So viel Leben oder: Lovecraft unchained

Ein biographisches Standardwerk erreicht Deutschland

von Nils Gam­pert | 20.02.2018

S. T. Joshi: Lovecraft Leben und Werk, Teil 1

Lan­ge war sie ver­lags­sei­tig ange­kün­digt, Ver­schie­bun­gen muss­ten in Kauf genom­men wer­den, nun liegt sie end­lich vor: die ers­te deut­sche Über­set­zung von S. T. Joshis epo­che­ma­chen­der, zwei­bän­di­ger Love­craft-Bio­gra­phie I Am Pro­vi­dence. Der ers­te Band ist seit dem spä­ten Herbst 2017 lie­fer­bar beim Ber­li­ner Klein­ver­lag Gol­kon­da, über­setzt von Andre­as Flied­ner, Band 2 soll zeit­nah fol­gen. Ver­schie­dent­lich ist die Fra­ge gestellt wor­den, ob eine der­art volu­mi­nö­se Arbeit gele­sen wer­den müs­se (der ers­te über­setz­te Band umfasst inklu­si­ve Anhang reich­lich über 700 Sei­ten) und ob mit älte­ren Stu­di­en nicht alles gesagt sei. Auch der Bio­graph selbst ist alles ande­re als unum­strit­ten. Und über­haupt, was recht­fer­tigt an H. P. Love­crafts Leben und Werk eigent­lich einen sol­chen Auf­wand? Die­sen Fra­gen soll hier in kri­ti­scher Wür­di­gung der Arbeit Gol­kon­das sowie ver­schie­de­ner Her­an­ge­hens­wei­sen und Stand­punk­te nach­ge­gan­gen wer­den.

Entdeckung einer Nonentity: Die Lovecraft-Forschung

S. T. Joshi

S. T. Joshi (2002), Foto­graf: Les­lie Boba (CC-BY-SA, GFDL)

Vor­weg lässt sich bereits sagen, dass es sich bei der hier zu bespre­chen­den Publi­ka­ti­on um das zwei­fel­los wich­tigs­te Werk der bis­he­ri­gen Love­craft-Stu­di­en han­delt. Dies liegt in der Haupt­sa­che an ihrem Autor, den der Ver­lag als jeman­den ankün­digt, der in sei­nem Fach „nicht sei­nes­glei­chen“ habe. Dies klingt hoch gegrif­fen, aber es ist eine schlich­te Tat­sa­che.

Die Rede ist von Sun­and Try­am­bak Joshi (*1958). Der gebür­ti­ge Inder wuchs in den USA auf und stieß bereits in frü­her Jugend in einer loka­len Büche­rei auf H. P. Love­craft. Er emp­fand dies als ein­schnei­den­des Erleb­nis, das er noch heu­te leb­haft in Inter­views zu schil­dern ver­mag. Als 1975 die ers­te Love­craft-Bio­gra­phie des ame­ri­ka­ni­schen Phan­tas­tik-Autors Lyon Spra­gue de Camp erschien (sei­ner­zeit ver­ant­wor­tet vom renom­mier­ten Groß­ver­lag Dou­ble­day), las der Pro­fes­so­ren-Sohn die Arbeit und wur­de dadurch auf­merk­sam auf den Mann und die Vor­gän­ge hin­ter den über­na­tür­li­chen Geschich­ten. Es ist hier nicht der Ort, die wei­te­ren Ent­wick­lun­gen im Detail nach­zu­zeich­nen, wobei die seit den 1970er Jah­ren begin­nen­de, sich bis heu­te ent­wi­ckeln­de Love­craft-For­schung selbst ein fas­zi­nie­ren­des Stu­di­en­ob­jekt dar­stellt.

