Was mir persönlich aber auch bei der Diskussion fehlt, ist die Betrachtung der Gesellschaft. HPL lebte zu einer Zeit in einem Land in dem Rassismus Alltag war. Bis in die 60er gab es in Amerika de facto Rassentrennung (in Teilen der USA). Ich will jetzt nicht relativieren oder schönreden, aber Lovecraft war ein Kind seiner Zeit, der das Talent besaß, mit Worten umgehen zu können. Diese beiden Umstände führten wohl zu diesen Machwerken. Und bei aller Zuneigung: HPL hatte zu Lebzeiten kaum Reichweite. In der NZZ kommen jetzt Aussagen eines Mannes auf den Tisch, der 80 Jahre tot ist und der zu seinen Zeiten Sachen geschrieben hat, die von weiten Teilen der damaligen Gesellschaft akzeptiert waren - allerdings kaum jemand gelesen hat - um aktuelle politische Diskussionen über amerikanische Urängste zu erklären. Was wäre den mit Henry Ford? Dieser Mann hatte wesentlich mehr Einfluss und war bekennender Antisemit.
ZitatDass Lovecraft selber rassistische Meinungen und Positionen vertrat, steht außer Zweifel: Seit seiner Jugend las er Bücher zu «Rassenkunde» und Eugenik.
Alleine dieses Zitat zeigt doch, wie sehr Lovecrafts Rassismus nicht für heutige Verirrungen als Erklärung taugt. HPL hatte keinen Giftschrank geplündert, er las keine Bücher, die auf irgendeinem Index standen. Rassentheorie und Eugenik waren anerkannte Theorien und Bücher mit dieser Thematik waren Sachbücher; im Gegensatz zu heute. Heute brauchen wir keine pseudo wissenschaftlichen Erklärungen mehr, um jemanden mit einer anderen Hautfarbe zu hassen.
Und ich betone nochmals, ich will nichts relativieren, aber historische Persönlichkeiten muss man aus ihrerer Zeit heraus betrachten, um ihr Handeln nachvollziehen zu können. Darüberhinaus halte ich Lovecraft für absolut ungeeignet aktuelle Geschehnisse zu erklären. Auf dem Gebiet der Literatur vielleicht, aber nicht in Sachen Politik. Und das ist die Krux an dem Artikel.