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Lovecrafter Online – Filmkritik: Event Horizon

  • Michael H.
  • 5. Dezember 2022 um 12:00
  • 1.392 Mal gelesen
  • 0 Antworten
Filmexperte Michael ist zurück und widmet sich - pünktlich zum 25jährigen Jubiläum - einem echten Kultklassiker. Mal sehen, ob Event Horizon auch echten Cosmic Horror zu bieten hat!
Inhaltsverzeichnis [VerbergenAnzeigen]
  1. Handlung
  2. Lovecrafteske Momente
  3. Cinematographische Notizen
  4. Bewertung
  5. Fazit

“ There is no escape. The Gateway is open. And you are all coming with me ” - Dr. Weir

Wenn H.P. Lovecraft neben dem Cthulhu-Mythos - der nicht von ihm so benannt wurde - für etwas bekannt geworden ist, ist dies sicherlich die Etablierung des kosmischen Horrors in die Literatur des Genres. Geschichten, in denen das unbegreifbare Grauen aus den finsteren Tiefen des Kosmos hervor steigt und dem Menschen die Hölle auf Erden und den Wahnsinn bringt, stellen einen beträchtlichen Teil seines Werkes dar. Mit dem SF-Horrorthriller Event Horizon brachte Regisseur Paul W.S. Anderson 1997 eine Geschichte kosmischen Horrors in die Kinos und bediente sich auch lovecraftesker Motive und Stimmungen.

Handlung

“...(The Ship) defied Space and Time. She has been to a place you could not possibly imagine.” - Dr. Weir

Sieben Jahre war das von Dr. Weir entworfene Raumschiff Event Horizon ist in den Tiefen des Alls verschwunden. Es sollte als Prototyp mittels Gravitationsantrieb ein Loch in die Raumzeit reißen und so intergalaktische Reisen ohne Zeitverlust ermöglichen. Jetzt ist sie in der Neptunbahn wieder aufgetaucht und sendet nur eine seltsame, verzerrte Botschaft aus. Dr. Weir wird mit der Rettungscrew des Raumschiffs Lewis & Clark unter Captain Miller zur Klärung dorthin entsandt. Sie erreichen das verlassene, aber intakte Schiff und versuchen, seine Geheimnisse zu enträtseln. Eine Störung des Gravitationskernes beschädigt die angedockte Lewis & Clark und zwingt die Crew, auf das rätselhafte Schiff umzuziehen. Immer mehr verdichten sich die Hinweise, das die vorherige Crew an Bord wahnsinnig geworden ist und sich gegenseitig abgeschlachtet hat. Bald werden die ersten Mitglieder des Rettungsteams von seltsamen Visionen und Manifestationen ihres Unterbewusstseins heimgesucht. Tiefste Ängste und lange zurückliegende Sünden kommen wieder hervor und quälen, verwirren und bedrohen die Menschen an Bord. Offenbar verschwand die Event Horizon in einem schwarzen Loch und hat von dort etwas unsagbar Böses mitgebracht. Während Dr. Weir seinem Schiff und dem Wahnsinn immer mehr verfällt, versucht Captain Miller, seine Crew vor dieser Hölle zu bewahren.

Lovecrafteske Momente

“She ( the Ship) tore a hole in our universe. A Gateway to another Dimension. A Dimension of pure Chaos. Pure Evil..." - Dr. Weir

Der Film versucht eine beständige, beängstigende Grundstimmung auf den Zuschauer zu übertragen, so wie es Lovecraft mit seinen Geschichten ebenfalls beabsichtigte. Der Film nutzt dazu mehrere filmische Elemente effektiv. Die Kamera ist immer in Bewegung, kreist und rotiert um die Besatzung, geradezu lauernd. Dazu kommen seltsame Aufnahmewinkel und dynamische Kamerafahrten. Steht die Kamera einmal still, sind es vor allem weite Aufnahmen mit eher verloren wirkenden Personen oder Stimmungsbilder der hervorragenden Kulissen. Diese tragen enorm zur Atmosphäre des Unheimlichen bei.

Die gesamte Architektur des Schiffes und seines Inneren dürften dem Architekturfreund Lovecraft durchaus gefallen haben. Gleiches dürfte für die Inspirationen der Filmemacher bei vielen Malern wie Hieronymus Bosch oder Pieter Bruegel und den Nine Circles of Hell aus Dante Alighieris Gedicht gelten.