Es gilt im Gro­ben bezüg­lich Joshi fest­zu­hal­ten, dass die­ser sich tat­säch­lich ab dem genann­ten Zeit­punkt der aka­de­mi­schen und kri­ti­schen Erschlie­ßung Love­crafts, sei­nem lite­ra­ri­schen Zir­kel, sei­nen Ein­flüs­sen und der weird fic­tion all­ge­mein wid­me­te und dies bis heu­te fort­führt. Neben der Erlan­gung eines MA in Klas­si­schen Alter­tums­wis­sen­schaf­ten an der Brown Uni­ver­si­ty von Pro­vi­dence ver­öf­fent­lich­te er ab 1978 kon­stant zum The­ma, sowohl in aka­de­mi­schen Ver­la­gen wie der Ohio Uni­ver­si­ty Press als auch bei Spe­zia­lis­ten wie der von Marc A. Mich­aud kurz zuvor gegrün­de­ten Necro­no­mic­on Press. Dort gab er ab den 80er Jah­ren auch die Love­craft Stu­dies her­aus. Er arbei­te­te dabei zum Teil eng mit ande­ren Love­craft-Exper­ten wie dem deutsch­stäm­mi­gen His­to­ri­ker und Lite­ra­tur­kri­ti­ker Dirk W. Mosig und dem Theo­lo­gen Robert M. Pri­ce zusam­men, stand aber eben­so in Kon­takt mit noch leben­den Zeit­ge­nos­sen Love­crafts wie J. Ver­non Shea. In den 80er Jah­ren sah er für Ark­ham House Love­crafts gesam­tes fik­tio­na­les Werk durch und gab es in drei Bän­den neu her­aus. Es gab und gibt diver­se ande­re For­scher, die sich mit Love­craft befass­ten und befas­sen: Peter H. Can­non, Ste­ven J. Maricon­da, Dar­rell Schweit­zer und Ken­neth W. Faig Jr., um nur eini­ge zu nen­nen. Betrach­tet man das Werk die­ser Leu­te, das sich im Regel­fall auf bestimm­te Ver­la­ge kon­zen­triert (bspw. die Hip­po­cam­pus Press und die Cen­ti­pe­de Press), so ergibt sich ein hete­ro­ge­nes Gebil­de ver­schie­de­ner Schwer­punk­te, das sich letzt­lich aber immer auf Love­craft und angren­zen­de Per­so­nen oder The­men bezieht. Joshi arbei­tet mit vie­len die­ser Inter­pre­ten immer wie­der zusam­men, zitiert sie, pro­fi­tier­te von ihren Arbei­ten. Er selbst sticht den­noch auf­grund der Quan­ti­tät sei­ner For­schungs­ge­gen­stän­de und der Qua­li­tät sei­ner jewei­li­gen Publi­ka­tio­nen her­aus. Er ist der ein­zi­ge, der es ver­moch­te, die Erkennt­nis­se aller Expo­nen­ten zu bün­deln und sie in Syn­the­se mit sei­nen eige­nen enor­men Kennt­nis­sen der Brie­fe und der Lite­ra­tur Love­crafts zu einem Gesamt­ergeb­nis zu ver­schmel­zen, das 1996 mit H. P. Love­craft: A Life bereits für Furo­re sorg­te und das 2010 unge­kürzt in I Am Pro­vi­dence kul­mi­nier­te. Es hat an Kennt­nis­reich­tum, Akri­bie und Stil – um den Ver­lag abge­wan­delt zu zitie­ren – nicht sei­nes­glei­chen und stellt die ers­te Wahl für jeden dar, der sich fun­diert mit Love­craft befas­sen möch­te.

