Fresken, Funde und Fragmente

Die dLG und H.P Lovecraft beim 44. Internationalen Filmwochenende in Würzburg

von Nils Gam­pert | 07.02.2018

Würzburger Residenz,

Würz­bur­ger Resi­denz

Der 27. Janu­ar 2018 war ein bedeu­ten­der Ter­min für die Deut­sche Love­craft Gesell­schaft und alle an Love­craft Inter­es­sier­ten im deutsch­spra­chi­gen Raum. Zum einen ehr­te das Inter­na­tio­na­le Film­wo­chen­en­de in Würz­burg den Autor aus Pro­vi­dence mit einer Werk­schau, die an besag­tem Sonn­abend ihren Höhe­punkt mit der Welt­pre­mie­re von Sascha Alex­an­der Ren­nin­gers zwei­ter ein­schlä­gi­ger Arbeit Frag­ment 1890 fin­den soll­te; zum ande­ren traf sich der loka­le Stamm­tisch der dLG im Würz­bur­ger Hof­bräu. Da bei­de Ereig­nis­se über Fran­ken hin­aus ihre Strahl­kraft ent­fal­ten konn­ten, reis­ten auch Gäs­te aus Bay­ern und ent­le­ge­ne­ren Tei­len der Repu­blik an, um bei­de Ver­an­stal­tun­gen zusam­men zu füh­ren.

Würzburg – Ein erster Eindruck

Balthasar Neumann

Bal­tha­sar Neu­mann, Gemäl­de von Mar­kus Fried­rich Klei­nert (1727)

Allein die Kulis­se war dabei die Rei­se mehr als wert. Dem sich aus Nor­den der unter­frän­ki­schen Dom­stadt nähern­den Besu­cher eröff­ne­te sich am frü­hen Tage ein male­ri­sches Pan­ora­ma aus neb­li­gen Wein­ber­gen und glit­zern­dem Main­fluss zur Begrü­ßung. Am Haupt­bahn­hof fand sich bald eine klei­ne Grup­pe aus zei­tig ange­reis­ten dLGern aus Nürn­berg, Pas­sau und Han­no­ver zusam­men, um das Vor­feld des Stamm­ti­sches mit aller­lei Kul­tur zu fül­len. Durch das Alt­stadt­vier­tel näher­te man sich gemäch­li­chen Schrit­tes via Bar­ba­ros­sa­platz der baro­cken Würz­bur­ger Resi­denz, einem frü­hen UNESCO-Welt­kul­tur­er­be und ehe­ma­li­gen Sitz der Fürst­bi­schö­fe.

Hier konn­te sich die klei­ne Grup­pe am Hof­gar­ten und der atem­be­rau­ben­den Pla­nung des Archi­tek­ten Bal­tha­sar Neu­mann erfreu­en. Auch das Inne­re des Baus ließ kei­ne Wün­sche offen, erwar­te­ten die Besu­cher doch das größ­te zusam­men­hän­gen­de Fres­ko welt­weit und fas­zi­nie­ren­de Stu­cka­tu­ren. Ver­ant­wort­lich für die Augen­wei­den zeich­nen die ita­lie­ni­schen Meis­ter Gio­van­ni Bat­tis­ta Tie­po­lo und Anto­nio Gui­sep­pe Bos­si, die hier im Würz­bur­ger Roko­ko gemein­schaft­lich die Gren­zen der Wahr­neh­mungs­kraft aus­lo­ten­de Kunst­wer­ke schu­fen. Wer Würz­burg besucht, der kommt an die­sem epo­cha­len Bau­werk nicht vor­bei.

Bücher, Bier, Barbaren

Regisseur Frank Renniger

Regis­seur Sascha Alex­an­der Ren­nin­ger (1 Rei­he, 2 v. links) unter Freun­den und Kol­le­gen der deut­schen Love­craft Gesell­schaft

Schließ­lich fand man sich mit wei­te­ren dLGern aus der Regi­on zusam­men, um im uri­gen Stö­ber­pa­ra­dies von Hermkes Roman­bou­tique in der Valen­tin-Becker-Stra­ße ein­zu­fal­len und der Lust an kon­tem­po­rä­rer phan­tas­ti­scher Lite­ra­tur, anti­qua­ri­schen Per­len und Rol­len­spiel­ma­te­ri­al bzw. Comics hem­mungs­los zu frö­nen. Der recht gemüt­li­che und groß­ar­tig aus­ge­stat­te­te Laden ist eben­falls immer einen Besuch wert und nach aus­gie­bi­ger Schatz­su­che ver­ließ die Grup­pe zufrie­den mit alten Phan­tas­tik-Suhr­kamps, noch älte­ren Con­an-Taschen­bü­chern und aktu­el­len Aben­teu­er­bän­den das Laden­lo­kal.

