Antiquarische Streifzüge: Horror. Gruselgeschichten aus alter und neuer Zeit (1971)

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    Horror. Gruselgeschichten aus alter und neuer Zeit. Herausgegeben von Kurt Singer. Mit Bildern von Günther Stiller. Leinen, mit Schutzumschlag, 325 Seiten. Deutscher Bücherbund. Hamburg, Stuttgart, München 1971


    Dieses faszinierende Buch habe ich in meiner Jugend entdeckt. Die Mutter eines guten Freundes besaß ein Exemplar, das ich mir ausleihen durfte. Außer H. P. Lovecraft, H. G. Wells, Charles Dickens und vielleicht noch Robert Bloch waren mir die anderen AutorInnen unbekannt. Seit rund 30 Jahren begleitet mich diese Sammlung, die ich immer wieder gerne zur Hand nehme und die immer wieder neue Möglichkeiten der Beschäftigung bietet; insbesondere im Umkreis der erweiterten Lovecraft-Lektüre.

    Editionsgeschichte

    Was ist nun das Besondere an der Anthologie? In der vorliegenden Fassung stellt sie einen Querschnitt dar aus Kurt Singers vierbändiger Buchreihe Horror, erschienen zwischen 1969 und 1971 im Verlag Krüger (das Originalmaterial hatte Singer in mehreren englischsprachigen Anthologien zwischen 1965 und 1969 kompiliert). Heyne brachte wenig später eine Taschenbuchausgabe auf den Markt, welche jedoch aus 5 Bänden besteht; das Originalmaterial somit noch erweitert. Die hier vorgestellte gebundene Ausgabe bietet 19 Erzählungen, die fast komplett aus den Bänden Horror 1 und Horror 2 stammen.

    Pulp Fiction

    Erst in den letzten Jahren wurde mir bewusst, dass Singers Auswahl zum Gutteil aus originärem Pulp-Material besteht. Es handelt sich um Stories aus einschlägigen Magazinen bzw. Stories von Leuten, die für dieser Magazine schrieben: an erster Stelle Weird Tales. Die Veröffentlichung des Buchs fiel mithin in einen Zeitraum, in dem auch in Deutschland Pulp-Material aus den 1920er bis 50er Jahren ausgegraben wurde. Zu nennen sind etwa Formate wie die Bibliothek des Hauses Usher (Insel Verlag, 1969 – 1975 ), Terra Fantasy (Pabel Verlag, 1974 – 1982 ) oder diverse andere Taschenbuchreihen (vor allem des Heyne Verlags). Interessanterweise – das ist meine These – war sich das damalige Publikum über Wesen und Wirkung der Pulps kaum im Klaren. Und die Idee, den Begriff „Pulp“ im Sinn einer Marketingstrategie einzusetzen, lag noch in weiter Ferne …

    Einige Highlights

    Neben Whites „Lakandu“, Lovecrafts „Träume im Hexenhaus“ oder Longs „Der Mann mit den tausend Beinen“ gefallen mir besonders die folgenden Geschichten:


    • Laurence Manning: „Die Höhlen des Schreckens“
      Ein betuchter Jäger entdeckt unter seinem Anwesen auf Long Island eine unterirdische Welt. Er organisiert für seine Freunde eine subterrane Großwildjagd auf die dort hausenden Monster.
    • Mearle Prout: „Das Haus des Wurms“
      Eine düstere Vision von Fäulnis und Verfall, angesiedelt in einer atmosphärisch geschilderten Waldumgebung.
    • Eric Frank Russell: „Der Rhythmus der Ratten“
      Die alte Sage des Rattenfängers von Hameln transformiert in eine Weird Tale mit einem Schuss Coming of Age; ebenso ungewöhnlich wie unheimlich.

