Lovecrafter Online – 097 – Gotheim: Geschichte einer Stadt

Foto: Peter Kastberger, Creative-Commons-Lizenz BY-NC-SA

Üblicherweise leben Geschichten von ihren Protagonist*innen und einem spannungsgeladenen Handlungsfaden. Lovecraftfans wissen aber schon längst, dass es auch eine Stimmung sein kann, die eine Geschichte trägt. Mit seiner Gotheim-Trilogie geht Autor Tobias Reckermann einen ähnlichen Weg: Drei Bände aufgeteilt in zahlreiche lose miteinander verbundene Geschichten und Handlungsfäden werden hier ganz von einem Ort zusammengehalten: dem finsteren Gotheim, gelegen an der blutgetränkten Ur …

Gotheim an der Ur

Den Auftakt der Trilogie macht „Gotheim an der Ur“. Hier führt uns Reckermann in den Flair der Stadt ein, lässt seine Skyline aus gotischem Stahl und modernem Glas ihre Bewohner*innen verschlingen und durch die ewig trist-grauen Straßen ziehen. Düsternis, Zerfall, Verzweiflung prägen die Atmosphäre. Aber eben auch Faszination. Denn da ist etwas in Gotheims Zentrum, dass eine eigensinnige Anziehungskraft ausübt und mutmaßlich von der Ur ausgeht. Die sieben Ströme des Gotheim unterlaufenden Flusses ziehen dementsprechend etwa mutige Expeditionstrupps auf den Plan, dessen Quell zu finden und treiben weniger wackere Charaktere in den Suizid. Besonders faszinierend ist schließlich auch das Motiv einer Nicht-Stadt. Gotheim wird als eine Stadt präsentiert, die zugleich existent als auch nicht-existent ist. Gotheim scheint für die Außenwelt unsichtbar zu sein und irgendwann im geschichtlichen Verlauf zu verschwinden. Mit Anklängen an Arthur Machens Erzählung „N“ wird Gotheim so in der Schwebe zwischen Sein und Nichtsein gehalten, was der Glaubwürdigkeit der Stadt auf sonderbare Weise zuträglich ist. Diese Glaubwürdigkeit wird auch durch die immer wiederkehrenden zentralen Figuren und Orte der Stadt, sowie eine tiefe historische Verankerung erzeugt.

Rückkehr nach Gotheim

Diese historische Seite wird im zweiten Band am deutlichsten. Hier kehren wir an die ersten Ur-Sprünge der Stadt zurück, erleben aber auch Gotheims unruhige politische Geschichte. Hier tritt die radikale Ur-Stahl Gewerkschaft auf den Plan und werden Blicke auf die ersten faschistischen Umtriebe in der Stadt geworfen. Eine ominöse Burschenschaft versammelt sich unter dem Symbol des Totenkopfschwärmers und repräsentiert dabei die widerlichsten Züge eines stolztrunkenen Nationalismus. Hoffnungsvoller verfolgen wir revolutionäre Bemühungen und antifaschistische Attentatspläne, die jedoch von der enthemmten Gewalt der Gotheimer Fastnacht zertrampelt werden. Deutlicher noch als im ersten Band wird Gotheim hier zum Exempel einer deutschen Stadt, die Reckermann nutzt, um historischem Unheil auf phantastische Weise nachzuspüren. Der zweite Band ist dabei der materialreichste und vielleicht anspruchsvollste der Reihe, da er die unterschiedlichsten Epochen und Handlungsebenen verbindet, die – in Teilen – von der Metaerzählung einer kritischen Bloggerin zusammengehalten werden, die wiederum verschiedene Identitäten in sich vereint. Nein, Reckermann macht es uns nicht immer leicht, aber wer hätte behauptet, dass Wirklichkeit simpel und ungebrochen sei?

Gotheims Untergang

Der jüngst erschienene abschließende dritte Band ist für mich der stärkste der Reihe. Vielleicht auch, weil er trotz mehrerer verwobener Handlungsfäden am geradlinigsten agiert. Den Einstieg machen drei Menschen, die sich der durch seltsame Stromausfälle geplagten Stadt entziehen und während eines Blackouts aus der Stadt fliehen. Den Wilhelmsturm fest im Blick, erspähen sie ein Gotheim, wie sie es noch nie gesehen haben. Nun, fast noch nie, denn es erinnert sie an ein Gemälde, das den Einstieg in den zweiten Teil des Buchs darstellt. Der gehört für mich zu einer der intensivsten Leseerfahrungen des Jahres. Hier präsentiert uns Reckermann einen Blick auf die Künstler-Boheme der Zwischenkriegszeit. Er zeichnet einfühlsam das Schicksal eines kriegsversehrten Veteranen nach, der sich von Traumata geplagt in der Kunst verliert und Anschluss an eine reiche Mäzenin und einen noch verzweifelteren Freund findet. Nicht nur gelingt es, den einzigartigen Gotheimer Surrealismus ohne Bildmaterial vor Augen zu stellen, auch wird der Konflikt mit dem erstarkenden Nationalsozialismus auf individueller Ebene nachgezeichnet. Es ist Reckermann hoch anzurechnen, dass es ihm gelingt, seine fundierte Faschismusanalyse jenseits von plumpem Moralismus zu präsentieren und durch die Geschehnisse selber sprechen zu lassen.

Gotheimer Chronik

Die drei Bände um Gotheim an der Ur stellen einen der ambitioniertesten Versuche der deutschsprachigen dunklen Phantastik dar. Reckermann nutzt seine fiktive Nicht-Stadt als Brennglas deutscher Geschichte. Das vielschichtige Handlungsgewebe und die teils bleischwere Sprache machen es uns als Lesenden dabei nicht ganz leicht. Gotheim will mehr als bloß einen Schauer über den Rücken jagen. Durch das Pflaster der Stadt dringt Reckermanns intensive und engagierte historische Recherche, die in der Fiktionalisierung in Gotheim greifbar wird. Mit tiefster Finsternis und dennoch geprägt von einer unzweifelhaften Sympathie für die Bestrebungen, dem Unheil mit einem Tigersprung zu entfliehen, zeichnet er ein greifbares Bild einer gescheiterten Historie. Wie der Angelus Novus blicken wir auf die Katastrophengeschichte einer dem Untergang geweihten Stadt zurück.

Sich auf diese Erfahrung einzulassen, ist ein ebenso forderndes wie lohnendes Unterfangen. Wer Phantastik zu schätzen weiß, die auch vor politischen und philosophischen Fragestellungen keinen Halt macht, sollte der bedrückenden Stadt allemal einen Besuch abstatten. Auch auf die Gefahr hin, verändert wieder herauszukommen. Und dafür ist Literatur ja schließlich auch da, oder?

Gotheims Untergang, der dritte Band der Reihe: https://www.blitz-verlag.de/index.php?action=buch&id=2794

Mehr über den Autoren: http://tobiasreckermann.whitetrain.de/