Der Film ist durchaus explizit, lebt aber mehr von seinen Andeutungen und den Anregungen für das Kopfkino des Zuschauers. Viele Farbeinsätze und Setbauten fördern das Gefühl von Verlassenheit, Verunsicherung und Angst. Letztlich bleibt vieles angedeutet, viele Motive (Lebt das Schiff? War es in der Hölle? Einer anderen Dimension?) werden angedeutet, aber nicht auserzählt; so, wie es Lovecraft selbst gerne tat.

Der Film spielt mit der Realität und der verschwimmenden Trennlinie zum Wahnsinn. Lovecrafts Geschichten wurden im Laufe seines Lebens immer wissenschaftlicher, er sah gerade in der Verletzung der Naturgesetze den wahren Horror. Die Erkenntnisse der Physik über Raumzeit und Astronomie baute er immer wieder in seine Geschichten ein (z.B. The Dreams in the Witch House, At the Mountains of Madness). So wurden Verzerrungen im Zeitgeschehen ebenso zum Thema (The Shadow out of Time) wie andere Dimensionen (From Beyond) und Reisen ins und durch das Weltall (The Whisperer in Darkness). Der Film verbindet diese Motive zu einer Geschichte über eine kosmische Bedrohung auf einem Raumschiff.

Ähnlich wie bei der Herrschaft durch Lovecrafts Entitäten, die der Menschheit Wahnsinn und Untergang bringen (Nyarlathotep), droht im Film ähnliches in Form der Hölle aus dem schwarzen Loch. Selbst die orgiastische Selbstverstümmelung und Raserei der Höllenvisionen nimmt Lovecraft in The Call of Cthulhu vorweg: “...Tierische Raserei und orgiastische Zügellosigkeit peitschten sich hier durch Geheul und kreischende Ekstasen zu dämonischen Höhen empor…wie Peststürme aus den tiefen der Hölle.”(aus: Chronik des Cthulhu Mythos, Band 1, Festa Verlag) Eine frühe, verworfene Scriptversion von Philip Eisner enthielt sogar “tentacular aliens”, die mit dem Schiff zurückkehren.

Der Film spielt mit sehr vielen Motiven aus Literatur und Film und bedient dabei die Klaviatur des kosmischen Grauen à la Lovecraft gekonnt.

Cinematographische Notizen

“You know nothing. Hell is only a word. The Reality is much, much worse…” - Dr. Weir

Der Film ist 25 Jahre alt, hält aber, von ein paar veralteten CGI-Effekten abgesehen, bis heute stand. Dabei war seine Produktion eine ziemlich chaotische Angelegenheit. Mit 60 Mio. Dollar hoch budgetiert hoffte das Studio Paramount auf einen veritablen Science Fiction Hit nach Star Trek-Muster, nur in gruselig. Mit nur 10 Wochen Produktionszeit war der Zeitrahmen zum Filmen, Schneiden und Einfügen von Effekten und Musik denkbar knapp für ein derartiges Projekt. Paramount brauchte 1997 schnell einen Sommer-Blockbuster, nachdem der Starttermin für James Camerons Titanic einmal mehr versank. Die ersten Testvorführungen verliefen katastrophal. Das Publikum und noch mehr die Verantwortlichen des Studios waren über die 130 Minutenversion des Filmes und dessen ausschweifende Brutalität entsetzt. Vor allem die Höllenszenen des verlorengegangenen Directors-Cut haben wohl vielen den Magen umgedreht und sie zutiefst verstört.

Die fertige 96 Minuten Fassung floppte fürchterlich und spielte nicht einmal die Hälfte der Kosten des Filmes im Kino wieder ein. Ebenso wurde er von Kritikern wie Roger Ebert ähnlich zerfleischt wie die erste Crew des Schiffes.

Inzwischen hat er eine größere Anhängerschaft und ist zumindest beim Publikum beliebter, für manche ist der Film ein kleiner Kultfilm und Andersons beste Arbeit, bevor er in der Resident Evil Reihe verschwand. Mangelnden Aufwand darf man Regisseur Anderson - der nach seiner erfolgreichen Mortal Kombat-Verfilmung quasi Carte Blanche hatte - und der hervorragenden Crew wirklich nicht attestieren. Design und Ausstattung sind technisch brillant und größtenteils handgemacht. Die Event Horizon wurde nach der Kathedrale von Notre Dame gestaltet und wie eine Kirche und deren Altarraum gebaut. Das gesamte Design ist mittelalterlich und gotisch gehalten, es gibt viele Kreuze und andere christliche Referenzen.