Die Biographie

Joshi spannt den Bogen im ers­ten Band von der Genea­lo­gie der Fami­li­en Love­craft und Phil­lips über sei­ner Geburt im Jah­re 1890 bis zum 31.12.1924, rekon­stru­iert also rund die ers­ten 35 Jah­re des Lebens HPLs. Er unter­teilt die­se Zeit­span­ne in chro­no­lo­gisch und the­ma­tisch nach­voll­zieh­ba­re Abschnit­te, wobei sich die bear­bei­te­ten Zeit­räu­me dop­peln kön­nen. So erzählt Joshi bspw. zwei­mal den wich­ti­gen Abschnitt von 1914 – 1917 nach, also jene Zeit, in der Love­craft aus der Ver­sen­kung auf­taucht und beginnt, sich im Ama­teur­jour­na­lis­mus zu betä­ti­gen. Ein­mal liegt dabei der Blick auf den Lebens­si­tua­tio­nen Love­crafts und cha­rak­ter­li­chen bzw. zwi­schen­mensch­li­chen Betrach­tun­gen, ein ande­res Mal ana­ly­siert Joshi die in der ent­spre­chen­den Peri­ode ent­stan­de­ne Lyrik und Pro­sa. Dabei muss der Leser bei aller zeit­li­chen Ein­grenz­bar­keit der Kapi­tel den­noch Obacht wal­ten las­sen, denn Joshi springt in Bezug auf sein kon­kre­tes The­ma gern in Love­crafts Leben hin und her, wenn es ihm sinn­voll erscheint. Er stellt dann Quer­ver­bin­dun­gen zu spä­te­ren Ereig­nis­sen her, schlägt Brü­cken in bereits behan­del­te Ver­gan­gen­heit oder gar bei­des. Erzäh­le­risch bet­tet er die­ses Vor­ge­hen sin­nig ein, ver­teilt die Infor­ma­tio­nen zwi­schen Fließ­text und kapi­tel­be­zo­ge­nen End­no­ten, aller­dings ver­langt das dem Leser doch eini­ges ab, bei allen vor­kom­men­den Per­so­nen und Ereig­nis­sen, die Joshi minu­ti­ös abhan­delt, immer den Über­blick zu behal­ten. Auch gibt er immer wie­der the­ma­ti­sche Exkur­se, die mit­un­ter vom eigent­li­chen The­ma weg­füh­ren. Dies ist aber wohl bei einem Werk wie die­sem nicht bes­ser lös­bar, wenn der Anspruch einer umfas­sen­den Dar­stel­lung gewahrt blei­ben soll und höchs­tens in Nuan­cen kri­tik­wür­dig.

Joshi ist oft für sei­nen Schreib­stil und für sei­ne ver­meint­li­che Par­tei­nah­me kri­ti­siert wor­den. Er schrei­be wenig mit­rei­ßend, eher wie ein Buch­hal­ter des love­craft­schen Lebens und drän­ge dem Leser stän­dig sei­ne Stand­punk­te zu Love­crafts Lebens­weg und den behan­del­ten lite­ra­ri­schen Erzeug­nis­sen auf, was Zwei­fel an der Wis­sen­schaft­lich­keit sei­ner Arbeit auf­kom­men las­se. Aus der Sicht des Rezen­sen­ten sind bei­de Urtei­le aller­dings falsch oder zumin­dest nur sehr begrenzt halt­bar.

S. T. Joshis Dar­stel­lung lässt stets Empa­thie und Humor erken­nen, und ent­ge­gen oft geäu­ßer­ter Dar­stel­lun­gen ist er ein Expo­nent der Love­craft-For­schung, wel­cher sich nicht dazu ver­lei­ten lässt, zu spe­ku­lie­ren, zu psy­cho­lo­gi­sie­ren und sein Objekt für Aus­sa­gen und Hand­lun­gen zu ver­ur­tei­len. Joshi ist zwar kein stu­dier­ter Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und er selbst bezeich­net sich auch nicht als sol­chen, son­dern als „cri­tic“, mit­hin als Ver­tre­ter einer Stoß­rich­tung, die kon­fron­ta­tiv ange­legt ist und her­aus­ge­ar­bei­te­te Stand­punk­te kon­se­quent ver­tritt. Sei­ne Metho­de ist den­noch wis­sen­schaft­lich unta­de­lig. Er geht akri­bisch vor, belegt in hoher Dich­te und greift auf einen beacht­li­chen, kaum zu ver­grö­ßern­den Pool an Quel­len und Sekun­där­li­te­ra­tur zurück. Wo also eine rein auf wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis aus­ge­leg­te Arbeit sich mit belast­ba­rer Auf­lis­tung begnügt, geht Joshi wei­ter und mischt sich in den Dis­kurs ein. Dies tut er vor allem bei der Lite­ra­tur, wo er eben nach jahr­zehn­te­lan­ger wis­sen­schaft­li­cher und ver­le­ge­ri­scher Aus­ein­an­der­set­zung zwei­fels­frei als Exper­te gel­ten kann. Frei­lich: Wenn er dazu anhebt, eine dem Leser mög­li­cher­wei­se zusa­gen­de Erzäh­lung als „lite­ra­risch unbe­deu­tend“ abzu­kan­zeln, einem Ama­teur­ar­ti­kel, der dem Leser Freu­de berei­te­te, einen „Hang zu Geschwät­zig­keit“ zu attes­tie­ren oder eine Lyrik, die ledig­lich Ach­sel­zu­cken beim Leser her­vor­rief, als „hübsch, herz­er­wär­mend und gefäl­lig“ aus­weist; ja, dann steht man mög­li­cher­wei­se im Wider­spruch zum Kri­ti­ker Joshi, fühlt sich bevor­mun­det und möch­te ener­gisch wider­spre­chen. Man darf dabei aber das eige­ne emo­tio­na­le Moment nicht über­be­wer­ten und muss statt­des­sen schau­en, wel­che Argu­men­te sich anbie­ten, und sol­che hat Joshi man­nig­fal­tig im Gepäck. Stu­diert man die jewei­li­gen Stel­len genau, so lässt sich fast immer aus­rei­chend her­lei­ten, wie Joshi zu sei­ner Ansicht gelang­te.

