Lovecraft und der Rassismus

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Arkham Insider Axel
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#81 Re: Lovecraft und der Rassismus

Beitrag von Arkham Insider Axel » 27.07.2017, 20:09

Der Punkt der Zeitumstände und Lovecraft als Kind eben dieser ist natürlich bekannt – ich verwende ihn jedoch eher am Rande bzw. generell ungerne. Warum?

Weil man genauso gut auf antirassistische Tendenzen jener Epoche verweisen könnte, zu denen ja niemandem, der lesen und schreiben konnte, der Zugang verwehrt war. Indem man aus der Zeit heraus argumentiert, liest es sich manchmal so, als ob die Menschen damals "ja gar nicht anders gekonnt hätten", als sich des (vermeintlich dominierenden) Rassismus’ zu bedienen. Diese zugeschriebene Passivität klingt dann eben doch wieder wie eine bequeme Entschuldigung. Und selbst wenn wir von einer anerkannten Rassenlehre ausgehen – bis zu einem Gedicht wie "On the Creation of …" oder auch bis zu Lovecrafts unverhohlen geäußerten Tötungsfantasien (s. Briefe) sind es doch einige Schritte mehr.

Die Rassismus-Angelegenheit ist und bleibt die Kröte, die es zu schlucken gilt und an der der Lovecraft-Aficionado zu würgen hat. Der eine mehr, der andere weniger …

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Sorben
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Beitrag von Sorben » 27.07.2017, 23:10

Ich wollte damit auch nicht Lovecraft entschuldigen. Ich wollte damit nur sagen, dass ihm sein Rassismus vielleicht nicht falsch erschien. Wohingegen wir heute durchaus eine andere Vorstellung davon haben (sollten). Ich möchte es an einem Beispiel verdeutlichen: In hundert Jahren vielleicht auch später, werden die Menschen eventuell nur noch pflanzliche Nahrung zu sich nehmen und die heutige Zeit als barbarisch und zerstörerisch für die Umwelt ansehen. Heute wissen wir bereits das wir Raubbau betreiben. Ähnlich ist es mit dem Klimawandel. Das heißt wir wissen viele Dinge, die wir falsch angehen, aber machen trotzdem weiter. Warum? Aus Bequemlichkeit. Und in einer Atmosphäre, die diese Trägheit akzeptiert, ändern sich nur wenige. Im Gegenteil: Wir etikettieren die Wahrheit um. Klimawandel? Eine Hanebüchene Idee von Ökospinnern.

Lovecraft war in Sachen Intoleranz kein Held und schon gar nicht Vorbild. Vielleicht mag meine Denkweise falsch sein, ich kann HPL und seine Aussagen dadurch aber besser einordnen.
Kann man HPL vorwerfen sich nicht allumfassend mit der Thematik auseinandergesetzt zu haben? Klar! Traf er verachtenswerte Aussagen? Sicher! War er ein Rassist? Ja! Trat er damit aus der Masse hervor? Da bin ich mir nicht sicher und das macht die Kröte für mich leichter zu schlucken.

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Arkham Insider Axel
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Beitrag von Arkham Insider Axel » 28.07.2017, 06:33

Ich wollte damit nur sagen, dass ihm sein Rassismus vielleicht nicht falsch erschien.
Das ist auf jeden Fall ein bedenkenswerter Punkt. Hat man für sich selbst einen moralischen Rahmen aufgespannt, dann lässt es sich innerhalb dessen natürlich bedenkenlos schalten und walten (Und warum hätte sich Lovecraft darüber Gedanken machen sollen, welchen Wertemaßstab Spätergeborene einmal an ihn legen würden?).

Im Übrigen geht es hier ja nicht um richtige oder falsche Denkweisen. Man kann die Sache halt von verschiedenen Seiten anpacken. Und genau das tun wir ja gerade.

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Case
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Beitrag von Case » 28.07.2017, 10:14

Ein Aspekt in dieser Diskussion sollte meines Erachtens auch sein, wie eine zeitgemäße Transformation der Geschichten in unsere heutige, (hoffentlich) aufgeklärte Zeit erfolgen kann. Hierzu würde ich noch einmal das bereits in anderem Kontext erwähnte Basrelief des Vereins heranziehen, dessen Gestalt jeder Aficionado (sehr schön, Axel) durch sein eigenes Handeln und die eigene Interpretation prägen kann.

