Das Grauen auf dem Jagdschloss

Die Gänsehautmomente gastierten in Springe am Deister

von Nils Gam­pert | 23.10.2018

Lovecraft ist ganz klar mein Lieblingsautor!“

Gänsehautmomente

Gän­se­h­aut­mo­men­te mit Dirk Hein­rich und Cars­ten Sygusch

… das selt­sa­me Tier aus den uner­gründ­li­chen Tie­fen der Höh­le war – oder war es einst gewe­sen – ein MENSCH!!!“. Als Vor­le­ser Dirk Hein­rich mit dem Höhe­punkt von H. P. Love­crafts frü­her Sug­ges­ti­on Das Tier in der Höh­le den Abend des 19. Okto­bers beschloss, beherrsch­te ange­spann­te Ruhe den Mar­stall des Jagd­schlos­ses in der süd­nie­der­säch­si­schen Stadt Sprin­ge. Rund 90 Zuhö­re­rin­nen und Zuhö­rer hat­ten den Weg zu den Gän­se­h­aut­mo­men­ten in der Regi­on Han­no­ver an einem herbst­li­chen Frei­tag gefun­den.

Die Gän­se­h­aut­mo­men­te, das sind der Musi­ker und Klang­künst­ler Cars­ten Sygusch und der Radio­mo­de­ra­tor Dirk Hein­rich. Ihnen gemein­sam ist eine Pas­si­on für Schau­er­ge­schich­ten und düs­te­re Audio­pro­duk­tio­nen, sodass der Bil­dung eines unhei­li­gen Pak­tes nichts im Wege stand. Erst­mals tra­ten die Freun­de im Jahr 2013 zusam­men auf, um atmo­sphä­risch insze­nier­te Live-Lesun­gen ihrer bevor­zug­ten Gen­re-Autoren auf die Büh­ne zu brin­gen. In der Ver­gan­gen­heit war das Duo vor allem in und um Han­no­ver zu sehen, aber auch in Ber­lin war man schon zu Gast mit so illus­tren Namen wie Bram Sto­ker, Edgar All­an Poe – und H. P. Love­craft! Für Sygusch spielt der Gen­tle­man aus Pro­vi­dence sogar eine ganz beson­de­re Rol­le: „Love­craft ist ganz klar mein Lieb­lings­au­tor! Ich habe schon immer für Hor­ror­li­te­ra­tur geschwärmt und bis heu­te gibt es für mich fast nichts ande­res. Durch einen Zufall bekam ich als Jugend­li­cher ein Buch mit Geschich­ten Love­crafts in die Hän­de und las es sofort durch, so fas­zi­niert war ich.“ Beson­ders ange­tan hat es dem Han­no­ve­ra­ner Künst­ler und Musik­leh­rer die Geschich­te Der Hund, die dies­mal aber nicht auf dem Pro­gramm stand. Love­craft habe so vie­le gute Sachen geschrie­ben, da müs­se man auch mal vari­ie­ren.

Vom Handwerk des Gruselns

Dirk Hein­rich zählt Dra­cu­la zu sei­nen Buch­fa­vo­ri­ten und ist Stimm­ar­bei­ter aus Pas­si­on. Haupt­be­ruf­lich als Mode­ra­tor beim Han­no­ve­ra­ner Sen­der Lei­ne­hertz (UKW 106,5) tätig, bespielt er dort neben ande­ren Sen­dun­gen mit Wort­spiel jeden Sonn­tag­abend auch ein spe­zi­el­les For­mat zum The­ma Audio­pro­duk­tio­nen. Pri­vat ist er begeis­ter­ter Hör­spiel­hö­rer: „Das Gru­sel­ka­bi­nett der Tita­nia Medi­en, Dori­an Hun­ter, Das Lufer Haus… sol­che Pro­duk­tio­nen schät­ze ich sehr. Ich lie­be aber auch Die drei ???, beson­ders die alten Fol­gen.“ Selbst trat er auch schon in einem Hör­spiel auf, sprach in Cars­ten Syguschs Han­no­ver-Kri­mi Pup­pen­jungs die Haupt­rol­le des ermit­teln­den Kom­mis­sars. Hein­richs Organ ist ange­nehm tief, leicht rau­chig in der Varia­ti­on, an Spre­cher wie Tho­mas Fritsch gemah­nend. Gelernt hat der Han­no­ve­ra­ner sein Hand­werk u. a. bei der die­ses Jahr ver­stor­be­nen Legen­de Chris­ti­an Rode. Sein Lieb­lings­spre­cher: Peter Paset­ti (1916 – 1996).