Geht es um Love­crafts Leben und sei­ne kri­ti­schen Momen­te, bspw. sei­nen berüch­tig­ten Ras­sis­mus oder sein obsku­res Lie­bes­le­ben, so hält sich Joshi mit Wert­ur­tei­len und Exploi­ta­tio­nen mess­bar zurück (dafür sind ande­re zustän­dig, wie sich zei­gen wird). Er ver­deut­licht die Din­ge im aus­rei­chen­den Maße, zitiert aus­gie­big und lässt die Ambi­va­lenz des Cha­rak­ters für sich spre­chen. Kaum eine Text­stel­le, wo er sub­jek­ti­ve Posi­tio­nen durch­schim­mern lässt und wenn es soweit kommt, Erklä­run­gen anbie­ten zu kön­nen, so zieht sich der Mensch S. T. Joshi zurück und ver­weist auf Kom­ple­xi­tä­ten der con­di­tio huma­na. Wo er spe­ku­liert, tut er dies kennt­nis­reich und in engen Area­len, setzt sich selbst Gren­zen und warnt vor küchen­psy­cho­lo­gi­scher Hys­te­rie und poli­tisch-dra­ma­ti­schem Ver­dikt. Joshis Stil und sei­ne kri­ti­schen Ansich­ten zur Lite­ra­tur mögen anfecht­bar und eine Fra­ge des Geschmacks sein; sei­ne wis­sen­schaft­li­che Metho­dik und sein ein­fühl­sa­mer, dif­fe­ren­zier­ter Umgang mit einem Men­schen­le­ben sind dies nicht.

Vor Joshi: Anmerkungen zu Lyon Sprague de Camp

Sprague de Camp

Der spä­te­re Love­craft-Bio­graf L. Spra­gue de Camp, umge­ben von Robert Hein­lein (links) und Isaac Asi­mov (rechts), 1944 (Public Domain)

Wie bereits erwähnt war de Camp Autor der ers­ten Bio­gra­phie über H.P. Love­craft. Die­se erschien 1975 und blieb lan­ge das umfang­reichs­te Werk zum Leben des Autors aus Pro­vi­dence, Rho­de Island. Natür­lich hat­te es schon vor­her Quel­len­tex­te von Zeit­ge­nos­sen Love­crafts gege­ben (zum Bei­spiel den von W. Paul Cook her­aus­ge­ge­be­nen Sam­mel­band In Memo­ri­am: Howard Phil­lips Love­craft von 1941), aber ein außen­ste­hen­der Bio­graph, der Love­craft nicht per­sön­lich oder zumin­dest brief­lich gekannt hat­te, war vor dem SF- und Fan­ta­sy-Autor de Camp nicht auf den Plan getre­ten. Sein Buch konn­te – zumin­dest bis­her – auch als prä­gen­der für den deut­schen Sprach­raum ange­se­hen wer­den als Joshis Arbei­ten. Denn wäh­rend von Joshi maxi­mal kur­ze Auf­sät­ze zu Love­craft in Sam­mel­bän­den erschie­nen, wur­de de Camp in den 80er Jah­ren bei Ull­stein (gekürzt) und spä­ter bei Fes­ta (unge­kürzt) ver­legt.

