S.T. Joshi

  • Hiho,


    die Wadrei-Briefe hab ich ja in der alten Auflage, werd sicher, wenn die neue einen Mehrwert hat, diese aber auch erwerben.


    Die Briefe zwischen Derleth und CAS hingegen ist für mich ein echtes Highlight. Das sind tolle Nachrichten.

    “I couldn’t live a week without a private library – indeed, I’d part with all my furniture and squat and sleep on the floor before I’d let go of the 1500 or so books I possess.”
    H.P. Lovecraft in einem Brief vom 25. Februar/1. März 1929 an Woodburn Harris
  • Ich fange mal an. Zwei grundsätzliche Überlegungen hatte ich zu Rahels Anwürfen geäußert:


    Zitat

    1. Joshi ist kein Literaturwissenschaftler. Also weder von der Ausbildung her noch vom "Beruf" (er lehrt und forscht nicht an einer Uni, soweit ich weiß). Ich bin mir recht sicher, dass er dies in seinen Texten und verbalen Aussagen immer wieder betont hat (vielleicht noch nicht in seiner Grundlegung "The Weird Tale", das Buch ist ja, wie du auch schon gesagt hast, aus den frühen 90ern). Er bedient sich eher der Methodik des "Literary Criticism" - Eigenständigkeit und Grenzen müsste man sich genauer anschauen. Jedenfalls bin ich mir recht sicher, dass er sich keineswegs als Literaturwissenschaftler "verkauft". Wobei eben auch weiterhin die Frage ist, was Literaturwissenschaft überhaupt sei, denn...


    Zitat

    2. ... du kritisiert den vermeintlich "veralteten Forschungsstand" Joshis unter Bezug auf theoretische Neuerungen Roland Barthes. Das ist meiner Ansicht nach so nicht haltbar. Was hat der Einsatz einer Methode in der Geisteswissenschaft mit "Forschungsstand" zu tun? Joshi ist kein Strukturalist/Poststrukturalist/Dekonstruktivist (wie auch immer man diesen Bereich heute maßgeblich benennt) - das ist natürlich vollkommen richtig. Was aber hat das mit "Forschungsstand" zu tun? Dies könnte man ja nur innerhalb einer Methode kritisieren. Mir scheint bei deiner Herangehensweise eher eine Methodenkritik geboten, die natürlich immer machbar ist - aber "die" Methode gibt es in der Literaturwissenschaft ja nun nicht. Auch nicht in der Philosophie. Es gibt Argumente für und gegen Methoden, sicherlich, es gibt Moden und es gibt institutionelle Vorherrschaften. Ich würde dies alles gern sauber getrennt wissen.


    Jetzt müsste Rahel antworten, da ich nicht einfach für sie ihre Antwort hier hinein kopieren möchte.

  • Hi Nils, danke für den Anfang :) Du kannst meine Antworten ruhig reinkopieren - heute und morgen bin ich leider recht viel unterwegs. Aber hier schonmal meine direkte Antwort auf die obigen Nachrichten:


    Zitat

    1. Literary Criticism ist ein Teil der Literaturwissenschaft, nur eben nicht unbedingt Teil der Literaturtheorie - obwohl Strömungen wie bspw. der New Criticism sich genau auf diesen Grenzen bewegen. Zu Joshis (Selbst-)Darstellung: In allen Publikationen, die ich hier habe, die von ihm verfasst oder herausgegeben wurden, wird er als "literary scholar" vorgestellt. Klar, das ist ein weiter Begriff: Aber Wissenschaftlichkeit wird hier schon suggeriert.

    2. Ich kritisiere an Joshi sowohl seine Methode als auch seine theoretische Rahmung.

    2.1 Methode eben, weil er veraltete Methoden verwendet. Und klar: es gibt in der Literaturwissenschaft nicht die "eine" Methode. Dennoch entwickelt sich die Wissenschaft; es hätte deultich bessere, weniger angreifbare Methoden für das Unterfangen gegeben. Auch die neoklassizistische Literaturkritik aus der Renaissance oder psychoanalytische Ansätze aus dem frühen 20. Jahrhundert stoßen beispielsweise heutzutage (meiner Meinung nach berechtigt) auf Kritik.

    So viele Briefe wie Joshi auch gelesen haben mag - Lovecraft hat er nie persönlich kennen gelernt, geschweige denn, in dessen Kopf gehaust. Es ist schwierig, die Weltanschauung und das Werk so unidirektional in Verbindung zu bringen. Da hätte man meiner Meinung nach dialogischer arbeiten müssen - was zu dem Zeitpunkt, lange nach der Gründung der Kulturwissenschaften - eigentlich schon gang und gäbe war.