Dirk Heinrich

Dirk Hein­rich

Bei den Gän­se­h­aut­mo­men­ten nun ist Dirk Hein­rich weder Kom­mis­sar noch Mode­ra­tor, son­dern Erzäh­ler unheim­li­cher Phan­tas­tik. Stil­echt in Rüschen­hemd und Frack tritt er an sein Vor­le­ser­pult und lässt sich nie­der vor einem Pan­ora­ma klas­si­scher deut­scher Jagd­ma­le­rei. Das Hala­li ist ohne­hin pro­gram­ma­tisch auf dem Sprin­ger Jagd­schloss. Der Bau aus dem frü­hen 19. Jahr­hun­dert steht auf dem Gelän­de des loka­len Sau­parks, der Mar­stall ist üppig deko­riert mit Tro­phä­en und Jagd­waf­fen. Hier war einst schon der Kai­ser auf der Pirsch. Gute Vor­aus­set­zun­gen also, um bei fla­ckern­dem Ker­zen­licht den drei Geschich­ten zu lau­schen, die das Duo im Gepäck hat­te.

Hodgson, Bierce und Lovecraft

Gänsehautmomente

Dirk Hein­rich trägt vor, Cars­ten Sygusch sorgt für die pas­sen­de Insze­nie­rung

Nach kur­zen Gruß­wor­ten von Reprä­sen­tan­ten des Ver­an­stal­ters „Hör­re­gi­on Han­no­ver“ und der Stadt Sprin­ge ging es los mit Wil­liam Hope Hodg­sons Die Crew der Lan­cing. Wie gewohnt ent­führt der im 1. Welt­krieg gefal­le­ne eng­li­sche Autor die Leser­schaft auf den wei­ten Oze­an, wo aus einer selt­sa­men Nebel­bank plötz­lich ein Drei­mas­ter mit fürch­ter­li­cher Besat­zung bricht. Im Anschluss ging es in die Wäl­der des US-ame­ri­ka­ni­schen Nord­wes­tens mit Das ver­na­gel­te Fens­ter von Ambro­se Bier­ce, der in sei­ner Geschich­te von 1891 der Fra­ge nach­geht, was es eigent­lich mit der abge­le­ge­nen Hüt­te eines merk­wür­di­gen, alten Ein­sied­lers auf sich hat. Nach einer kur­zen Pau­se bil­de­te dann H. P. Love­crafts erwähn­tes Tier in der Höh­le über einen unter der Erde sei­ner Ori­en­tie­rung ver­lus­tig gegan­ge­nen Tou­ris­ten den Abschluss eines rund­um gelun­ge­nen Abends. Die Geschich­te zählt sicher­lich nicht zu Love­craft aller­bes­ten Wer­ken, ist aber sel­ten gehört und lässt moti­visch sowie erzäh­le­risch schon erah­nen, zu wel­chen Höhen „Grand­pa Theo­bald“ spä­ter noch fähig war. Unter­malt wur­den die gekonn­ten Lesun­gen Dirk Hein­richs dabei von dun­kel-wabern­den Ambi­ent­sounds und pass­ge­nau­en Akzen­ten ein­zel­ner Geräu­sche. Beson­ders strich dabei die immer wie­der spür­ba­re Abstim­mung von Vor­le­ser Hein­rich und Klang­meis­ter Sygusch den Anspruch der Gän­se­h­aut­mo­men­te in Bezug auf den Effekt her­aus.

Fazit

Wer die Gele­gen­heit haben soll­te, einen Auf­tritt des Pro­jekts aus Han­no­ver zu erle­ben, dem sei dies wärms­tens emp­foh­len. Auf­nah­men der Lesun­gen gibt es bis dato lei­der nicht zu erwer­ben. Doch Cars­ten Sygusch hat dafür eine reiz­vol­le Alter­na­ti­ve im Ange­bot: 2017 nahm er eine insze­nier­te Lesung des Hodg­son-Klas­si­kers Das Gespens­ter­pferd mit dem bekann­ten Syn­chron- und Hör­spiel­spre­cher Eck­art Dux auf. Und viel­leicht klappt es irgend­wann in Zukunft ja noch, die Gän­se­h­aut­mo­men­te für die Ewig­keit fest­zu­hal­ten.

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