Soll heißen, die Angst vor dem Unbekannten, dem Fremden, wird man heute sowohl aus der Aufgeklärtheit heraus, als auch aufgrund von (hoffentlich) anderen Wertmaßstäben gänzlich anders illustrieren. Würde man also heute eine Geschichte, ein Bild, ein Rollenspiel, you-name-it im Lovecraft'schen Universum erschaffen, so sollte und darf der plumpe Rassismus keine Rolle mehr spielen. In meiner Beobachtung tut er das auch nicht.

Was natürlich derzeit aufgrund der politischen und gesellschaftlichen Realität "dort draußen" passiert, ist eine andere Sache. Angst vor dem Fremden ist politisch sehr einfach mit Flüchtlingen und einer Neid- und Existenzdebatte zu instrumentalisieren. Insofern darf es nicht verwundern, wenn sich gewisse Kreise irgendwann derer bedienen, die dieses Motiv quasi professionalisiert haben.

Bleibt einer dLG eben "nur", durch die eigene Beschäftigung mit dem Erbe von HPL eben dieses in die moderne Zeit zu überführen und den schalen Staub von Rassismus und Intoleranz abzuklopfen. Also schreibt, malt, komponiert und diskutiert aufgeklärt. Das kann nur einer Bereicherung sein.
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Beitrag von Joran » 28.07.2017, 17:18

Sorben hat geschrieben:
27.07.2017, 23:10
[...] Ich wollte damit nur sagen, dass ihm sein Rassismus vielleicht nicht falsch erschien. [...]
Trifft diese Aussage nicht perse auf jeden Rassisten (genauer gesagt auf jede persönliche Überzeugung) zu?

Wie Du schon selbst sagst, lässt sich damit jedenfalls nichts "entschuldigen".

Ich finde, Arkham Insider Axel bringt es oben sehr schön auf den Punkt! Zu Lebzeiten von Lovecraft gab es durchaus bereits eine Entscheidungsmöglichkeit. Rassismus war - wenn auch weit verbreitet - kein allgemeiner Konsens, sondern - wohlmöglich in den USA mehr als sonstwo - Gegenstand der öffentlichen Auseinandersetzung. Das spiegelte sich auch seit langem in der Literatur wieder. Andere Autoren hatten sich lange vor Lovecrafts Geburt öffentlich auf die "andere Seite" gestellt. Der Sezessionskrieg und die hiermit verbundene Abschaffung der Sklaverei wurde bereits fast drei Jahrzehnte von Lovecrafts Geburt ausgefochten. 'Onkel Toms Hütte' wurde bereits 1852 veröffentlicht. John Newton dichtete 'Amazing Grace' bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert. William Wilberforce nahm seinen politischen Kampf gegen Sklaverei und Sklavenhandel wenig später, mithin bereits ca. hundert Jahre vor Lovecrafts Geburt, auf. Die Aufdeckung der Kongogräuel erfolgte während Lovecrafts Jugend und Menschenrechtler, Autoren (Mark Twain: 'König Leopolds Selbstgespräche', 1905; ...), Presse und erhebliche Teile der westlichen Bevölkerung zeigten sich empört.

Ich stelle jetzt einfach mal die mutige These auf, das Gedicht "On the Creation of …" wäre vermutlich von Lovecraft nie in dieser Form geschrieben worden, wenn es damals keinen öffentlichen Diskurs zu diesem Thema gegeben hätte. Auf mich wirkt es viel zu provokant und programmatisch, als dass es nur einen vermeintlich allgemeinen Konsens abbilden wollte. Das liest sich nicht wie ein unreflektierter "Ausrutscher".

Man kann nicht in Abrede stellen, dass Lovecarft hier eine Stellung bezogen hat, die ein aufgeklärter Mensch nur als hässlich bezeichnen kann. Das scheint mir unumstößlich und nicht zu beschönigen. Aber alle Menschen werden ausgemacht durch ein Gemenge aus Schwächen und Stärken, Schatten- und Schokoladenseiten, Irrungen und zutreffende Überzeugungen.