    2.2 Der Forschungsstand: Entschuldige, dass ich da beim Schreiben nicht klar differenziert habe, was eigentlich zwei Punkte meinerseits waren. Meine Meinung zur Methode ist oben; beim Forschungsstand sind es Aussagen wie "founded and closed a genre" (zu Bierce) die mich stören. Da sage ich: Entweder, Joshi hat nicht genug gelesen, oder ignoriert, was ihm nicht in den Kram passt. Aber solche Aussagen sind Generalisierungen.

  • Na gut! Dann kopiere ich mal den Rest hier rein.



  • Zitat von Rahel
    ich bin durch und durch Kulturwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Literatur- und Medienwissenschaft. Also interdisziplinär unterwegs

    Schließt sich das denn mit strukturalistischen Arbeitsweisen aus? Kulturwissenschaften sind mir immer sehr heterogen erschienen. Was genau beforscht du und mit welchen Methoden?


    Zitat von Rahel
    Aus eigener Erfahrung weiß ich aber, dass diese Kurzbios immer von den Autor*innen selber stammen

    Das kann natürlich sein, ich bin letztlich auch kein profunder Kenner dieser Vorgänge. Lassen wir es so stehen.


    Zitat von Rahel
    oftmals sehr selektive, nicht unbedingt transparente Ausführungen zum aktuellen Forschungsstand, bzw. worauf Joshi seine theoretischen und methodischen Ansätze aufbaut.

    Das Beispiel ist auf jeden Fall recht eindrücklich. Ich kenne gerade dieses Buch von Joshi leider überhaupt nicht und sehe mich daher außerstande, eine Debatte zu führen. Aber so, wie du es darstellst, ist es gewiss schwerwiegend. Es sei denn, Joshi würde seine Auslassung irgendwie begründen.


    Zitat von Rahel

    Seine Thesen belegt Joshi zwar empirisch, aber voreingenommen. Das ist The Weird Tale wieder ein schönes Beispiel: er zwingt die vermeintliche Weltanschauung der sechs Autoren ihren Erzählungen auf. Mich haben seine Ausführungen zu Bierce und James beispielsweise überhaupt nicht überzeugt. Der Umgang war mir nicht kritisch genug, hat nicht genug Gegenperspektiven beleuchtet und war somit schlicht einseitig.


    Joshi begeht in Davon ausgehend prüft er ihre Erzählungen auf diese Ausgangsthese hin, versucht aber ausschließlich, diese These zu beweisen, anstatt sie kritisch zu untersuchen. Beziehungsweise, er scheint die Ausgangsthese überhaupt erst durch die Lektüre der Erzählungen entwickelt zu haben.

    Hm, hier müsste man wirklich nach der konkreten Lektüre nochmal diskutieren. Ich sehe deinen Punkt und erkenne die Validität der Kritik potentiell an, bin mir aber nicht sicher, ob ich es wirklich auch so sehe. Wie du sagst: Dich hat es nicht überzeugt. Mit Bierce und James sprichst du dazu ausgerechnet zwei Abteilungen des Buches an, die ich nicht bzw. so gut wie nicht gelesen habe. Ich habe mich vor Jahren intensiv mit den Abschnitten zu Dunsany und Chambers befasst, dazu den über Lovecraft natürlich gelesen und ein wenig bei Blackwood reingeschaut. Ich war damals (3-4 Jahre zurück) sehr angetan von Joshis Darlegungen und seinem pointierten Stil. Gut möglich, dass ich es heute anders sehen würde.


    Zur These: Ich verstehe, was du meinst, aber Hand aufs Herz: Wer veröffentlicht schon ein Buch, um darin seine Generalthese scheitern zu lassen? Zudem ist hier die Verbindung zum "Literary Criticism" gegeben, der - im Anschluss an z. B. Northrop Frye - postuliert, dass man sein Feld kennen muss, um dann daraus Kriterien zu entwickeln. Keinesfalls anders herum. Diskursanalyse macht das zum Teil auch so, weil man ansonsten oft gar nicht richtig arbeiten könnte. Natürlich muss es am Ende stimmig sein. Die Frage ist: Kam es dir aus irgendwelchen Gründen unstimmig vor oder hatte Joshi wirklich zu schlechte Belege? Nicht immer einfach zu entscheiden, wie ich finde. Eine konkrete Debatte dazu wäre ultraspannend, ist aber nicht einfach so zu leisten für mich. Ich bin dafür einfach zu sehr raus.