Es soll hier hin­sicht­lich der bei­den Bio­gra­phi­en kei­ne klein­tei­li­ge ver­glei­chen­de Stu­die vor­ge­legt wer­den. Wer sich im eng­lisch­spra­chi­gen Fan­tum bewegt, der weiß, die Lager sind gespal­ten und Dis­kus­sio­nen wer­den oft recht emo­tio­nal geführt. Auch hier ist es nur recht und bil­lig, eine kla­re Mei­nung zu arti­ku­lie­ren und in Ansät­zen zu unter­mau­ern, um sich nicht in all­zu diplo­ma­ti­scher Belie­big­keit zu ver­lie­ren. Bei der Wahl der Lek­tü­re spielt die Stil­fra­ge im Regel­fall eine gro­ße Rol­le und da unter­schei­den sich Joshi und de Camp. Joshis Schreib­wei­se wur­de bereits beschrie­ben. Spra­gue de Camp schreibt völ­lig anders, er beflei­ßigt sich eines schnel­len, zusam­men­fas­sen­den Stils, der hier über Fein­hei­ten hin­weg­geht, wäh­rend er dort ein­zel­ne Aspek­te gera­de­zu aus­beu­tet.

Was die Sau­ber­keit der Metho­de betrifft, kann de Camp sei­nem Nach­fol­ger nicht im Min­des­ten das Was­ser rei­chen. Er beschreibt zwar im Vor­wort sei­ne ver­meint­li­che Zunei­gung zu Love­craft (die für eine bio­gra­phi­sche Arbeit nicht vor­han­den sein muss, de Camp scheint hier etwas zu tak­tie­ren), scheut sich dann aber in sei­nen Aus­füh­run­gen nicht, Love­craft per­sön­lich anzu­grei­fen, ihn für getrof­fe­ne Ent­schei­dun­gen und cha­rak­ter­li­che Defi­zi­te zu gei­ßeln und Eigen­ar­ten sei­nes Sub­jekts gna­den­los über die Sei­ten zu trei­ben. So ist es für den stu­dier­ten Inge­nieur Lyon Spra­gue de Camp nicht begreif­lich, wie man als Mann ein­fach in sei­ner Stu­be hocken und Brie­fe schrei­ben kann, ohne einem Beruf nach­zu­ge­hen oder sich in der Welt sonst wie zu betä­ti­gen. Hier klin­gen sei­ne Sät­ze so, als wäre er bei die­ser Vor­stel­lung bei­na­he von sei­nem Sche­mel gekippt. Das Publi­kum – also die kon­tem­po­rä­ren ame­ri­ka­ni­schen Leser – nimmt er dabei gern zu sich ins Boot, indem er sie anbie­dernd als mobi­le Erfolgs­ty­pen idea­li­siert, die natür­lich eben­so kein Ver­ständ­nis für sol­che Schnur­ren haben kön­nen. In ähn­li­chem Duk­tus geht es an vie­len Stel­len wei­ter, wenn Love­craft zum Bei­spiel lie­ber in New York blei­ben will, anstatt im mitt­le­ren Wes­ten Her­aus­ge­ber von Weird Tales zu wer­den. Auch Love­crafts Sexua­li­tät scheint de Camp ein so unbe­greif­li­ches Mys­te­ri­um gewe­sen zu sein, dass er Aspek­te, die bei Joshi in weni­gen Sät­zen völ­lig aus­rei­chend abge­han­delt wer­den, über buch­stäb­lich meh­re­re Sei­ten aus­brei­tet und sich dabei teil­wei­se wie ein Sen­sa­ti­ons­re­por­ter geriert. Sei­ne Quel­len zitiert de Camp nicht sehr sau­ber (ein Lite­ra­tur­ver­zeich­nis fehlt gänz­lich, zumin­dest in der Fes­ta-Aus­ga­be), auch scheut er sich nicht, münd­li­che Aus­sa­gen als allei­ni­ge Stüt­ze her­an­zu­zie­hen.

Die­se Gegen­über­stel­lung der Arbeit de Camps soll genü­gen, um die Unter­schie­de zu skiz­zie­ren. Wer sich einen gewis­sen Über­blick ver­schaf­fen will und eine schnel­le Feder schätzt, die sonst hyper­boräi­sche Klin­gen schwingt und sich durch den Welt­raum kämpft (sie­he sei­ne Con­an-Pasti­ches und SF-Sto­ries), der kann de Camp durch­aus mit Gewinn lesen, muss aber eben metho­di­sche Män­gel und eine arge mora­li­sche Schlag­sei­te in Kauf neh­men. Wer es genau wis­sen will und eine empa­thi­sche Elo­quenz eher zu schät­zen weiß, der liest Joshi. Das Argu­ment, Joshi ver­dan­ke de Camp eine Men­ge hin­sicht­lich sei­ner eige­nen Arbeit, kann bei genau­em Stu­di­um der Bücher nicht gel­ten.

