Kosmischer Horror im Schauspielhaus Hamburg

  • You’re fucked
    Kosmischer Schrecken im SchauSpielHaus Hamburg
    Kritik und cthulhuide Analyse eines Theaterabends, der nicht wusste, dass er kosmischen Horror verbreitete
    von Levin Handschuh


    Manchmal wird es an ganz unerwarteter Stelle deutlich, warum H.P. Lovecraft der Autor der Stunde ist: Das Projekt „Hamburger Menetekel — ein futurologischer Kongress“ des jungen Regisseurs Ron Zimmering gab am vergangenen Wochenende Schülerinnen und Schülern aus allen sieben Stadtbezirken den Raum, ihrer Angst um die Zukunft Ausdruck zu verleihen. Antibiotikaresistenz, Digitalisierung, unser Verhältnis zu Arbeit, die großen Themen eben. Doch überschattet wurde alles von einem ganz besonderen Thema, vielleicht dem Thema schlechthin: Dem Klimawandel. Unterstützt von Experten, wie Klimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif zeichneten die Schülerinnen und Schüler eine bittere Version der nicht-allzufernen Zukunft, klagte in Sprechchören die „faulen Säcke“ im Publikum an, die ihnen „diese Scheiße“ eingebrockt hatten und kamen zu einem klaren Fazit: You’re fucked.
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    Zimmering setzte dabei auf eine literarische Referenz, die nicht unspannend ist: Babylon, 543 vor unserer Zeit, eine dekadente Gesellschaft (die Parallele zu heute wird deutlich), auf einem Fest König Belsazars taucht auf einmal der geisterhafte Schriftzug MENE MENE TEKEL UPHARSIN an der Wand auf — keiner seiner Gelehrten versteht dessen Bedeutung. Noch in derselben Nacht dringen persische Soldaten in die Stadt ein, das Weltreich zerfällt. Die Geschichte entstammt der Bibel.Warum aber nun eine Rezension unter Lovecraft'scher Betrachtung? Tatsächlich erzeugt Zimmerings Inszenierung der Anklage der Jugendlichen eine Form des Unbehagens, die dem geneigten Kultisten nur allzu bekannt vorkommen sollte: Eine kosmische Angst macht sich breit. Die Schülerinnen und Schüler sehen sich einer Welt gegenüber, die in ihren Naturgegebenheiten aus den Angeln geworfen wird (allein dadurch, dass es heißer wird), die Kontinente werden sich verändern, das Meer steigen, die Städte untergehen — wo, wenn nicht bei Lovecraft, hat man das schon gelesen? Wenn da davon gesprochen wird, dass fossile Brennstoffe, die in den Tiefen der Erde schlummern, und durch unvorsichtige Menschen entgegen der Warnungen ihrer Gelehrten zu Tage gefördert werden, nur um diese wiederum zu unterwerfen... da ist man schnell bei den Großen Alten.Auch das unverständliche Brabbeln der Schauspielerin Gala Othero Winter, die als seltsam- clownesk anmutende Moderation durch den Abend führte, erinnerte an die Sprache der Großen Alten: Durch eine völlig neue Anordnung von Begriffen ergab sich eine Sprache, die einerseits völlig fremd und außerirdisch wirkte, andererseits aber eine seltsame Vertrautheit in sich barg.Das bitterste Moment des Abends war jedoch die Ausweglosigkeit, die die Inszenierung postulierte: Was sollen wir tun? Zwar tauchen viele Vorschläge — teilweise aus dem zur Inszenierung gehörigen Zukunftskongress stammend — auf, wie die Zuschauer ihr Leben und ihre allgemeine Lebenseinstellung ändern könnten (allgemeiner Tenor: Die Welt gehört euch nicht), doch hat man das Gefühl, das alles schon mal gehört zu haben. Hier saßen auch die falschen Adressaten im Publikum, denn die tendenziell links ausgerichtete Zuschauerschaft war sowieso für Umwelt- und Klimaschutz. Die richtigen Mächte, die verantwortlich sind, stecken im System. Natürlich kann jeder einzelne zum Klimaschutz beitragen, doch solange die unsichtbare Hand der Wirtschaft alles lenkt und leitet (ebenfalls in der Inszenierung aufgegriffen), bleiben unsere Bemühen erfolglos. Schließlich blieb diese Frage auch unbeantwortet, was können wir tun. Nichts, you’re fucked. Gegenüber dem Grauen einer verbrannten Erde, so wie sie in Nyarlathotep geschildert wird, ist man hilflos.
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    Komponist Samuel Penderbayne zeichnet ausgehend von Händels Oratorium „Belshazzar“ eine musikalische Nostalgie einer vergangenen Welt (melancholisch in historischem Kostüm singend: Rosemary Hardy) und entwirft daraus eine „Zukunftsmusik“, die den großen Kompositionen der Science-Fiction-Filmmusik in Nichts nachsteht: Musikalische Assoziationen zu „2001“, „Star Wars“ oder am bitteren Ende ganz besonders „Alien“ unterstreichen den kosmischen Horror.Genau diese unglaublich bittere Zukunftsvision ist es, die dem Abend seine Kraft verleiht: Zwar lacht das Publikum betreten, doch eher, weil es keinen Ausweg mehr sieht. Eine wirkliche Dystopie. Den einzigen Hoffnungsschimmer liefert der Applaus, der sowohl zwischen den Szenen als auch am Ende durch den Saal schallt. Irgendwo ist da noch Hoffnung, noch haben wir nicht wie Lovecrafts Protagonisten dem Wahnsinn verfallen das Handtuch geworfen.Doch der Schrecken ist an der Schwelle.



    Hamburger Menetekel
    Ein futurologischer Kongress von Ron Zimmering und GraffitimuseumKünstlerische Leitung: Ron Zimmering, Graffitimuseum
    Regie Zukunftsmusik: Ron Zimmering
    Komposition: Samuel Penderbayne
    Regie Panels: Graffitimuseum
    Musikalische Leitung: Bruno Merse
    Dramaturgie: Christian Tschirner
    Bühne: Ute Radler Kostüme: Benjamin Burgunder
    Filmdokumentation: Wiktor Filip Gacparski
    Produktionsleitung: Elise Schobeß
    Orchester: Junge Symphoniker Hamburg
    Pianistin: Henriette ZahnAm 24., 25. und 26.5. im SchauSpielHaus Produktionsfotos © Sinje Hasheider.

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