    Zitat von Rahel
    Und die Idee, das Weltverständnis eines Schriftstellers aus seinen fiktionalen Texten zu ziehen, ist sehr angreifbar.

    Auf jeden Fall, da ist Obacht geboten. Aber tut Joshi das wirklich? Bei Lovecraft zumindest ist es doch eher so, dass er aus dem exorbitanten Korpus aus Essays und Briefen ableitet, dass Lovecraft dies tun wollte: Eine Philosophie in Fiction kleiden. So wie Camus später oder wen auch immer es da noch gibt im Bereich des philosophischen Romans. Ich würde da einen Unterschied sehen.


    Zitat von Rahel
    Veraltet" nutze ich deswegen, weil die Mühe der Kritik an der Methode über die letzten Jahrzehnte hinweg schon viele Wissenschaftler*inne vor mir gemacht haben

    Klar, kann man so ausdrücken und ich sehe auch durchaus ein, dass man bei älteren Theorien etc. genauer schauen sollte. Gerade, wenn es bereits viel Kritik gab. Auf der anderen Seite setzen sich m. E. oft Theorien durch, die wenig sinnvoll sind und es wird viel Kritik bzw. auch falsche Kritik geübt an Herangehensweisen, die ihre Berechtigung haben.


    Zu Bierce kann ich leider wirklich nichts sagen. Aber es klingt schon sehr danach, als hätte Joshi da einen Schnellschuss gesetzt. Letztlich hat er so dermaßen viel publiziert in seinem Leben, dass es nicht wunder nimmt, wenn er manches nicht gelesen hat.

  • Zitat von Nils
    Schließt sich das denn mit strukturalistischen Arbeitsweisen aus? Kulturwissenschaften sind mir immer sehr heterogen erschienen. Was genau beforscht du und mit welchen Methoden?

    Jein, Kulturwissenschaft schließt Strukturalismus nicht unbedingt aus; allerdings ist die rigide Methodenunterteilung da schwierig. Da baut man sich eher gezielt seinen Werkzeugkasten zusammen und passt die einzelnen Werkzeuge dann auch noch an das Projekt an. Ich persönlich mag den Strukturalismus nicht, weil er meines Erachtens nach ahistorisch und deterministisch vorgeht. Was die Frage angeht, mit welchen Methoden ich forsche: Wie gesagt, hängt vom konkreten Projekt ab. Aktuell habe ich viel mit transmedialer, bzw. medienbewusster Narratologie, Metaphorologie und Aktuer-Netzwerk-basierter Analyse zu tun. Davor war es auch mal die computergestützte Textanalyse und kognitive Narratologie; dann kann es auch wieder das Handwerkszeug der Queer Studies sein. Das ist recht flexibel - genau aus so einer Wandelbarkeit kommt aber die Stärke von heterogener Forschung.


    Zitat von Nils
    Zur These: Ich verstehe, was du meinst, aber Hand aufs Herz: Wer veröffentlicht schon ein Buch, um darin seine Generalthese scheitern zu lassen? Zudem ist hier die Verbindung zum "Literary Criticism" gegeben, der - im Anschluss an z. B. Northrop Frye - postuliert, dass man sein Feld kennen muss, um dann daraus Kriterien zu entwickeln. Keinesfalls anders herum. Diskursanalyse macht das zum Teil auch so, weil man ansonsten oft gar nicht richtig arbeiten könnte. Natürlich muss es am Ende stimmig sein. Die Frage ist: Kam es dir aus irgendwelchen Gründen unstimmig vor oder hatte Joshi wirklich zu schlechte Belege? Nicht immer einfach zu entscheiden, wie ich finde. Eine konkrete Debatte dazu wäre ultraspannend, ist aber nicht einfach so zu leisten für mich. Ich bin dafür einfach zu sehr raus.

    Niemand veröffentlich ein Buch, um seine Generalthese scheitern zu lassen - sondern wirft dieses Buch ehrlich auf den Müll und kehrt ans Reißbrett zurück. Das ist, ehrlich gesagt, ein üblicher Schritt im recht dynamischen Forschungs- und Schreibprozess. Ich fand die These, deren Herleitung und ihre Beweisführung zwar interessant, aber forciert und die Belege dürftig.