Ein Wagnis wird Realität: Die deutsche Ausgabe

Mit dem Ent­schluss, Joshis Zwei­bän­der nach Deutsch­land zu holen, ist der Gol­kon­da Ver­lag ein außer­or­dent­li­ches Risi­ko ein­ge­gan­gen. Ver­le­ger Han­nes Rif­fel hat­te dies im Inter­view mit dem Love­craf­ter (Nr. 0 , 2016) frei­mü­tig ein­ge­räumt, aber gleich­zei­tig auch sei­nem Enthu­si­as­mus für ein sol­ches Pio­nier­pro­jekt Aus­druck ver­lie­hen. Gewür­digt wer­den kann und muss in jedem Fall die Voll­endung der Unter­neh­mung nach etwas hol­pe­ri­ger Weg­stre­cke, die es nun den deut­schen Lesern ermög­licht, am Stan­dard­werk der bio­gra­phi­schen Love­craft-For­schung zu par­ti­zi­pie­ren. Ver­ant­wort­lich für die Über­set­zung zeich­net im Allein­gang der Lite­ra­tur- und Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­ler Andre­as Flied­ner aus der Pfalz, der sich als Mit­her­aus­ge­ber der Edi­ti­on Nacht­gän­ge der unheim­li­chen Lite­ra­tur ver­schrieb und für Gol­kon­da bereits den Fall Charles Dex­ter Ward mit Anmer­kun­gen von Joshi über­trug. Auch im „Kon­kur­renz­pro­jekt“ von Fischer Tor, dem New Anno­ta­ted Love­craft (deutsch: H. P. Love­craft. Das Werk) von Les­lie S. Klin­ger, war er tätig. Aus die­ser Per­spek­ti­ve gibt es denn auch nichts zu bekla­gen, die Über­tra­gung ist Flied­ner aus­ge­zeich­net gelun­gen. Die Kapi­tel lesen sich flüs­sig und Joshis Stil wur­de tadel­los ein­ge­fan­gen. Posi­tiv zu ver­mer­ken sind auch diver­se Anmer­kun­gen, die Flied­ner den End­no­ten Joshis spe­zi­ell für den deut­schen Leser hin­zu­füg­te, wobei sich hier auch eine Kri­tik anschlie­ßen muss.

Das schmis­si­ge Vor­wort Micha­el Siefeners offe­riert eine „unge­kürz­te Fas­sung“ der Bio­gra­phie. Ob dies letzt­lich voll­ends gelin­gen konn­te, ist aller­dings frag­lich. Es ist völ­lig klar, dass Über­set­zung von Lite­ra­tur auch immer eine Über­tra­gung von einer Spra­che in ande­re Spra­chen bedeu­tet. Ein hoch sen­si­bler und heu­te lei­der oft schwer unter­schätz­ter Vor­gang, bei dem kom­ple­xe Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­te­me auf­ein­an­der abge­stimmt wer­den, der Text jedoch auch am Ende so re-kodi­fi­ziert wer­den muss, dass er die Spra­che des Lesers spricht, was im Zwei­fel auch an Stil, Wis­sen­stand und Ton­la­ge einer dezi­dier­ten Ziel­grup­pe gebun­den ist. Dabei ist im Ergeb­nis zu beach­ten, dass zwar eine deut­sche Aus­ga­be in den wesent­li­chen Inhal­ten – also „unge­kürzt“ – über­tra­gen wer­den und den­noch mar­gi­na­les Mate­ri­al an den Rän­dern durch den Über­tra­gungs­vor­gang ver­lus­tig gehen kann. Ganz ein­deu­tig ist dies nicht. Im Fal­le von H. P. Love­craft – Leben und Werk haben Über­set­zer Andre­as Flied­ner und Lek­tor Andy Hah­ne­mann den nach­voll­zieh­ba­ren und löb­li­chen Ver­such unter­nom­men, dem deut­sche Publi­kum eine Fas­sung zu erstel­len, die auf die Ziel­grup­pe zuge­schnit­ten ist, einen Mehr­wert gegen­über dem Ori­gi­nal dar­stellt und den­noch mit text­li­chem Arran­ge­ment und einer Infor­ma­ti­ons­ver­dich­tung so arbei­tet, dass eine 1:1-Kopie der Vor­la­ge nicht am Ende steht. Auf­fäl­lig ist dies beson­ders in den End­no­ten, die teils erheb­lich von der Vor­la­ge abwei­chen, was ins­ge­samt wenig bedeut­sam ist. An weni­gen Stel­len sind so aller­dings doch Infor­ma­tio­nen der Ver­dich­tung gewi­chen, was schließ­lich besagt, dass bis ins letz­te Detail akri­bi­sche Leser mög­li­cher­wei­se doch noch Joshis Ori­gi­nal zu Rate zie­hen müs­sen, wenn sie weit­erfor­schen wol­len. Eine har­te Unter­schei­dung zwi­schen „gekürzt“ und „unge­kürzt“ erscheint vor dem Hin­ter­grund zu bra­chi­al. Ein­deu­tig bemän­geln muss man aus­schließ­lich die Manu­skript­prü­fung des Lek­to­rats, denn es haben sich beson­ders auf den ers­ten 250 Sei­ten der­ar­tig vie­le Tipp­feh­ler ein­ge­schli­chen, dass der Lese­ge­nuss teils doch getrübt wird.

