Hallo zusammen,
nachdem uns Algernon Blackwoods „The Wendigo“ beim letzten Treffen mit seiner Verbindung aus Naturerfahrung, frühem Horror und folkloristischen Motiven so viel Freude und Gesprächsstoff gegeben hat, bleiben wir noch ein wenig bei diesem Autor. Diesmal lesen wir mit „The Willows“ / „Die Weiden“ eine seiner bekanntesten und einflussreichsten Erzählungen.
Zwei Freunde sind mit einem Kanu auf der Donau unterwegs. Unterhalb von Pressburg, dem heutigen Bratislava, geraten sie in eine weitläufige Landschaft aus Wasserarmen, Sand- und Kiesbänken, Inseln und zahllosen niedrigen Weiden. Was zunächst wie eine abgelegene und eigentümlich schöne Flusswildnis wirkt, entwickelt nach und nach eine schwer greifbare Fremdheit.
Blackwood kannte diese Landschaft aus eigener Erfahrung. Er war selbst mit einem Freund im Kanu auf der Donau unterwegs und veröffentlichte 1901 darüber den Reisebericht „Down the Danube in a Canadian Canoe“. Die Flusslandschaft mit ihren Inseln, Seitenarmen und Weiden besitzt damit einen sehr realen Erfahrungshintergrund, den Blackwood für seine fantastische Erzählung verwandelte.
Warum diese Geschichte?
Als Folgelektüre zu „The Wendigo“ bietet „The Willows“ besonders interessante Vergleichsmöglichkeiten. Wieder wird eine Naturerfahrung zum Ausgangspunkt des Unheimlichen: Wind, Wasser, Vegetation und Abgeschiedenheit sind nicht bloß Kulisse, sondern bestimmen Wahrnehmung und Stimmung der Figuren immer stärker.
Beim Umgang mit Folklore zeigen sich jedoch deutliche Unterschiede. „The Willows“ spielt mit lokalem Aberglauben und verschiedenen Vorstellungen von Feen, Elementargeistern, Dämonen oder alten Gottheiten. Anders als beim Wendigo lässt sich das Unheimliche aber nicht auf eine bestimmte Sagengestalt oder einen klar umrissenen Volksglauben zurückführen. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto weniger scheinen vertraute Kategorien überhaupt auszureichen.
Damit führt der Text fast zwangsläufig zur Frage nach kosmischem Horror: Was geschieht, wenn der Mensch nicht einem klassischen Gespenst oder Monster begegnet, sondern etwas, das sich seinen Vorstellungen von Natur und Wirklichkeit entzieht? Gerade im Vergleich mit Lovecraft ist dabei nicht nur die Ähnlichkeit interessant. Blackwoods Umgang mit Natur, Wahrnehmung und dem Übersinnlichen besitzt eine deutlich eigene, oft offenere und spirituellere Färbung.
Auch der reale Schauplatz lohnt einen genaueren Blick. Die historische Donau unterhalb Bratislavas ist heute durch Regulierung und Wasserbau stark verändert. Teile der weit verzweigten Auenlandschaft mit Seitenarmen, Inseln, Feuchtgebieten und Auwäldern sind jedoch bis heute erhalten. Blackwoods „Land der Weiden“ lässt sich also nicht als einzelner unveränderter Schauplatz besuchen – die Landschaft, aus der seine Erzählung hervorging, ist aber keineswegs vollständig verschwunden.
Die Fakten
- Titel (DE): Die Weiden
- Titel (EN): The Willows
- Autor: Algernon Blackwood
- Erstveröffentlichung: 1907, in The Listener and Other Stories
- Textform: längere Erzählung / Novelle
- Schauplatz: Donau unterhalb von Pressburg, dem heutigen Bratislava
- Handlungszeit: Mitte Juli, bei steigendem Hochwasser
- Lesezeit: ca. 90–120 Minuten
Wo zu finden?
Online (Englisch)
Project Gutenberg – vollständiger Originaltext
Print (Deutsch)
Algernon Blackwood: Die Weiden. Reisebericht & fantastische Erzählung, aus dem Englischen von Melanie Walz, danube books Verlag, 2018, ISBN 978-3-946046-13-4.
Für unseren Abend besonders interessant: Der Band verbindet die fantastische Erzählung mit Blackwoods Bericht über seine eigene Kanufahrt auf der Donau und einem ergänzenden Beitrag zur Geschichte des Reisens auf dem Fluss.
Blackwoods Donau-Reisebericht (Englisch)
Down the Danube in a Canadian Canoe
MacMillan's Magazine/Down the Danube in a Canadian Canoe - Wikisource, the free online library
Hintergrund bei der Deutschen Lovecraft Gesellschaft
Lovecrafter Online – Lovecrafts dunkle Idole: Algernon Blackwood
Der ausführliche Beitrag stellt Blackwoods Leben und Werk vor und geht eigens auf „Die Weiden“, die Bedeutung der Landschaft sowie Blackwoods Verhältnis zu Lovecraft ein. Achtung: Der Abschnitt zur Geschichte enthält Inhaltsangaben.
Lovecrafter Nr. 5 – Algernon Blackwood
Die fünfte Ausgabe des Vereinsmagazins widmet Blackwood einen Themenschwerpunkt. Darin wird unter anderem „Die Weiden“ ausführlicher betrachtet; außerdem werden weitere Blackwood-Erzählungen diskutiert.
Lovecrafter Nr. 5 - Deutsche Lovecraft Gesellschaft
Optional – Hörfassung
Lovecrafter Online – Rezension: Gruselkabinett 187 – Die Weiden
Die dLG-Rezension stellt die deutschsprachige Hörspielbearbeitung der Geschichte vor. Achtung: Die Besprechung enthält Inhaltsangaben.
Zum realen Schauplatz
Unterhalb von Bratislava sind im Landschaftsschutzgebiet Dunajské luhy noch heute Teile der Donau-Auen mit einem dichten System von Flussarmen, Feuchtgebieten, Inseln und Auwäldern erhalten. Teile dieses historischen Flusssystems haben sich insbesondere zwischen Dobrohošť und Sap erhalten; zugleich ist die Landschaft heute eng mit einem regulierten Wasserbausystem verbunden.
Wie immer gilt: Vorkenntnisse sind willkommen, aber keine Voraussetzung. Wer „The Wendigo“ mitgelesen hat, bringt diesmal allerdings besonders schönes Vergleichsmaterial mit.
Wir freuen uns auf einen gemeinsamen Abend zwischen Wind, Wasser und Weiden – und auf die Frage, wann Natur in der Weird Fiction aufhört, bloß Natur zu sein.
Unentschlossene Teilnehmer
Die folgenden Benutzer sind noch unentschlossen:
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- Nils
13. Oktober 2026 um 11:15