Lovecrafter Online - 002 - Fresken, Funde und Fragmente: ​Die dLG und H.P Lovecraft beim 44. Internationalen Filmwochenende in Würzburg​

Würzburg – Ein erster Eindruck

Balthasar Neumann, Gemälde von
Markus Friedrich Kleinert (1727)
Allein die Kulisse war dabei die Reise mehr als wert. Dem sich aus Norden der unterfränkischen Domstadt nähernden Besucher eröffnete sich am frühen Tage ein malerisches Panorama aus nebligen Weinbergen und glitzerndem Mainfluss zur Begrüßung. Am Hauptbahnhof fand sich bald eine kleine Gruppe aus zeitig angereisten dLGern aus Nürnberg, Passau und Hannover zusammen, um das Vorfeld des Stammtisches mit allerlei Kultur zu füllen. Durch das Altstadtviertel näherte man sich gemächlichen Schrittes via Barbarossaplatz der barocken Würzburger Residenz, einem frühen UNESCO-Weltkulturerbe und ehemaligen Sitz der Fürstbischöfe.


Hier konnte sich die kleine Gruppe am Hofgarten und der atemberaubenden Planung des Architekten Balthasar Neumann erfreuen. Auch das Innere des Baus ließ keine Wünsche offen, erwarteten die Besucher doch das größte zusammenhängende Fresko weltweit und faszinierende Stuckaturen. Verantwortlich für die Augenweiden zeichnen die italienischen Meister Giovanni Battista Tiepolo und Antonio Guiseppe Bossi, die hier im Würzburger Rokoko gemeinschaftlich die Grenzen der Wahrnehmungskraft auslotende Kunstwerke schufen. Wer Würzburg besucht, der kommt an diesem epochalen Bauwerk nicht vorbei.

Bücher, Bier, Barbaren

Regisseur Sascha Alexander Renninger (1 Reihe, 2 v. links) unter
Freunden und Kollegen der Deutschen Lovecraft Gesellschaft
Schließlich fand man sich mit weiteren dLGern aus der Region zusammen, um im urigen Stöberparadies von Hermkes Romanboutique in der Valentin-Becker-Straße einzufallen und der Lust an kontemporärer phantastischer Literatur, antiquarischen Perlen und Rollenspielmaterial bzw. Comics hemmungslos zu frönen. Der recht gemütliche und großartig ausgestattete Laden ist ebenfalls immer einen Besuch wert und nach ausgiebiger Schatzsuche verließ die Gruppe zufrieden mit alten Phantastik-Suhrkamps, noch älteren Conan-Taschenbüchern und aktuellen Abenteuerbänden das Ladenlokal.


Da der Nachmittag nun bereits deutlich vorangeschritten war, hieß es, sich in Richtung des Stammtisches zu bewegen! Vorbei an der lieblichen Alten Mainbrücke und der imposanten Festung auf dem Marienberg (die sich im Sommer sehr als Open-Air-Location für Pen-and-Paper-Runden eignet, wie uns ein Insider zutrug) ging es stracks ins Hofbräu, wo sich die nun schon recht beachtliche Gruppe mit weiteren Freundinnen und Freunden aus der dLG zusammen schloss. Auch der Filmemacher Huan Vu stieß als Mitglied der dLG dazu, und so kaperte die illustre Gesellschaft einen großen Tisch in der Schankwirtschaft, um sich die nächsten Stunden mit interessanten und teils kontroversen Diskussionen rund um H.P. Lovecraft und angrenzende Themen zu vertreiben. Die Speise- und Getränkekarte reichte im Hofbräu von sportlich-vegan bis deftig-bodenständig und konnte so alle Bedürfnisse in absolut zufriedenstellendem Maße decken. Gegen Abend brach man dann schließlich zum finalen Programmpunkt auf: Der HPL-Kurzfilmnacht des Internationalen Filmwochenendes im Kulturzentrum Bürgerbräu.

Filme zu Ehren Lovecrafts

Fragment 1890 Filmplakat Lovecraft war bei der 44. Gala des Würzburger Internationalen Filmwochenendes eine ganze Reihe gewidmet. Bereits im Vorfeld waren Roger Cormans Klassiker Die Folterkammer des Hexenjägers sowie Huan Vus sich auf dem Wege zum Klassiker befindlicher Film Die Farbe gezeigt worden. Am Sonnabend dem 28.01. nun bahnte sich der Kernpunkt der Retrospektive an: Ein Block mit lovecraftigen Kurzfilmen, gekrönt von der Weltpremiere des zweiten Renningers Fragment 1890. Bereits vorab hielt sich der gebürtige Franke Sascha Alexander Renninger im Foyer des Kinos auf und stand den reichlichen Fragen der Lovecraft-Gemeinde Rede und Antwort. Dann konnte es um 21.15 Uhr endlich losgehen und die dLG bezog ihre Plätze in einem voll besetzten Kinosaal, um sich für die nächsten zwei Stunden in Lovecrafts Welten zu begeben.