    Zitat von Nils
    Auf jeden Fall, da ist Obacht geboten. Aber tut Joshi das wirklich? Bei Lovecraft zumindest ist es doch eher so, dass er aus dem exorbitanten Korpus aus Essays und Briefen ableitet, dass Lovecraft dies tun wollte: Eine Philosophie in Fiction kleiden. So wie Camus später oder wen auch immer es da noch gibt im Bereich des philosophischen Romans. Ich würde da einen Unterschied sehen

    Ich glaube, hier hast Du genau den wunden Punkt von Joshi erwischt: Für Lovecraft mag diese Vorgehensweise funktionieren. Aber nicht für alle Schriftsteller. M. R. James, beispielsweise, hatte meiner Meinung nach einfach richtig viel Spaß am Schreiben und hat sich dabei in erster Linie über die Klischees des Gothic und der wissenschaftlichen Welt lustig gemacht. Da steckt keine komplexe, umfassende Weltanschauung hinter, zumindest keine, die er gezielt dort codifiziert hätte (was natürlich nicht bedeutet, dass in den Texten "nichts drinsteckt"). Eine etwas dynamischere und diskussionsfreudigere Herangehensweise hätte genau diese Probleme im Buch entschärft.



    Ein großes Problem ist für mich, dass Joshi die Lovecraft-Forschung (und alles drumherum) so monopolisiert hat. Du willst in Lovecraft Studies einsteigen? Hier, hab einen Joshi-Band. Wissenschaft und Literary Criticism lebt aber von Polyphonie. Joshi kann man gut zurate ziehen - aber es muss eben auch mehr darüber hinaus geben. In dem Moment, wo Wissenschaftler/Kritiker hauptsächlich ihre eigenen Texte als Verweise angeben, wird's schwierig für mich. Es ist nicht so, als ob es nicht zahlreiche Wissenschaftler*innen auf dem Gebiet geben würde; sie kriegen nur leider nicht die nötige Aufmerksamkeit. Das hängt natürlich zum Teil daran, dass Joshi es geschafft hat, die Linie zwischen wissenschaftlicher und populärer Rezeption zu erwischen. Neben seinen annotierten Ausgaben zu Lovecraft und Co. gibt er aber durchaus auch wissenschaftliches Journale, akademische Sammelbände und Monographien heraus. Da hab ich alles nichts gegen - ich will nur mehr davon, und zwar auch mal von anderen Köpfen.

  • Zitat von Rahel
    Ich persönlich mag den Strukturalismus nicht, weil er meines Erachtens nach ahistorisch und deterministisch vorgeht.

    Ich denke, damit hast du absolut Recht.


    Danke für den kleinen KuWi-Überblick.


    Zitat von Rahel
    Niemand veröffentlich ein Buch, um seine Generalthese scheitern zu lassen - sondern wirft dieses Buch ehrlich auf den Müll und kehrt ans Reißbrett zurück. Das ist, ehrlich gesagt, ein üblicher Schritt im recht dynamischen Forschungs- und Schreibprozess.

    Das sollte definitiv so sein. Ich habe zu wenig Einblick, um beurteilen zu können, ob es wirklich so gemacht wird, wie du es beschreibst. Ich habe bei der Lektüre akademischer Texte oft schlechte Laune ob der Einseitigkeit und Dürftigkeit, sodass ich mir hinterher oft denke, das hätte man sich auch sparen können. Aber bei dem Publikationsdruck, der teilweise herrscht... aber das ist wieder ein andere Thema.


    Zitat von Rahel
    Ich glaube, hier hast Du genau den wunden Punkt von Joshi erwischt: Für Lovecraft mag diese Vorgehensweise funktionieren. Aber nicht für alle Schriftsteller.

    Danke, mir kam in der Diskussion auch schon der Verdacht, dass hier ein Punkt liegen könnte. Wenn du es auch so siehst, scheint die Sache sich zu erhärten. Ich hoffe, ich komme irgendwann dazu, das Buch nochmals zu lesen.


    Zitat von Rahel
    Eine etwas dynamischere und diskussionsfreudigere Herangehensweise hätte genau diese Probleme im Buch entschärft.

    Als Grundsatz würde ich dem definitiv zustimmen. Eine mechanistische Ableitung ist in der ideellen Sphäre einfach nicht haltbar.


    Zitat von Rahel
    Ein großes Problem ist für mich, dass Joshi die Lovecraft-Forschung (und alles drumherum) so monopolisiert hat.