Sowohl vor als auch hinter der Kamera war ein kompetentes Team versammelt, Schauspieler wie Laurence Fishburne, Sam Neill, Joely Richardson und Jason Isaacs konnten ihre knapp gestalteten Rollen mit dem notwendigen Leben füllen. Sie gestalteten für ihre Figuren jeweils eigene Hintergrundgeschichten. Aufwendige Kabelarbeiten sorgten für die Effekte der Schwerelosigkeit. Gelungene Spezialeffekte von Richard Yuricich (Blade Runner, Star Trek, Close Encounters), eine wunderbar effektive Kameraarbeit von Urgestein Adrian Biddle (Aliens) und deftige Spezialeffekte von Bob Keen (Hellraiser / Candyman) bürgen für einen handwerklich einwandfreien Horrorfilm, was ihm sogar die Kritiker attestierten, die den Film ansonsten als blutige und sinnlose Schlachtplatte hielten.

Die Szene, in der Sam Neill den Flug durch die Faltung der Raumzeit unter Zuhilfenahme eines Stifts und dem gefalteten Poster eines posierenden Modells erläutert, war wohl die erste solche Darstellung und ist seither oft zitiert worden.

Bewertung

“You wanted to know where the Ship has been. Now you will find out.” - Dr. Weir

Streng genommen ist wenig an Event Horizon neu. Damit ergibt sich die Möglichkeit, ihn rundweg abzulehnen und zu hassen. Der Film zitiert eine Unzahl Vorbilder: der Ansatz war eine Mischung aus Shining und The Haunting von Robert Wise. Paul W.S. Anderson wollte eine Spukhausgeschichte im All, nur dunkler, böser, klaustrophobischer. Dazu nimmt der Film Anleihen bei Hellraiser, Alien und Tarkovskys Solaris sowie eine gehörige Portion Lovecraft. Das Drehbuch verwebt diese Bestandteile aber souverän zu einer spannenden, eigenen Geschichte. Leider ist gelungener Cosmic Horror immer noch zu selten. Event Horizon ist sicherlich ein sehr gelungener Vertreter dieses Genres.

Es entstand ein kurzer, harter Schocker, der heute noch funktioniert. Wenn man sich auf ihn einlässt, ist er optisch brillant, hoch effektiv und immer noch verstörend. Er erzeugt mit allen filmischen Mitteln eine bedrückende Stimmung der Desorientierung, Beklemmung und Panik.

Es wird gerne spekuliert, dass der Film mit den zusätzlichen Szenen der Langfassung besser wäre. Sicher hätten die Charaktere etwas mehr Futter gebrauchen können und es wäre mehr Effektarbeit, mehr Hintergrund und mehr Erklärung möglich gewesen. Ich würde die Version gerne sehen, bin mir aber nicht so sicher, ob sie letztlich effektiver wäre. Wie bei einer guten Lovecraft-Geschichte: mehr ist nicht immer gleich besser. Gerade das Unerklärte und Lückenhafte, das man selbst mit den hingeworfenen Fragmenten und Brotkrumen vervollständigt, gerade die schlaglicht-haften Grausamkeiten und alptraumhaften, kurzen Visionen machen das Unbehagen größer, fördern die Unruhe, reizen die Phantasie. So ist der Film mehr, als man sieht, und man sieht noch genug Verstörendes.

“Liberate Tutemet Ex Infernis”.

Fazit

“Can you see?...Can you see?....CAN YOU SEE?” - Dr. Weir

Ein verstörender Trip in ein Weltall, das nicht für den Menschen gemacht ist. Unheimlich, rätselhaft und ein visuell berauschender Abstieg in die Hölle, der mit durchgehend lovecraftesker Stimmung beeindruckt und groteske, blutige Bilder eines Alptraums im Kosmos zeigt. Einen nicht zu empfindsamen Magen vorausgesetzt, ist eine Sichtung sehr zu empfehlen.

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