Lovecrafter Online – Träume im Hexenhaus: Lovecraft geht in die Elm Street
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Die Interfilm Academy Munich e. V. hat zwei Filmgespräche im Hamburger Kommunalen Kino Metropolis in Kooperation mit der Deutschen Lovecraft Gesellschaft e. V. durchgeführt: Gezeigt wurden am 31.03.2024 A Nightmare on Elm Street (1984) als Beitrag bei Bizarre Cinema und am 15.05.2024 The Blair Witch Project (1999) im Rahmen der Kriminologischen Filmreihe.
Beide Klassiker der Horror-Genres vereint nicht nur ihre wegweisende Bedeutung, sondern auch, dass die völlig unterschiedlichen Handlungen von verschiedenen Erzählungen von Howard Phillips Lovecraft beeinflusst wurden, insbesondere von Träume im Hexenhaus (The Dreams in the Witch House, veröffentlicht 1933), worin ein Student immer mehr unter den Einfluss okkulter Kräfte gerät. Mythen treffen eine auf sich als aufgeklärt verstehende Moderne: „Gilman hätte nicht in Worte fassen können, was er dort eigentlich zu finden erwartete; ihm war lediglich klar, dass er in dem Gebäude wohnen wollte, in dem im 17. Jahrhundert eine gewöhnliche Frau durch irgendeinen Umstand mehr oder weniger unvermittelt mathematische Einsichten erlangt hatte, die vielleicht sogar die modernsten Errungenschaften von Planck, Heisenberg, Einstein und de Sitter übertrafen.“[1] Bei beiden Veranstaltungen waren über 60 interessierte Gäste anwesend, und es gab rege Diskussionen.
„Nemesis aller Teenager“[2]
40 Jahre Freddy Krueger! Jugendliche einer amerikanischen Kleinstadt träumen von einem mit Brandnarben entstellten Mann, der sie mit einem Messerhandschuh verfolgt. Die unheimliche Geschichte um eine schreckliche Vergangenheit in einer repressiven Gesellschaft inszenierte der Regisseur Wes Craven wie ein modernes Märchen mit Anspielungen auf antike Mythen, die auch Lovecraft faszinierten: Kruegers grimmigen Feldzug gegen die Jugendlichen hat Hans Schifferle mit der griechischen Rachegöttin Nemesis verglichen, und die Handlung zentriert sich in einem Haus, dessen Säulen vor dem Eingang in einer Traumsequenz an einem griechischen Tempel erinnern. Vor allem aber ist Freddy eine ähnliche Figur wie Keziah Mason, die in Lovecrafts Träume im Hexenhaus offenbar das Raumzeit-Kontinuum verändern kann. Vor allem in den Fortsetzungen zeigt Freddy, dass er physikalische Gesetze im Traum außer Kraft setzen kann, und einmal tritt er sogar in Hexengestalt auf. Die Filmreihe verweist auch auf ein Trauma der amerikanischen Geschichte: Das Attentat auf John F. Kennedy wurde in einer Elm Street verübt.
„Nacht und Schrecken versunkener Wälder“[3]
Eine denkbar einfache Geschichte, die sich am Märchen von Hänsel und Gretel anlehnt: Drei Studierende verirren sich im Rahmen eines Forschungsprojektes über einen Hexen-Mythos in einem Wald. Bereits zu Beginn erfahren wir, dass sie spurlos verschwunden sind und lediglich Filmmaterial gefunden wurde - ein unheimliches Element des Films ist die Anspielung auf das reale Verschwinden von Menschen.[4] Ein Einsiedler namens Rustin Parr wird genannt, der einst unter dem Einfluss der Hexe sieben Kinder tötete - die Figur erinnert an Freddy Krueger.
Der Vorspann nennt die Häxan Production, worin bereits ein deutlicher Hinweis auf Benjamin Christensens legendären Stummfilm-Klassiker Hexen (Häxan) aus dem Jahr 1922 zu finden ist, den Hans Schifferle als den Beginn des „harten Subgenre des Hexenverfolgungsfilms“ betrachtet, worin es immer „um die Passion von Frauen geht, und immer um Bilder von Frauen, von Männern gemacht.“[5] Vor allem in den protestantisch-reformierten Gebieten kursierte in der frühen Neuzeit der Hexenwahn, während immer mehr naturwissenschaftliche Erkenntnisse erlangt wurden und sich die moderne kapitalistische Produktionsweise durchsetzte. Es entwickelte sich auch der bis heute geltende Zeitbegriff: Zeit wurde als wertvoll empfunden und durfte nicht vergeudet werden. Arbeit wurde dadurch immer mehr zum höchsten Wert.[6]
Die drei Studierenden verlieren immer mehr das Zeitgefühl und versuchen durch Verweise auf den Arbeitsbeginn um 9 Uhr oder das Singen der amerikanischen Nationalhymne das bekannte oder vermeintliche Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zurückzuholen.
