Lovecrafter Online – H. P. Lovecraft wird 133 Jahre alt und wir sagen Danke!
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Vermutlich hat jede/r von uns eine eigene Geschichte, wie wir Lovecrafts Werke entdeckt haben und seinem Wahnsinn verfallen sind. Anlässlich seines Geburtstags möchte ich meinen Abstieg in den Wahnsinn heute mit euch teilen.
Wenn ich an meine ersten Berührungspunkte mit H. P. Lovecraft zurückdenke, fällt mir sofort die amerikanische Zeichentrickserie South Park ein. Sie wurde von Trey Parker und Matt Stone geschaffen und zeichnet sich durch ihren sehr derben Humor sowie ihre gesellschaftskritischen Inhalte aus. In der 14. Staffel taucht tatsächlich Cthulhu höchstpersönlich auf – für drei Folgen – und sorgt für Verwüstung und Verderben. Damals konnte ich mit dem Namen noch nicht viel anfangen und wusste nicht einmal, dass Cthulhu aus Lovecrafts Feder stammte. Ich dachte einfach, es sei irgendein Monster, das man sich für diese Serie ausgedacht hatte.
Erst Jahre später wurde mir klar, dass ich die Auswüchse von Lovecrafts Einfluss auch in einem anderen Kontext gesehen hatte: ausgerechnet im Videospiel meiner Jugend. World of Warcraft ist ein MMORPG, das seit 2004 Millionen SpielerInnen in die Fantasywelt Azeroth zieht. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein klassisches Fantasy-Game. Man spielt als Elfen, Orks, Zwerge, etc. und erledigt Quests, bestreitet Raids und tritt im PvP gegen andere SpielerInnen an. Doch hinter den Kulissen dieser Welt sind kosmische Kräfte am Werk. Genau hier kommen die Alten Götter ins Spiel, denn auch sie existieren in Azeroth. Sie sind stark an groteske Lovecraftsche Monster angelehnt: voller Tentakel und für den Verstand einfach unbegreiflich. Y’ Shaarj, C’ Thun, Yogg-Saron, N’ Zoth und G’ huun – das sind die Namen der Alten Götter, die in der World of Warcraft Wahnsinn und Verderben verbreiten. Sie können Menschen allein mit ihren Gedanken beeinflussen, manipulieren und in den Wahnsinn treiben.
Speziell an den Kampf gegen Yogg-Saron kann ich mich noch gut erinnern, denn auch mein Charakter ist bei dem Versuch, dieser Kreatur Einhalt zu gebieten, mehr als einmal wahnsinnig geworden.
Erst mit Mitte 20 habe ich Lovecraft dann wirklich als Schriftsteller wahrgenommen und kennengelernt. Während meiner Zeit an der Uni war ich Teil der AG Game Studies. Neben der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Videospielen verfolgte die AG lange die Idee, ein eigenes Spiel zu programmieren. Dieses sollte auf der Kurzgeschichte „Die Ratten im Gemäuer“ (1924) basieren, da wir in der AG viele Lovecraft-Fans hatten. In der AG lernte ich übrigens die heutige erste Vorsitzende des Vereins kennen. „Die Ratten im Gemäuer“ war somit die erste Kurzgeschichte von Lovecraft, die ich las. Das Spiel wurde leider niemals fertiggestellt, doch immerhin erfuhr ich endlich, wer H. P. Lovecraft war.
Und dann kam das Rollenspiel. Zwar habe ich ganz klassisch mit Dungeons & Dragons angefangen, bin aber irgendwann zum Rollenspielsystem Call of Cthulhu (CoC) gelangt. An dieser Stelle einige Shout-Outs:
Übrigens gab mir die anRUFung 2022 den entscheidenden Schubser, den ich brauchte, denn direkt im Anschluss bin ich der dLG beigetreten.
Mittlerweile gehört H. P. Lovecraft – speziell durch meine Vereinszugehörigkeit und Vereinsarbeit – zu meinem Alltag. Ehrlicherweise hadere ich mit dieser Tatsache oftmals, denn natürlich weiß ich, dass Lovecraft ein absoluter Rassist war. Das ist die dunkle Seite, mit der wir uns alle auseinandersetzen müssen.
Trotz dieser Problematik erkenne ich an, was Lovecraft mit seinem Cthulhu-Mythos geschaffen hat, und ich bin überzeugt, dass mein Leben nicht dasselbe wäre, hätten seine Werke nicht einen so großen Einfluss auf die Welt um mich herum genommen. Während ich das anerkennen kann, sehe ich mich auch in der Verantwortung, eine bunte Welt mitzugestalten, in der sich H. P. Lovecraft extrem unwohl fühlen würde.
Soviel zu meiner kleinen Geschichte, wie ich zu Lovecraft gefunden habe – von den ersten, unwissentlichen Begegnungen mit Cthulhu und kosmischem Horror, hin zu einer Konstante in meinem Leben. Ich denke, sie zeigt unter anderem, dass man H.P. Lovecraft nicht unbedingt kennen muss, um sein "Vermächtnis" zu erleben. Ebenso zeigt sie, dass Faszination und Verantwortung nicht voneinander getrennt werden können. Durch meine aktive Mitarbeit im Verein trage ich hoffentlich meinen Teil dazu bei, Lovecrafts kosmische Schrecken lebendig zu halten und gleichzeitig Vielfalt, Toleranz und eine kritische Auseinandersetzung mit seinen Werken zu unterstützen und zu leben.
Damit bleibt nur noch eines zu sagen: Herzlichen Glückwunsch zum 135. Geburstag, H. P. Lovecraft!
Mit cthuloiden Grüßen
Eure Madi
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