    Hat er das denn? Oder hat die Rezeption ihm recht gegeben? Wollte es ggf. kein anderer machen? Viel, was so an populärer Sekundärliteratur sonst noch existiert, ist ja wirklich wenig berauschend. Houellebecq?`Puh. Kennst du Dirk W. Mosig? Auch echt problematischer Stuff... Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass Joshi schon auch viele andere Forscher (bewusst männlich, ich weiß gerade gar keine Frau in dem Bereich) für gut hält und sie entsprechend positiv darstellt bzw. mit ihnen zusammen arbeitet. Aber genau weiß ich es nicht und ganz unabhängig davon, stimme ich dir ganz klar zu: Ein Mehrklang ist gewünscht und jede Stimme sollte Gehör finden, sofern sie es verdient. Akademisches Bullying verbietet sich (und kommt natürlich trotzdem ständig vor, wobei meist Frauen zum Ziel werden, wie ich las). Als Freund streitbarer und kluger Kritiker muss ich Joshi einfach mögen, und die Autoren, die er harsch abkanzelt, sind tatsächlich oft auch schlecht. Wenn wir von belastbarer Wissenschaft sprechen, muss er natürlich noch einmal ganz anders hinterfragt werden.


    Was für Lektüren würdest du denn empfehlen?

  • Zitat von Nils
    Das sollte definitiv so sein. Ich habe zu wenig Einblick, um beurteilen zu können, ob es wirklich so gemacht wird, wie du es beschreibst. Ich habe bei der Lektüre akademischer Texte oft schlechte Laune ob der Einseitigkeit und Dürftigkeit, sodass ich mir hinterher oft denke, das hätte man sich auch sparen können. Aber bei dem Publikationsdruck, der teilweise herrscht... aber das ist wieder ein andere Thema

    DANKE :D I feel you :cursing: Aber ganz klar: Bei einzelnen Beiträgen zu einem Sammelband ist es einfach, solchen Schmu zu betreiben. Aber ja - manchmal ist es ärgerlich, was veröffentlicht werden darf. Das ist auch abhängig vom Verlag...


    Zu Deinem letzten Punkt: Dirk W. Mosig ist ein ganz Schlimmer...da stimme ich Dir voll und ganz zu. Es gibt, wie gesagt, einige Wissenschaftler*innen (ja, sogar auch Frauen - aber in der Tat noch nicht viele. Der Umgang der Academia mit Frauen ist leider noch eine ganz andere Kiste...). Allerdings hauptsächlich im nordamerikanischen Raum. Kaum etwas, das übersetzt wurde. Ein Name, der aktuell immer präsenter wird, ist natürlich Les Klinger - von dem habe ich bisher aber zu wenig gelesen, um da ein Urteil zu fällen. Hast Du da vielleicht mehr Eindrücke von? Würde mich interessieren.


    Ich werde später mal in meine Literaturliste absteigen, dann schau ich mal, ob ich einige gute Empfehlungen für Dich finden kann :)

  • Zitat von Rahel
    DANKE :D I feel you :cursing:

    8)


    Zitat von Rahel

    Allerdings hauptsächlich im nordamerikanischen Raum. Kaum etwas, das übersetzt wurde.

    Mich würde sehr interessieren, wen du da so meinst. Ich lese zwar häufiger Essays und Artikel und auch das "Lovecraft Annual" ab und an (zuletzt hatte ich mir die Ausgabe 2018 gekauft) oder "Dead Reckonings", aber mir gefallen dort auch bei weitem nicht alle Beiträge und letztlich bin ich hier zu wenig im Thema, um einen fundierten Überblick geben zu können. Übrigens für kundige Menschen immer ein reizvolles Thema für populäre Einführungen und kritische Überblicksartikel: Was gibt es? Was lohnt? Was wird wo wie gesagt? Was sollte übersetzt werden? usw.


    Zitat von Rahel
    Ein Name, der aktuell immer präsenter wird, ist natürlich Les Klinger - von dem habe ich bisher aber zu wenig gelesen, um da ein Urteil zu fällen. Hast Du da vielleicht mehr Eindrücke von? Würde mich interessieren.