Wie in diesem Thread viel früher schon angesprochen wurde:

Es ist ein Fehler, zu einem einheitlichen Bild über Lovecraft gelangen zu wollen. Weder kann man den Menschen Lovecraft auf rassistische Aussagen reduzieren, noch kann man diese alleine zum Maßstab für die Bewertung seines literatischen Schaffens insgesamt machen, noch kann man diese "unter den Tisch fallen lassen". Qualifizierte Kritik ist berechtigt und sogar zu begrüßen. Aber Lovecraft und sein Werk wegen der bezeichneten Äußerungen insgesamt abzulehen, ist irrational und ein völlig verfehlter absolutistischer Ansatz, dem niemand genügen könnte. Wollte man diesen Maßstab generell anwenden, müsste man weite Teile der Literatur, der Weltreligionen, der wissenschaftlichen und civilisatorischen Errungenschaften der Menschheit mit der Erinnerung an ihre Urheber verbrennen.

Eine Stellungnahme zu dem durchaus kritikwürdigen NZZ-Artikel dürfte ein Drahtseilakt sein, will man nicht zu Unrecht ins 'Rechte Lager' gestellt werden. Ich kann dem Artikel nicht entnehmen, dass bei dem Autor ein intensives Interesse bestand, sich mit der Thematik tiefer im Sinne wissenschaftlichen Arbeitens auseinanzusetzen. Darf man dann erwarten, dass der Verfasser und/oder die Befürworter eines schlecht recherchierten, von sachlichen Fehlern durchsetzten und von individuellen politischen Überzeugungen getragenen Artikels anschließend hinsichtlich einer Kritik an diesem Artikel einen sachlicheren und objektiveren Maßstab anlegen werden, als an den Artikel selbst? Viel Glück dem, der es versucht!

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Beitrag von Sorben » 28.07.2017, 23:39

Joran hat geschrieben:
28.07.2017, 17:18
Ich stelle jetzt einfach mal die mutige These auf, das Gedicht "On the Creation of …" wäre vermutlich von Lovecraft nie in dieser Form geschrieben worden, wenn es damals keinen öffentlichen Diskurs zu diesem Thema gegeben hätte. Auf mich wirkt es viel zu provokant und programmatisch, als dass es nur einen vermeintlich allgemeinen Konsens abbilden wollte. Das liest sich nicht wie ein unreflektierter "Ausrutscher".
Das ist nicht mutig, dieses Aussage ist ziemlich überzeugend! Ich muss zugeben, dass ich es aus dieser Warte bislang nicht gesehen habe.

Ich glaube, dass der Artikel der NZZ etwas erreicht hat, was nicht so leicht zu erreichen ist: Er hat mich provoziert. Als Lovecraftliebhaber bin ich nicht auf dem Kreuzzug seine befleckte Weste wieder rein zu waschen, aber ich habe die - nicht substanzlosen - Rassismus Vorwürfe auch als persönlichen Angriff gewertet. Warum? Weil dieser Artikel ein Bild von HPL zeichnet, als sei er und sein Werk so von Rassenhass durchdrungen, dass ihn nur rechte Spinner lesen würden. Das der Autor einen Lehrstuhl inne hat, wirkt dann auch noch, als sei diese Meinung wissenschaftlicher Konsens. Ich will nicht behaupten, dass meine Deutung des Zeitungsartikels richtig ist, aber er führte bei mir zu einen Beißreflex.

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Beitrag von Nils » 29.07.2017, 13:24

Sorben hat geschrieben:
28.07.2017, 23:39
Weil dieser Artikel ein Bild von HPL zeichnet, als sei er und sein Werk so von Rassenhass durchdrungen
Diese absolut diskussionswürdige These vettritt auch der Essay von Houellebecq, weswegen dieser nicht immer wieder lapidar als Quelle herangezogen werden sollte, wie ich meine. Der NZZ-Text tut das und es ist bezeichnend, dass ein Akademiker eine wenig wissenschaftliche Quelle heran zieht, um darauf eine Argumentation maßgeblich aufzubauen.

