29. Oktober 2018

Lovecrafter Online – 010 – Pagan Horror at Midnight: 32. Braunschweiger Internationales Filmfestival

Pagan Horror at Midnight

32. Internationales Filmfestival Braunschweig 5. bis 11.11.2018

von Nils Gam­pert und Axel Weiß | 29.10.2018

H. P. Lovecraft und Folk Horror

H._P._Lovecraft,_June_1934

H. P. Love­craft (1934)

Bekannt­lich war Love­craft wohl­ver­traut mit bri­ti­schen Gespens­ter­ge­schich­ten. Zu den von ihm geschätz­ten Autoren zähl­ten unter ande­rem Wal­ter de la Mare, Arthur Machen, M. R. James und Alger­non Black­wood. Die letz­ten drei fin­den sich mir eini­gen ihrer bes­ten Wer­ke sogar in Love­crafts per­sön­li­cher Top-Ten-Lis­te der Unheim­li­chen Erzäh­lung The Favou­rite Weird Sto­ries of H. P. Love­craft (Platz 1, Black­wood: The Wil­lows. Platz 2/3, Machen: The Novel of the White Powder/The Novel of the Black Seal und Platz 8, James: Count Magnus).

Gera­de Black­woods und James’ (und gewiss auch Arthur Machens) Geschich­ten sind gute Bei­spie­le für einen Typus der Unheim­li­chen Erzäh­lung, die das Gebiet des soge­nann­ten „Folk Hor­ror“ berüh­ren. Typisch für die­ses spe­zi­el­le Gen­re der Phan­tas­tik ist in der Regel ein länd­li­cher Hand­lungs­ort sowie die Ver­wen­dung heid­ni­sche Ele­men­te, Glau­bens­vor­stel­lun­gen und Wer­te­sys­te­me. Die Fas­zi­na­ti­on des Folk Hor­ror rekru­tiert sich weni­ger aus einem christ­lich-reli­giö­sen Span­nungs­feld („Gut gegen Böse“). Ent­schei­den­der ist die Evo­ka­ti­on vor­christ­li­cher, bis­wei­len anti­ker, Kul­te und Ritua­le im Umfeld einer sich zivi­li­siert und auf­ge­klärt geben­den Gesell­schaft. Eine Aus­gangs­si­tua­ti­on, die natur­ge­mäß Unver­ständ­nis, Ver­stö­rung bis hin zu Angst und Grau­en zei­tigt. Love­craft selbst hat in eini­gen sei­ner Wer­ke die­se Bedin­gun­gen erfüllt, zum Bei­spiel in The Rats in the Walls: nach unse­rer Defi­ni­ti­on schon fast ein Para­de­bei­spiel für Folk Hor­ror.

Nicht zufäl­lig spielt The Rats in the Walls in Groß­bri­tan­ni­en, stand doch „Bri­tan­ni­en“ in der Anti­ke unter römi­scher Herr­schaft. Aus die­sem Umstand, der Love­craft die Gele­gen­heit bot, einen archai­schen Hor­ror zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts zu erwe­cken, bezieht die Erzäh­lung ihren Nähr­bo­den. Und mit die­sem genu­in bri­ti­schen Schau­platz schlägt Love­craft denn auch wie­der den Bogen zu sei­nen Favo­ri­ten Black­wood, James und Machen.

Pagan Horror zu mitternächtlicher Stunde

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Pagan Hor­ror at Mid­ni­ght auf dem 32. Inter­na­tio­na­len Film­fest Braun­schweig

Es passt in unse­re gegen­wär­ti­ge Zeit, dass Folk Hor­ror (wie­der ein­mal) ein Revi­val erlebt. Der Slo­gan „Zurück zur Natur“, gepaart mit einer gewis­sen Zivi­li­sa­ti­ons­kri­tik, ist zu einem unüber­seh­ba­ren Trend gewor­den. Eine Ent­wick­lung, die natür­lich auch Raum für die Schat­ten­sei­ten einer wie auch immer geprie­se­nen länd­li­chen Exis­tenz bie­tet …

Wir möch­ten in dem Zusam­men­hang auf eine aktu­el­le Ver­an­stal­tung hin­wei­sen, die sich eben des The­mas des Folk Hor­ror (oder auch „Pagan Hor­ror“) annimmt. Wäh­rend des 32. Inter­na­tio­na­len Film­fes­ti­vals Braun­schweig (5. bis 11.11.2018) wird die Film­rei­he Pagan Hor­ror at Mid­ni­ght in fünf Bei­trä­gen (6. bis 10. Novem­ber) das Phä­no­men cine­as­tisch beleuch­ten.

Alte Mythen, moderne Ängste und eine Deutschlandpremiere

Den Anfang macht Wit­hout Name aus Irland. Der im Span­nungs­feld von Hor­ror und Umwelt­dra­ma ange­sie­del­te Film beschwört schon im Titel das Unnenn­ba­re und will ver­su­chen, moder­ne Ängs­te und alte gäli­sche Mythen zu ver­knüp­fen. Gezeigt wird der nicht FSK-geprüf­te Strei­fen von der grü­nen Insel auf Eng­lisch mit eng­li­schen Unter­ti­teln.