    Ja, den Klinger kenne ich allgemein ganz gut. Er hat ja mittlerweile Lovecrafts komplette Fiction kommentiert, wobei Band 1 auf Deutsch vorliegt (sogar mit einer kurzen dLG-Vorstellung drin) und Band 2 wohl 2021 kommen soll. Ich bin auch im Bereich "Sherlock Holmes / Arthur Conan Doyle" aktiv und hier ist Klinger seit Jahrzehnten eine feste Größe. Ich würde ihn aber nicht wirklich als Wissenschaftler einordnen, im engeren Sinne. Er ist Jurist von Beruf und daher akribisch in der Recherche, dazu ein Enthusiast, der seine Felder bestens kennt und einen lockeren Stil mitbringt, sodass seine Kommentierungen sich vergnüglich lesen und fundierte Infos geben. Sicherlich hat er einen "scholarly approach" in dem Sinne, dass er Quellen angibt und teilweise deep in Archiven recherchiert - ein Mehrwert ist also fast immer gegeben. Aber er ist weder Literatur- oder Kulturwissenschaftler noch ein theoretisch gebildeter Kritiker, entsprechend sind seine Annotations eher volksnah und subjektiv geleitet. Bei seinen Lovecraft-Ausgaben gibt es schon Leute, die sich bei einzelnen Kommentaren fragen, wieso jetzt ausgerechnet dies hier in solcher Art kommentiert wird (gerade kein Beispiel zur Hand, argh!).


    Kurz und gut: Klinger hat seine Berechtigung und darf problemlos als zu konsultierender Experte gelten, hat aber aus Sicht eines akademischen Ansatzes seine vielleicht recht bald erreichten Grenzen.

  • Zitat von Rahel
    • Okay, bei konkreten Lektüreempfehlungen finde ich auf die Schnelle grade nichts, wo ich sagen würde "Das musst Du gelesen haben!". Aber hier ein paar Ideen/Beobachtungen:
      • Der US-amerikanische Verlag McFarland ist ein Verlag, der sich an der Gratwanderung Academia/Populärwissenschaft versucht. Ob sie das absichtlich machen, weiß ich tatsächlich oftmals nicht :D soll heißen: Bei vielen Wissenschaftler*innen ist der Verlag verschrien, ich finde das aber etwas unfair. Denn: Der Verlag öffnet sich auch solche Veröffentlichungen und Ansätzen, die eben nicht aus dem Elfenbeinturm stammen. Da sind auch mal Enzyklopädien, komparative Filmreviews und ähnliche für die Wissenschaft "ungewöhnliche" Formate dabei - teilweise von Wissenschaftler*innen mit Professur, teilweise von unabhängigen Scholars, teilweise von Kritiker*innen, usw. Inzwischen hat McFarland soviele Publikationen rund um Weird Fiction angehäuft, dass es auf ihrer Website eine eigene Rubrik ist. Da ist sicherlich nicht alles gut dran - aber begrüßenswert finde ich es doch. Joshi ist unter anderem auch vertreten ;)
      • Es gibt den Sammelband New Critical Essays on H. P. Lovecraft (Hrsg. David Simmons, 2013), der zwar eindeutig wissenschaftliche Ansprüche hat. Für mein Empfinden sind die Beiträge hier aber auch wieder recht heterogen und nicht ausschließlich etwas für die Literaturwissenschaft. In diesem Sammelband sind wiederrum einige Wissenschaftler*innen, die meiner Meinung nach ruhig etwas bekannter auf dem Feld sein dürften: Donald R. Burleson; Kevin Corstorphine; Robert Waugh; ...
      • Im deutschsprachigen Raum gibt es noch Franz Rottensteiner, der zumindest viel als Herausgeber zuständig ist/war (dabei allerdings auch Möhren wie Mosig verlegte :D )

      Ich vermute, genau diese Lücke, die wir hier grade in unserer Diskussion auftun, würde beispielsweise im geplanten Essayband der dLG zwar nicht gestopft, aber zumindest einmal angegangen werden. Deswegen freut mich dieses Projekt auch sehr.

      Publikationen, in die ich gerne eine Nase reinstecken würde, sie aber bisher nicht kenne:

      • The Lurker in the Lobby: A Guide to the Cinema of H. P. Lovecraft (Andre Migliore & John Strysik, 2006)
      • Eternal Lovecraft: The Persistence of HPL in Popular Culture (Hrsg. Jim Turner, 1998)

      Auf die komme ich aber nicht "nur" wegen Lovecraft, sondern weil ich mich insbesondere mit seinem Einfluss auf die Popkultur beschäftige. Das ist strenggenommen also noch einmal ein neuer Topf :D

  • Nils  Rahel

    Besten Dank für die Weiterführung hier in diesem Thread. Für mich war/ist es interessant zu sehen, dass Joshi methodisch angreifbar ist. Das mag sich naiv anhören, aber ich beurteilte ursprünglich zuerst den Wert an Informationen und Einsichten, die ich durch ihn gewonnen habe. Kritik war da jedenfalls nicht meine erste Regung …