Den Anfang machte Sascha Renningers lovecraftiger Erstling Shadow of the Unnamable, der im Dialog zweier Personen das Grauen in diffusen Schemen herannahen lässt und mit stimmungsvoller Minimalorchestrierung sowie ruhig-atmosphärischer Inszenierung der fesselnden Darsteller zu überzeugen wusste. Ein überzeugendes Stück Kurzfilmkunst, das nicht zu Unrecht auf diversen Festivals gelobt und ausgezeichnet wurde.


Im Anschluss wusste die gekonnte Transmission der suggestiven Kraft von Lovecrafts Das Bild im Haus zu begeistern: In seinem 15-minütigen Film Das Zimmer beschwor der spanischstämmige Filmemacher Samer Halabi Cabezón einige wirklich intensive Sequenzen, die trotz des modernen Handlungsortes sofort ihre Provenienz erkennen ließen. Auch wenn ein Plot-Twist nicht alle Zuschauer zu überzeugen vermochte, so blieb das Werk insgesamt beeindruckend.


Mit Film Nummer 3 erwartete das Publikum der längste Beitrag des Blocks, der auch Kennern der Materie auf der großen Leinwand ein ungekanntes Erlebnis verschaffen konnte. Es handelte sich um die bewusst zeitgenössisch gehaltene Stummfilmadaption von Der Ruf des Cthulhu der ausgesprochen professionell agierenden amerikanischen Enthusiasten der H.P. Lovecraft Historical Society (HPLHS). Trotz der Tatsache, dass der 2005 gedrehte Film bereits vielen Zuschauern bekannt war, war es dennoch ein Hochgenuss, die stygischen Stufen des versunkenen R’lyeh auf dem Kinotransparent schauen zu dürfen.


Patrick Müller: The Colour
out of Space Filmplakat
Eine Atempause für die durch die Texttafeln des Stummfilms geforderte Konzentration des Publikums verschaffte im Anschluss der ultrakurze Farbenrausch The Colour out of Space des deutschen Filmkünstlers Patrick Müller, der sich auf wenige textliche Zitate aus Lovecrafts gleichnamiger Novelle beschränkte. Dafür bot Müller höchste ästhetische Genüsse in einer Mischung aus anspruchsvollen Färbungen landschaftlich reizvoller Bilder und dunklen Ambient-Klängen, die in der Weite des Kinosaals vollumfänglich zur Geltung kam und in aller Kürze verführte.

Sodann war der Zeitpunkt gekommen für la grande finale: Sascha Renningers zweite Lovecraft-Episode Fragment 1890 flimmerte zum ersten Male über die Leinwand. Der Würzburger griff für seinen Film ein von HPL hinterlassenes Traumfragment auf und zeigte eine gekonnte Fortführung der fragmentarischen Skizze, die bis ins letzte Detail sowohl den Laien mitriss als auch die Experten forderte und letztlich mit hohem Anspruch sinisteres Grauen präsentierte. Ein Kurzfilm, der zweifellos Maßstäbe setzt für spätere Produktionen ähnlicher Natur und dem eine maximale Verbreitung zu wünschen ist. Die Lovecraft-Gemeinde ist Sascha Alexander Renninger für seine jahrelange Hingabe und sein unermüdliches, überwiegend unentgeltlich erfolgtes Engagement zu tiefstem Dank verpflichtet, ein Werk von solch visionärer Kraft und brillanter Ausstattung genießen zu dürfen. Dies spiegelte sich auch in der anschließenden Fragerunde, bei der Renninger dem Publikum Rede und Antwort stand. Auch wenn dezente Kritik und Wünsche nicht ausblieben, so war die große Begeisterung für die Arbeiten des Filmemachers doch spürbar.

Fazit

Regisseur Sascha Alexander Renninger im Gespräch mit Kultisten Damit ging ein großartiger Tag voller Kultur, Gespräch und Lovecraft absolut formvollendet zur Neige. Da noch der Trash-Kult Re-Animator in der Spätvorstellung gezeigt wurde, musste das Q&A mit Renninger leider abgebrochen werden, was dann aber im Foyer fortgesetzt wurde, so zahlreich waren die Fragen zu Technik, Umsetzung, Inspirationen und ebenso zahlreich waren die Lobreden auf den Künstler und seine Crew. Es steht zu hoffen, dass auch Fragment 1890 auf DVD oder Blu-Ray zugänglich gemacht werden wird. Renninger selbst äußerte zudem Pläne, einen dritten Teil drehen zu wollen, um die Episoden mit einer passenden Rahmenhandlung zu verbinden.


Als großer Kenner Robert E. Howards wurde zudem auch die Möglichkeit einschlägiger Adaptionen rege diskutiert; beide Vorhaben wären eine unnennbare Bereicherung! Nachdem alle Themen halbwegs ausdiskutiert worden waren (bis das die Zeit den Kreislauf besiegt, sozusagen), verabschiedete und trennte man sich zu später Stunde vor dem Lichtspielhaus. Ein sehr schönes Erlebnis, das in Erinnerung bleiben wird und Lust auf mehr dLG-Vereinsleben machte; und auf die weitere Auseinandersetzung mit unserem Namenspatron, versteht sich! Der nächste Stammtisch und die nächste Veranstaltung, sie kommen bestimmt.