Fazit: Ein Meilenstein

Es fiel nicht leicht, die ers­te deut­sche Über­set­zung des zwei­fel­los wich­tigs­ten Love­craft-Sekun­där­wer­kes aus­ge­wo­gen zu bespre­chen. Wo auf der einen Sei­te die Begeis­te­rung für das Pro­jekt eines klei­nen Ver­la­ges mit Phan­tas­tik-Schwer­punkt und die Ehr­furcht vor einer bestechend gelun­ge­nen Über­set­zungs­leis­tung stan­den, schlu­gen auf der gegen­über­lie­gen­den Sei­te den­noch eine gewis­se Kri­tik an der Bear­bei­tung und ein ver­meid­ba­res Auf­kom­men an gram­ma­ti­ka­li­schen Feh­lern zu Buche. Unter dem Strich kann aber nichts gerin­ge­res als eine neue Weg­mar­ke der Love­craft-Wahr­neh­mung in Deutsch­land von epo­cha­len Aus­ma­ßen kon­sta­tiert wer­den. HPL fin­det durch die Über­set­zung vie­le neue Leser, die sich nun auch für bio­gra­phi­sche Ver­bin­dun­gen inter­es­sie­ren. Die Auf­merk­sam­keit für Love­crafts Leben und Werk steigt durch Gol­kon­das Arbeit auch medi­al, wie sich zuletzt immer wie­der beob­ach­ten ließ. Lei­der beginnt die ernst­haf­te Love­craft-For­schung aus Über­see erst lang­sam, ihren Weg zu uns zu fin­den, und abseits von anspruchs­vol­len Ama­teur-Pro­jek­ten wie den Ark­ham Insi­ders einen aus­ge­präg­te­ren Reso­nanz­raum zu eröff­nen, aber es ist nicht zu spät. Im Gegen­teil: Es fängt gera­de erst an. Nicht zuletzt die Deut­sche Love­craft Gesell­schaft ist ange­tre­ten, gemäß den Mög­lich­kei­ten ihren Bei­trag dazu zu leis­ten. Auch Gol­kon­da wird dran­blei­ben und mit dem zwei­ten Band von I Am Pro­vi­dence (hof­fent­lich) noch die­ses Jahr nach­le­gen. Eta­blier­te Klein­ver­la­ge wie Fes­ta haben das Fach eben­falls für sich ent­deckt und publi­zie­ren aktu­el­le Stu­di­en. Man muss Micha­el Siefe­ner abso­lut Recht geben: Für Adep­ten des kos­mi­schen Grau­ens in Deutsch­land stan­den die Ster­ne nie so güns­tig.

(Nach­be­mer­kung: Ich bedan­ke mich bei Niels-Ger­rit Horz und Axel Weiß, die mir bei der Erar­bei­tung des Tex­tes eine wert­vol­le Hil­fe waren.)

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