    Zugegeben: Vielleicht hat Joshi für die Literaturwissenschaft (im Sinne der Disziplin) wenig getan, für die Lovecraft-Forschung aber fast alles, worüber wir momentan überhaupt verhandeln können. Joshis pesönliche Ansichten und Herangehensweisen mögen je nach Geschmack subtrahiert werden, es bleibt doch ein gewaltiger Korpus. Einige der hier gefallenen Namen — Klinger, Rottensteiner – haben jedenfalls sehr von ihm profitiert. Rottensteiner ist es zudem anzurechnen, dass er Joshi frühzeitig (und auch Kenneth W. Faig, jr., von dem jener wiederum profitierte) in den Suhrkamp-Bänden berücksichtigte. Klinger hat mit seinem kommentierten Lovecraft (so lesenswert der auch ist) natürlich nichts anderes gemacht als das, was Joshi bzw. Cannon schon in den 1990ern mit den The Annotated H. P. Lovecraft-Bänden vorgelegt hatten.


    Für die TeilnehmerInnen vielleicht von Interesse ist diese Kritik Rottensteiners an Joshis H. P. Lovecraft: The Decline of the West, wo sich der Autor Lovecrafts philosophischen und politischen Ansichten widmet:


    Franz Rottensteiner: Lovecraft as Philosopher. Science Fiction Studies '56, Vol. 19, Part 1, March 1992

  • Triggerwarnung: Ich überspitze hier zum Teil und bin auch nicht immer Fair, aber dies, um meine Punkte zu verdeutlichen...


    Zu den "-ismen" (Strukturalismus, Dekonstruktivismus und wie die "Schulen" alle heißen):

    Ich hab fast das Gefühl, als hätte ich nicht richtig studiert (Geschichtswissenschaften, Germanistik, Kulturwissenschaften). Für mich waren diese "Schulen" immer kleine Wissenschaftsperspektiven. Nie hatte ich das Gefühl, dass eine davon nicht mehr legitim ist, weil es mittlerweile eine andere gibt. Also ich überspitze jetzt und mir ist bewusst, dass es so auch nicht gemeint war. Aber zumindest in meiner Hochschulzeit hatte ich nie das Gefühl, dass es da dogmatisch gelebt wurde. Meine Profs haben nie eine "reine Lehre" beschworen. Ganz im Gegenteil, die meisten meiner Profs waren da erstaunlich wenig involviert und ich hatte immer das Gefühl, dass da das ausschlaggebende Kriterium die Wissenschaftliche Methode und eine saubere Fragestellung war.





    Zu Joshis Monopolstellung:

    Es beginnt bei Joshi mit der Biografie. Joshi hat sein ganzes Leben an Lovecraft gekoppelt. Das ist ein Bild, das er natürlich stark forciert, aber es hat halt auch einen Werbeeffekt, den wir (also ich zumindest) auch immer wieder als Argument FÜR Joshi ins Feld führe.

    Joshi war zudem historisch relevant. Kurz vor Derleths Tod regte sich das Fandom und began Derleths Deutungshoheit zu hinterfragen, allen voran Mosig und Richard L. Tierney (The Derleth Mythos by Richard L. Tierney, H. P. Lovecraft: Myth-Maker by Dirk W. Mosig – beide in Dissecting Cthulhu: Essays on the Cthulhu Mythos, Edited by S.T. Joshi). Zeitgleich sammelte sich eine Gruppe junger Studenten, die als "Providence Palls" bekannt wurden. Das waren unter anderem Joshi, Marc Michaud (Gründer der Necronomicon Press), Robert M. Price (Bibelforscher und Neo-Con) Robert, Donald R. Burleson und weitere. Diese Studenten bildeten in den 80ern und 90ern (und irgendwie ja auch heute noch das Fundament des fandombasierten Umgangs mit Lovecraft mit einem wissenschaftlichen Interesse. Joshi verlegt immer wieder Bücher mit Texten dieses alten Gang und in „The Rise and Fall of the Cthulhu Mythos“ widmet er sich und seiner Gang ein ganzes Kapitel (Titel: „The Scholarly Revolution“) in der er beschreibt, wie sich die Lovecraft-Forschung von Derleth befreite und zu einer Verwissenschaftlichung kam; und an dem (vorläufigen) Endpunkt dieser Bewegung stehen Joshi und seine Kollegen. Das ist nicht respektlos gemeint, aber Joshi ist sehr bemüht, auch die Deutungshoheit über seine Stellung im Fandom zu haben.