„The Blair Witch Project ist ein Film der radikalen Reduktion, der aber gleichzeitig so stark mit Urängsten spielt wie wenige Kinowerke vor ihm.“ Sein einzigartiger Erfolg liegt vielleicht darin begründet, dass er „vollkommen gegen seine Zeit steht“.[7]
Der Film löste einen Found-Footage-Boom aus, der bis heute andauert; z.B. Cloverfield und die Paranormal-Activity-Reihe gehören dazu. Anders als bei den meisten Nachfolgern wird das Mockumentary-Prinzip streng eingehalten – die Kameraführung durch die Schauspieler ist spontan, nichts offensichtlich Übernatürliches ist zu sehen. Tatsächlich war dem Publikum damals nicht so recht klar, ob wirklich geschehen ist, was es sieht. Zur Premiere 1999 um Mitternacht auf dem Sundance Film Festival wurden die Schauspieler als "vermisst" bzw. "verstorben" angegeben. Die Vorführung wurde ein Überraschung-Hit, angeblich übergaben sich einige Zuschauer im Kinosaal.
The Blair Witch Project war der vielleicht erste weltweit vertriebene Film mit Marketing hauptsächlich über das Internet. Der mit einem Budget von 60.000 $ gedrehte Film, der ursprünglich nur ans Fernsehen verkauft werden sollte, wurde in Sundance von Artisan Entertainment für 1,1 Mio. $ gekauft. Der Vertrieb griff das Spiel mit der Wirklichkeit auf: Die Webseite des Films zeigte Kinderfotos der Schauspieler und angebliche Vermissten-Meldungen, dazu Interviews-Clips mit Polizisten; selbst die Internet Movie Database IMDb listet sie als "verschollen, vermutlich tot". In einer Zeit vor den sozialen Medien, ohne Smartphones und YouTube ging der Film viral, lange, bevor es diesen Begriff überhaupt gab, und spielte weltweit fast 250 Mio. $ ein.
In der Nachbesprechung zeigten wir eine Illustration von Harry O. Morris zu Träume im Hexenhaus, die deutlich von Roger Cormans The Masque of the Red Death (1964) inspiriert ist. Wir gedachten des am 9. Mai 2024 verstorbenen Regisseurs Corman, der mit Die Folterkammer des Hexenjägers (The Haunted Palace, 1963) erstmals eine Vorlage von Loveccraft verfilmte - Der Fall Charles Dexter Ward. Ein Teilnehmer verwies auch darauf, dass die Beschreibung der Blair-Hexe als stark behaartes Wesen an die Figur Wilbur Whateley aus Lovecrafts Dunwich Horror erinnert.
A Nightmare on Elm Street und The Blair Witch Project sind zwei besonders markante Beispiele dafür, dass H.P. Lovecrafts Geschichten nur selten direkte Vorlagen für Verfilmungen sind, sich aber viele bemerkenswerte Horrorfilme auf sie beziehen und von ihnen inspirieren lassen.
- Franz Indra und Stefan Preis
[1] Lovecraft, Howard Phillips (2006): Das schleichende Chaos. Horrorgeschichten. Leipzig.
[2] Schifferle, Hans (1994): Die 100 besten Horrorfilme. München. S. 125.
[3] Zeile aus dem Gedicht Siebengesang des Todes von Georg Trakl.
[4] Besonders tragisch ist etwa der ungeklärte Vermisstenfall Diana Ferch. Die Verfasserin des Fantasy-Romans Jaden Page oder Das Geheimnis der Traumreisen (2012, Berlin) wird seit einer Waldwanderung 2011 vermisst.
[5] Schifferle, Hans (1994): Die 100 besten Horrorfilme. München. S. 74.
[6] Fromm, Erich (1983): Die Furcht vor der Freiheit. Frankfurt am Main/Berlin. S. 57.
[7] Worschech, Rudolf (2004): The Blair Witch Project. In: Vossen, Ursula (Hrsg.): Filmgenres Horrorfilm. Stuttgart. S. 341-345.
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