Triggerwarnung: Ich überspitze hier zum Teil und bin auch nicht immer Fair, aber dies, um meine Punkte zu verdeutlichen...
Zu
den "-ismen" (Strukturalismus, Dekonstruktivismus und wie
die "Schulen" alle heißen):
Ich
hab fast das Gefühl, als hätte ich nicht richtig studiert
(Geschichtswissenschaften, Germanistik, Kulturwissenschaften). Für
mich waren diese "Schulen" immer kleine
Wissenschaftsperspektiven. Nie hatte ich das Gefühl, dass eine davon
nicht mehr legitim ist, weil es mittlerweile eine andere gibt. Also
ich überspitze jetzt und mir ist bewusst, dass es so auch
nicht gemeint war. Aber zumindest in meiner Hochschulzeit hatte ich
nie das Gefühl, dass es da dogmatisch gelebt wurde. Meine Profs
haben nie eine "reine Lehre" beschworen. Ganz im Gegenteil,
die meisten meiner Profs waren da erstaunlich wenig involviert und
ich hatte immer das Gefühl, dass da das ausschlaggebende Kriterium
die Wissenschaftliche Methode und eine saubere Fragestellung war.
Zu
Joshis Monopolstellung:
Es
beginnt bei Joshi mit der Biografie. Joshi hat sein ganzes
Leben an Lovecraft gekoppelt. Das ist ein Bild, das er natürlich
stark forciert, aber es hat halt auch einen Werbeeffekt, den wir
(also ich zumindest) auch immer wieder als Argument FÜR Joshi ins
Feld führe.
Joshi
war zudem historisch relevant. Kurz vor Derleths Tod regte sich das
Fandom und began Derleths Deutungshoheit zu hinterfragen, allen voran
Mosig und Richard L. Tierney (The Derleth Mythos by Richard L.
Tierney, H. P. Lovecraft: Myth-Maker by Dirk W. Mosig – beide in
Dissecting Cthulhu: Essays on the Cthulhu Mythos, Edited by S.T.
Joshi). Zeitgleich sammelte sich eine Gruppe junger Studenten, die
als "Providence Palls" bekannt wurden. Das waren unter
anderem Joshi, Marc Michaud (Gründer der Necronomicon Press), Robert
M. Price (Bibelforscher und Neo-Con) Robert, Donald R. Burleson und
weitere. Diese Studenten bildeten in den 80ern und 90ern (und
irgendwie ja auch heute noch das Fundament des fandombasierten
Umgangs mit Lovecraft mit einem wissenschaftlichen Interesse. Joshi
verlegt immer wieder Bücher mit Texten dieses alten Gang und in „The
Rise and Fall of the Cthulhu Mythos“ widmet er sich und seiner Gang
ein ganzes Kapitel (Titel: „The Scholarly Revolution“) in der er
beschreibt, wie sich die Lovecraft-Forschung von Derleth befreite und
zu einer Verwissenschaftlichung kam; und an dem (vorläufigen)
Endpunkt dieser Bewegung stehen Joshi und seine Kollegen. Das ist
nicht respektlos gemeint, aber Joshi ist sehr bemüht, auch die
Deutungshoheit über seine Stellung im Fandom zu haben.
Interessant
ist hierbei, wenn man sich die Geschichte zu „Rise and Fall“
anschaut. Joshi behauptet in diesem Buch vieles und teilt immer
wieder gegen Derleth aus, was ja grundsätzlich legitim ist, sofern
die Kritik fundiert ist. Leider – und da spreche ich als jemand,
der sich seit fast 10 Jahren mit dem Spannungsfeld Lovecraft –
Derleth beschäftigt, arbeitet Joshi gerade bei seiner Kritik nicht
so gründlich wie bei seiner Beschäftigung mit Lovecraft. John D.
Haefele verfasste aus dieser Erkenntnis heraus das Buch „The
Derleth Mythos“, in dem er die „Fehler und Schwächen“ der
Punkte Joshis aus „Rise and Fall“ relativ fundiert belegte und
relativierte (bedenke, wir sprechen hier immernoch vom
semi-wissenschaftlichen Raum). In der zweiten Auflage von „Derleth
Mythos“ schrieb Wilum Pugmire das Vorwort, in dem er seine
Begeisterung für Haefeles Buch ausdrückte, weil es einen Diskurs
anregt. Joshis Reaktion darauf war ein ätzender Blogeintrag, in dem
er Pugmire absprach fachlich mitreden zu können (und dann wurde noch
weiter gegen Haefele geschossen) Pugmire und Joshi sind eigentlich
Freunde gewesen und da sollte man einen höflicheren öffentlichen
Ton erwarten. An sich kommt Joshi immer wieder sehr beleidigt rüber,
wenn er kritisiert wird, worauf er dann fast persönlich wird.
Zwischenzeitlich hat Joshi eine zweite Auflage von „Rise and Fall“
vorgelegt. Diese habe ich noch nicht gelesen, aber ich erwarte, dass
er dort irgendwo auf den Verlauf der Joshi-Haefele-Kontroverse
eingeht.
Joshi
– seine eigene Schöpfung
Ich
bin zugegebenermaßen etwas befangen, weil ich zu dem Lager derer
gehöre, die Derleth totz vieler Fehler nicht verdammen und für sein
Engagement und Verdienste um Lovecrafts Erbe schätzen. Ich versuche
immer beide Seiten zu besprechen. Joschi schreibt in seinen Essays zu
Derleth immer wieder, dass Derleth Lovecrafts Geschichten umdeutete
in Geschichten über Hexerei, Götter, den Kampf Gut gegen Böse und
die Einteilung der Wesen in Elemente. Joshi selbst macht aber
ähnliches - er postuliert, dass Lovecrafts Geschichten immer ein
Spiegel seiner Philosophie waren. Aber – und da bin ich bei Haefele
– in Lovecrafts Geschichten gab es immer und zu jeder Zeit seines
Schaffens neben dem Materialismus auch Magie und Hexerei (um nur ein
Beispiel zu nennen). Es ist eben auch vielschichtiger als Joshi es
zum Teil dastellt.
Der
eigentliche Verdienst
Joshis
Essays sind unterschiedlich gut und fundiert. Aber sie sind immer gut
belegt. Und da kommen wir zu seinem eigentlichen Verdienst: Joshi hat
die definitive Version der Originaltexte erarbeitet, er hat die
Essays Lovecrafts veröffentlicht und ist immernoch dabei jeden
Brief, an den er gelangen kann, zu veröffentlichen. Das ist sein
eigentlicher Verdienst. Er holt all das hervor, an das man sonst
höchstens nach monatelangen Recherchen am anderen Ende des Atlantik
bekommen hätte. Das ist die grundlage für eine internationale
Lovecraft-Forschung. Das ist das wichtigste, was er in seinem Leben
getan hat. Seine Biografie ist gut, aber mit den Quellen, die er
hervorgeholt hat, könnte fast jeder eine solche schreiben
(überspitzt gesagt).
An
sich bin ich da aber auch ganz bei Axel: Für die
Literaturwissenschaft ist Joshi irrelevant, für die
Lovecraft-Forschung ist er ein Fundament.Zugegebenermaßen ist mir
die allgemeine Literaturwissenschaft aber auch egal, Ich lese
Genreliteratur und die Sub-Sektion der Literaturwissenschaft, die
dies tut interessiert mich, da brauche ich selten Gerard Genete oder
Foucault...