    Lovecraft meldet sich zu Wort

    Um abschließend auf Lovecraft selbst zu sprechen zu kommen: Dieser hatte zu einigen der genannten Autoren eine mehr oder weniger enge Beziehung. So besaß er das Buch Lukandoo & other stories (1927) von Edward Lucas White – das Geschenk eines Brieffreunds. Lovecraft war fasziniert von Whites Behauptung, er habe die darin enthaltenen Erzählungen tatsächlich geträumt. Eine konkrete Äußerung gibt es außerdem zu Mearle Prouts „Das Haus des Wurms“. Lovecraft hatte die Geschichte 1933 in Weird Tales gelesen: „Ungewöhnlich vielversprechend ist, meiner Meinung nach, das unausgegorene ‚House of the Worm‘ eines unbekannten Autors – Mearle Prout.“ schrieb er im Oktober 1933 an den jungen Robert Bloch.

    Fazit

    Horror präsentiert einige herausragende Beispiele der Weird Tale aus dem ersten Drittel bzw. aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Neben der gelungenen Wahl der Geschichten verdient das Buch an sich Beachtung: ein relativ großformatiges Hardcover mit Schutzumschlag, blutrotem Vorsatzpapier und illustriert mit vielen Collagen von Günther Stiller. Die hochwertige Aufmachung passt zur Büchergilde Gutenberg, die den Titel ebenfalls in ihr Programm aufnahm. Antiquarisch sind dieses Buch sowie einige der erwähnten anderen Ausgaben problemlos aufzutreiben.

    Inhaltsübersicht

    1. Edward Lucas White: Lakandu (Lukundoo)
    2. Frank Belknap Long: Der Mann mit den tausend Beinen (The Man with the thousand legs)
    3. Charles Allston Collins und Charles Dickens: Der Mordprozeß (To Be Taken with a Grain of Salt/The Trial for Murder)
    4. Robert Bloch: Die Männchen des Grauens (Mannikins of Horror)
    5. H. G. Wells: Das unerfahrene Gespenst (The Inexperienced Ghost)
    6. Roger M. Thomas: James Bradleys Vampir (The Bradley Vampire)
    7. Laurence Manning: Die Höhlen des Schreckens (Caverns of Horror)
    8. Tigrina [d. i. Edythe D. Eyde]: Letzter Akt: Oktober (Last Act: October)
    9. Enid Bagnold: Der verliebte Geist (The Amorous Ghost)
    10. Arlton Eadie: Das Wolfsmädchen von Josselin (The Wolf Girl of Josselin)
    11. Seabury Quinn: Die Herren des Geisterlandes (Repayment)
    12. Gans T. Field [d. i. Manly Wade Wellman]: Ein halbes Spukhaus (The Half-Haunted)
    13. Frank Lillie Pollock: Die letzte Morgenröte (World-Wreckers)
    14. Eric Frank Russell: Der Rhythmus der Ratten (The Rhythm of the Rats)
    15. Robert Bloch: Der grinsende Ghul (The Grinning Ghoul)
    16. H. P. Lovekraft [sic!]: Träume im Hexenhaus (The Dreams in the Witchhouse)
    17. Hugh Walpole: Mrs. Lunt (Mrs. Lunt)
    18. Frank Belknap Long: Die zwei Gesichter (Two Face)
    19. Merle [sic!] Prout: Das Haus des Wurms (The House of the Worm)
  • Vielen Dank für diese Vorstellung! Die nette Idee, Sax Rohmers Das graue Gesicht nebenan zu platzieren, hat mir zudem eine Schmunzler am Morgen beschert.


    Ich muss gestehen, dass ich überrascht war ob des Herausgebers. Ich habe die Anthologie zwar, aber Singer war mir immer eher aus dem Bereich der Agentenstory ein Begriff. Interessant!

  • Eine wunderbare Anthologie, die Zeigt, dass das Goldene Zeitalter der Horror-Anthologie gute 50 Jahre her ist.

    Genau diese Hardcover-Sammlung steht auch hier bei mir und ich freue mich sehr sie zu haben. Ich weiß gar nicht mehr recht, wie/wann sie zu mir gefunden hat, aber es muss vor 5-6 Jahren gewesen sein, als ich viele der 60er und 70er Anthos antiquarisch ergattert habe.

    “I couldn’t live a week without a private library – indeed, I’d part with all my furniture and squat and sleep on the floor before I’d let go of the 1500 or so books I possess.”
    H.P. Lovecraft in einem Brief vom 25. Februar/1. März 1929 an Woodburn Harris

    Einmal editiert, zuletzt von derTräumer ()

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