In der Nacht des 07.11. ver­schlägt es das Publi­kum ans ande­re Ende des Erd­balls: Der neu­see­län­di­sche Epi­so­den­film The Field Gui­de to Evil fei­ert Deutsch­land­pre­mie­re! Wobei die geo­gra­phi­sche Anga­be einer Rela­ti­vie­rung bedarf, han­delt es sich hier doch um ein mul­ti­kul­tu­rel­les Pro­jekt von Regis­seu­rin­nen und Regis­seu­ren ver­schie­dens­ter Nati­on. Eng­lisch unter­ti­telt zei­gen Fil­me­ma­cher aus u. a. Grie­chen­land, Indi­en und Ungarn Vor­stel­lun­gen von Bös­ar­tig­keit und Angst, die ihrem spe­zi­fi­schen kul­tu­rel­len Erbe ent­sprin­gen, in der Gesamt­schau aber poten­ti­el­le uni­ver­sel­le Kon­stan­ten sicht­bar machen. In der dar­stel­len­den Rie­ge sind dabei eini­ge illus­tre Namen ver­tre­ten; zu sehen sind u. a. der US-Ame­ri­ka­ner Jilon VanO­ver (Bet­ter Call Saul), der Kana­di­er Clau­de Duha­mel (Ely­si­um), die Deutsch-Ame­ri­ka­ne­rin Sarah Nav­ra­til (Coun­ter­part) und die Öster­rei­che­rin Bir­git Minich­mayr (Der Unter­gang).

Kommende und bewährte Klassiker

Theodor Kittelsen: Die Pest auf den Stufen

Theo­dor Kit­tel­sen: Die Pest auf den Stu­fen, 1896 (Sym­bol­bild)

Der Don­ners­tag war­tet mit einem alt­be­kann­ten Klas­si­ker auf, der beim The­ma „Pagan Hor­ror“ aber kaum feh­len darf. Die Rede ist natür­lich von der 1973er UK-Pro­duk­ti­on The Wicker Man mit Chris­to­pher Lee, Brit Ekland und Edward Wood­ward. Letz­te­rer spielt hier einen Poli­zis­ten, der auf einer abge­le­ge­nen Insel vor Schott­lands Küs­te einen Ver­miss­ten­fall auf­klä­ren soll. Der Rest ist Geschich­te … Da der Film nie in unse­rer Spra­che syn­chro­ni­siert wur­de, wird der Final Cut von 2013 mit deut­schen Unter­ti­teln gezeigt.

Frei­tag­nacht erschließt sich die Werk­rei­he ost­eu­ro­päi­sches Ter­rain: Novem­ber aus Est­land läuft in der Lan­des­spra­che mit deut­schen Unter­ti­teln und ent­führt die Zuschaue­rin­nen und Zuschau­er ins 19. Jahr­hun­dert. Im Fokus ste­hen zwei Front­stel­lun­gen im his­to­risch gebeu­tel­ten Est­land, denn wäh­rend zum einen heid­ni­sche Mythen und Bräu­che mit christ­li­chen Über­lie­fe­run­gen rin­gen, bie­ten zum ande­ren auch eth­no­kul­tu­rel­le Wider­sprü­che zwi­schen deut­scher Ober­schicht und dem est­ni­schen Volk eini­ges an Kon­flikt­po­ten­ti­al. Eine also sowohl geschicht­lich-kul­tu­rell als auch mytho­lo­gisch außer­or­dent­lich reiz­vol­le Melan­ge, die der est­ni­sche Regis­seur Rai­ner Sar­net anbie­tet.

Der sams­täg­li­che Abschluss der Rei­he stellt eine beson­de­re Sen­sa­ti­on dar! Gezeigt wird Das wei­ße Ren­tier aus Finn­land. Der skan­di­na­vi­sche Grenz­gang zwi­schen Hor­ror und Fan­ta­sy von 1952 gilt als ver­ges­se­ner Klas­si­ker, in Braun­schweig fei­ert die brand­neue 4k-Restau­ra­ti­on Deutsch­land­pre­mie­re auf Fin­nisch mit eng­li­schen Unter­ti­teln. Val­koi­nen Peu­ra (so der fin­ni­sche Ori­gi­nal­ti­tel) taucht tief ein die Mythen­welt der Lap­pen und stellt das Teils-Teils dar von Men­schen, die ihren Weg fin­den müs­sen zwi­schen archai­scher Tra­di­ti­on und moder­nen Anfor­de­run­gen. Der Film lief sei­ner­zeit in Can­nes und erhielt eine Nomi­nie­rung bei den Gol­den Glo­bes, er gilt als grö­ßer Erfolg des Regis­seurs Erik Blom­berg.

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