Lovecrafter Online – Comic-Rezension – Die Unheimlichen: Pickmans Modell

Was könnte ein würdigerer Abschluss sein als H. P. Lovecrafts abgründige Reflexion über das Wesen der Kunst und die mysteriösen Quellen der Inspiration? Die Geschichte dürfte eingefleischten Lovecraftianer*innen hinlänglich geläufig sein: Der Erzähler, Thurber, berichtet einem Freund von seiner letzten Begegnung mit dem beiden bekannten, so genialen wie entrückten Maler Pickman, dessen verstörende Motive ihn zu einem Ausgestoßenen der Bostoner Künstlerszene gemacht haben und deren morbider Faszination sich Thurber nicht entziehen kann, bis er die erschreckende Wahrheit hinter Pickmans Bildern entdeckt.

Pickmans Modell - der Comic

In die Welt der grafischen Erzählkunst adaptiert hat die Kurzgeschichte der Düsseldorfer Illustrator, der seinen Namen zu Ulf K. abkürzt. Er ist vor allem mit Geschichten für Kinder und Jugendliche bekannt geworden. Unter anderem hat er mit Patrick Wirbeleit in bislang zwei Comicbänden um den jugendlichen Geisterjäger Alan C. Wilder, auch bei Carlsen erschienen, bereits einen Ausflug in komisch-gruselige Gefilde unternommen, woran sich Pickmans Modell stilistisch anschließt.


Visuell steht Ulf K. einerseits in der Tradition der frankobelgischen Ligne claire mit ihren klaren Umrissen, schnörkellosen Zeichnungen und flächiger Kolorierung. Letzteres ist dabei im erweiterten Sinne zu verstehen – „Farben“ gibt es hier genau drei: Weiß, Schwarz und einen Grauton, die geschickt für die Darstellung von Licht, Dunkelheit und Schatten zum Einsatz kommen. Hier zeigt sich eine weitere Traditionslinie mit unverkennbaren Anleihen beim Film noir und dessen Wurzeln im Kino des deutschen Expressionismus. Das an diese Strömungen gemahnende Spiel mit verzerrter Geometrie steht natürlich dem sehr nahe, was Lovecraft in seinen Werken verbal vor dem geistigen Auge der Lesenden erstehen lässt. Weniger lovecraftsch erscheint dagegen das Eigenwillig-Cartoonhafte der Figuren und Szenen, wie K. sie zeichnet.


       


Während er sich inhaltlich in weiten Teilen dicht an der Vorlage orientiert, setzt Ulf K. Lovecrafts Opulenz eine aufs wesentliche reduzierte Darstellung der Handlung entgegen. Die Seiten kommen mit maximal drei, fast durchweg aber mit einem bis zwei Panels aus, was dem einzelnen Bild entsprechend viel Raum gibt. Der Text ist knapp gehalten, die rechteckigen Sprechblasen dominieren nie das Bild. Und Ulf K. entzieht sich, wie Verleger Klaus Humann im Nachwort des Bandes anmerkt, „konsequent der Darstellung des Grauens [...], wo Lovecraft [...] ausführlich die Exzesse auf den Gemälden Pickmans beschreibt“. Der Grusel entsteht somit in der Textvorlage durch die detaillierte Beschreibung, in der grafischen Umsetzung hingegen cleverer Weise gerade durch deren Auslassung in der Fantasie des Lesers. Der Zeichenstil suggeriert Humor, der sich hier auch durchaus findet, aber ähnlich dem Horror angenehm unterschwellig bleibt. Lovecrafts „Twist“ am Schluss der Kurzgeschichte setzt K. noch ein eigenes Ende auf, von dem hier nicht mehr verraten sei, als dass es die besagte Reflexion über Kunst auf „sein“ Medium Comic erweitert.

Empfehlung

Das Bändchen stellt mit seiner Postkartengröße und den gerade mal 64 Seiten nicht gerade einen Folianten vom Umfang eines Necronomicon dar. Es ist also fraglos schnell konsumiert, wobei den geneigten Lesenden allerdings empfohlen sei, die Bilder in ihrer trügerischen Simplizität doch einmal länger auf sich wirken zu lassen. Manche Lovecraft-Purist*innen werden gewiss fremdeln mit dem beschriebenen Stilbruch zwischen komischem und kosmischem Horror und der minimalistischen Umsetzung. Wer sich aber darauf einlässt, mag gerade darin ein spannendes Amalgam erkennen, aus dem eine besondere Atmosphäre entsteht, und sollte hier durchaus einmal einen Blick in den Abgrund riskieren.


Die Unheimlichen: Pickmans Modell

H. P. Lovecraft, Ulf K., Carlsen Verlag, 2022

ISBN 978-3-551-71356-8, 64 Seiten


Die Unheimlichen: Pickmans Modell beim Carlsen Verlag