    Interessant ist hierbei, wenn man sich die Geschichte zu „Rise and Fall“ anschaut. Joshi behauptet in diesem Buch vieles und teilt immer wieder gegen Derleth aus, was ja grundsätzlich legitim ist, sofern die Kritik fundiert ist. Leider – und da spreche ich als jemand, der sich seit fast 10 Jahren mit dem Spannungsfeld Lovecraft – Derleth beschäftigt, arbeitet Joshi gerade bei seiner Kritik nicht so gründlich wie bei seiner Beschäftigung mit Lovecraft. John D. Haefele verfasste aus dieser Erkenntnis heraus das Buch „The Derleth Mythos“, in dem er die „Fehler und Schwächen“ der Punkte Joshis aus „Rise and Fall“ relativ fundiert belegte und relativierte (bedenke, wir sprechen hier immernoch vom semi-wissenschaftlichen Raum). In der zweiten Auflage von „Derleth Mythos“ schrieb Wilum Pugmire das Vorwort, in dem er seine Begeisterung für Haefeles Buch ausdrückte, weil es einen Diskurs anregt. Joshis Reaktion darauf war ein ätzender Blogeintrag, in dem er Pugmire absprach fachlich mitreden zu können (und dann wurde noch weiter gegen Haefele geschossen) Pugmire und Joshi sind eigentlich Freunde gewesen und da sollte man einen höflicheren öffentlichen Ton erwarten. An sich kommt Joshi immer wieder sehr beleidigt rüber, wenn er kritisiert wird, worauf er dann fast persönlich wird. Zwischenzeitlich hat Joshi eine zweite Auflage von „Rise and Fall“ vorgelegt. Diese habe ich noch nicht gelesen, aber ich erwarte, dass er dort irgendwo auf den Verlauf der Joshi-Haefele-Kontroverse eingeht.



    Joshi – seine eigene Schöpfung

    Ich bin zugegebenermaßen etwas befangen, weil ich zu dem Lager derer gehöre, die Derleth totz vieler Fehler nicht verdammen und für sein Engagement und Verdienste um Lovecrafts Erbe schätzen. Ich versuche immer beide Seiten zu besprechen. Joschi schreibt in seinen Essays zu Derleth immer wieder, dass Derleth Lovecrafts Geschichten umdeutete in Geschichten über Hexerei, Götter, den Kampf Gut gegen Böse und die Einteilung der Wesen in Elemente. Joshi selbst macht aber ähnliches - er postuliert, dass Lovecrafts Geschichten immer ein Spiegel seiner Philosophie waren. Aber – und da bin ich bei Haefele – in Lovecrafts Geschichten gab es immer und zu jeder Zeit seines Schaffens neben dem Materialismus auch Magie und Hexerei (um nur ein Beispiel zu nennen). Es ist eben auch vielschichtiger als Joshi es zum Teil dastellt.



    Der eigentliche Verdienst

    Joshis Essays sind unterschiedlich gut und fundiert. Aber sie sind immer gut belegt. Und da kommen wir zu seinem eigentlichen Verdienst: Joshi hat die definitive Version der Originaltexte erarbeitet, er hat die Essays Lovecrafts veröffentlicht und ist immernoch dabei jeden Brief, an den er gelangen kann, zu veröffentlichen. Das ist sein eigentlicher Verdienst. Er holt all das hervor, an das man sonst höchstens nach monatelangen Recherchen am anderen Ende des Atlantik bekommen hätte. Das ist die grundlage für eine internationale Lovecraft-Forschung. Das ist das wichtigste, was er in seinem Leben getan hat. Seine Biografie ist gut, aber mit den Quellen, die er hervorgeholt hat, könnte fast jeder eine solche schreiben (überspitzt gesagt).



    An sich bin ich da aber auch ganz bei Axel: Für die Literaturwissenschaft ist Joshi irrelevant, für die Lovecraft-Forschung ist er ein Fundament.Zugegebenermaßen ist mir die allgemeine Literaturwissenschaft aber auch egal, Ich lese Genreliteratur und die Sub-Sektion der Literaturwissenschaft, die dies tut interessiert mich, da brauche ich selten Gerard Genete oder Foucault...

    “I couldn’t live a week without a private library – indeed, I’d part with all my furniture and squat and sleep on the floor before I’d let go of the 1500 or so books I possess.”
    H.P. Lovecraft in einem Brief vom 25. Februar/1. März 1929 an Woodburn Harris

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