonisten grüßen – verbreitet Ruhe und Gelassenheit in der Schreibstube. Vielleicht ist dies einfach die Art der Katzen, die tierische Grausamkeit ebenso gut kennen wie entspannte Indifferenz gegenüber den Tatsachen. Oder spricht aus Murrs gelben Augen mehr als Hufnagel ahnt?
Schmutziger Kopfstein und lauerndes Übel
Gelb sind nicht nur die Katzenaugen. Denn eng verbunden sind Tat, Prozess und mit ihnen das Schicksal der nebeligen Kleinstadt ebenso mit Robert W. Chambers Werk Der König in Gelb (1895), das eine absonderliche und verhängnisvolle, jedoch nie vollständig offenbarte Macht innerhalb von Hunger ausübt. Und als Einfluss- und Impulsgeber, vielleicht sogar eine Art Schlüssel, auch auf das Medium der Hörerzählung selbst. Aberglauben und Urangst gären unter dem feuchten Kopfsteinpflaster des namenlosen Spielorts, nur unzureichend verdeckt von städtischem Treiben und scheinbar harmlosem Alltagsgeschäft. Wie schon im Artefakt, liegen die großen Stärken des Werks im trügerischen Dahinbrodelnden des, um den Genrejargon zu bemühen, „Slow Burners“. Und dessen wortreichen Texturen kann man geradezu lauschen, sie anfassen und leidlich erschnuppern. Denn erneut ist es die Plastizität der Pflastersteine, Holzbohlen und der diesmal dazustoßenden Exkrementhaufen und Nachttöpfe, die Fischers dahinsiechende Erzählung zum Leben erweckt. Und zu keinem Zeitpunkt langweilig werden lässt, obwohl eigentlich gar nicht so viel passiert.
Sprecher Philipp Engelhardt gibt sein Bestes, diese frühneuzeitliche Phantasmagorie in Worte zu fassen. Verschachtelt nehmen wir den Prozesshergang bis zum grässlichen Ende aus der Perspektive dreier Figuren wahr, hören beim garstigen Klatsch in den Altstadtgassen mit, riechen den Unrat, schmecken die Tinte, mit der Hufnagel hilflos versucht, den Redaktionsansprüchen seines Käseblatts gerecht zu werden. Und wir schmunzeln viel. Denn die Beschreibungen gestalten sich überaus humorvoll, ohne zu irgendeinem Zeitpunkt ins Alberne abzurutschen. Vielmehr kennzeichnet die etwa 65 Minuten Spieldauer eine groteske Morbidität, die deutschsprachige Phantastiktradition mit aus Übersee bekanntem, grimmigem Terror vereint. Im trojanischen Pferde bayrischer Historienkulisse – und in wohltuend unangepasster Zeitlupe.
Hunger ist ein entschleunigtes Antidot zum rasanten, Bildschirm wie Buch dominierenden Spektakelhorror unserer Zeit, das grotesken Spaß bereitet und gleichzeitig ein Unbehagen hinterlässt, das auch nach der akustischen Lektüre noch lange nachhallt.
Bildquelle: Yellow King Productions