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Beitrag von Joran » 29.07.2017, 13:34

@Sorben
Der Reflex ist ja in gewisser Weise auch gerechtfertigt, denn der Artikel ist fehlerhaft und einseitig. Das kann ich gut nachempfinden.

Aber dann tatsächlich zu beißen, macht es meist nicht besser, sondern führt regelmäßig nur zu einer aufgeheizten, emotionalen und vor allem ideologischen Auseinandersetzung, bei der es dann selten noch um die Fakten geht ...

Eine offene Diskussion, wie sie hier geführt wird, erachte ich als hilfreicher und sinnvoller als den direkten Diskurs mit Menschen, die sich längst eine Meinung jenseits der Fakten gebildet haben. Es ist wichtig, sich in der objektiven Mitte zu positionieren, aber meines Erachtens eher fruchtlos, sich gegen Rassisten zu wenden, die Lovecraft für sich vereinnahmen wollen, oder auf der anderen Seite gegen Menschen, die Lovecraft verurteilen, weil sie in ihm NUR den Rassisten sehen.

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Beitrag von derTräumer » 29.07.2017, 14:11

Die bisher genannten Punkt/ die bisherige Diskussion empfinde ich als etwas sehr gutes und wertvolles. Damit zeigt die dLG doch, dass sie sich mit ihrem Autor auch auseinandersetzt.
Als ich den Link postete war mir vor allem wichtig darauf hinzuweisen, dass der Text weder sachlich, noch genau recherchiert ist und mich deswegen ärgert.
Ich habe mich bisher immer dagegen gewehrt Houellbecqs Essay zu lesen, weil ich mir dachte wohin da die Reise geht und kein Erkenntnisgewinn drinsteckt. Aber vielleicht sollte ich ihn mir dennoch mal holen.

Ich denke auch nicht, dass sich für diesen Artikel eine Gegendarstellung lohnt: Zum einen laufen wir gefahr missverstanden zu werden und zum anderen sollte man nicht aus jeder Mücke einen Elefanten machen. Da ist halt ein Literaturdozent, der für 2017 noch eine Publikation auf seiner Liste brauchte... Zumal der Text schluderig und oberflächlich ist.

Wichtiger finde ich, dass WIR konstant gute Arbeit in der Vermittlung und Aufklärung um HPL und sein Werk betreiben und ggf. irgendwann eigeninitiativ und nicht als Reaktion einen öffentlichen Diskurs stärken.

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Arkham Insider Axel
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Beitrag von Arkham Insider Axel » 30.07.2017, 16:07

Ich möchte noch einmal auf die Aussage zurückkommen, dass Rassismus zu Lovecrafts Lebzeiten Konsens oder gar wissenschaftlich anerkannt gewesen sei.

Lovecrafts Freundschaft zu dem Kosmopolit James Ferdinand Morton (1870 – 1941), der ihm hier diametral gegenüber stand, rüttelt an dieser Behauptung. Mehr noch: Dass sich Lovecraft ausgerechnet mit dem Autor eines Textes namens „The Curse of Race Prejudice“ anfreundete, ist ein weiteres Phänomen.

Noch bevor sich die beiden in New York treffen sollten, gab es 1915 einen Schlagabtausch in den Reihen des Amateurjournalismus. In seiner Erwiderung „Conservatism’ Gone Mad“ – eine Anspielung auf Lovecrafts Publikation „The Conservative“ – bezeichnet Morton Lovecraft als Demokratiefeind und Dogmatiker und wirft ihm vor, seine rassistischen Vorurteile entbehrten der wissenschaftlichen Rechtfertigung (wobei der Ton nachsichtig, etwas altväterlich ist und Morton nicht Lovecrafts schriftstellerische Qualitäten verkennt). Dass diese Vorwürfe Lovecraft nicht beeindruckt haben, wissen wir ja. Dass jedoch gerade auf diesen völlig entgegengesetzten Ansichten eine lange und intensive Freundschaft aufbauen konnte, ist, wie gesagt, ein Phänomen.

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