Da der Nach­mit­tag nun bereits deut­lich vor­an­ge­schrit­ten war, hieß es, sich in Rich­tung des Stamm­ti­sches zu bewe­gen! Vor­bei an der lieb­li­chen Alten Main­brü­cke und der impo­san­ten Fes­tung auf dem Mari­en­berg (die sich im Som­mer sehr als Open-Air-Loca­ti­on für Pen-and-Paper-Run­den eig­net, wie uns ein Insi­der zutrug) ging es stracks ins Hof­bräu, wo sich die nun schon recht beacht­li­che Grup­pe mit wei­te­ren Freun­din­nen und Freun­den aus der dLG zusam­men schloss. Auch der Fil­me­ma­cher Huan Vu stieß als Mit­glied der dLG dazu, und so kaper­te die illus­tre Gesell­schaft einen gro­ßen Tisch in der Schank­wirt­schaft, um sich die nächs­ten Stun­den mit inter­es­san­ten und teils kon­tro­ver­sen Dis­kus­sio­nen rund um H.P. Love­craft und angren­zen­de The­men zu ver­trei­ben. Die Spei­se- und Geträn­ke­kar­te reich­te im Hof­bräu von sport­lich-vegan bis def­tig-boden­stän­dig und konn­te so alle Bedürf­nis­se in abso­lut zufrie­den­stel­len­dem Maße decken. Gegen Abend brach man dann schließ­lich zum fina­len Pro­gramm­punkt auf: Der HPL-Kurz­film­nacht des Inter­na­tio­na­len Film­wo­chen­en­des im Kul­tur­zen­trum Bür­ger­bräu.

Filme zu Ehren Lovecrafts

Fragment 1890 Filmplakat

Frag­ment 1890 Film­pla­kat

Love­craft war bei der 44. Gala des Würz­bur­ger Inter­na­tio­na­len Film­wo­chen­en­des eine gan­ze Rei­he gewid­met. Bereits im Vor­feld waren Roger Cormans Klas­si­ker Die Fol­ter­kam­mer des Hexen­jä­gers sowie Huan Vus sich auf dem Wege zum Klas­si­ker befind­li­cher Film Die Far­be gezeigt wor­den. Am Sonn­abend dem 28.01. nun bahn­te sich der Kern­punkt der Retro­spek­ti­ve an: Ein Block mit love­craf­ti­gen Kurz­fil­men, gekrönt von der Welt­pre­mie­re des zwei­ten Ren­nin­gers Frag­ment 1890. Bereits vor­ab hielt sich der gebür­ti­ge Fran­ke Sascha Alex­an­der Ren­nin­ger im Foy­er des Kinos auf und stand den reich­li­chen Fra­gen der Love­craft-Gemein­de Rede und Ant­wort. Dann konn­te es um 21.15 Uhr end­lich los­ge­hen und die dLG bezog ihre Plät­ze in einem voll besetz­ten Kino­saal, um sich für die nächs­ten zwei Stun­den in Love­crafts Wel­ten zu bege­ben.

Den Anfang mach­te Sascha Ren­nin­gers love­craf­ti­ger Erst­ling Shadow of the Unnama­ble, der im Dia­log zwei­er Per­so­nen das Grau­en in dif­fu­sen Sche­men her­an­na­hen lässt und mit stim­mungs­vol­ler Mini­mal­or­ches­trie­rung sowie ruhig-atmo­sphä­ri­scher Insze­nie­rung der fes­seln­den Dar­stel­ler zu über­zeu­gen wuss­te. Ein über­zeu­gen­des Stück Kurz­film­kunst, das nicht zu Unrecht auf diver­sen Fes­ti­vals gelobt und aus­ge­zeich­net wur­de.

Im Anschluss wuss­te die gekonn­te Trans­mis­si­on der sug­ges­ti­ven Kraft von Love­crafts Das Bild im Haus zu begeis­tern: In sei­nem 15-minü­ti­gen Film Das Zim­mer beschwor der spa­nisch­stäm­mi­ge Fil­me­ma­cher Samer Hala­bi Cabe­zón eini­ge wirk­lich inten­si­ve Sequen­zen, die trotz des moder­nen Hand­lungs­or­tes sofort ihre Pro­ve­ni­enz erken­nen lie­ßen. Auch wenn ein Plot-Twist nicht alle Zuschau­er zu über­zeu­gen ver­moch­te, so blieb das Werk ins­ge­samt beein­dru­ckend.

Mit Film Num­mer 3 erwar­te­te das Publi­kum der längs­te Bei­trag des Blocks, der auch Ken­nern der Mate­rie auf der gro­ßen Lein­wand ein unge­kann­tes Erleb­nis ver­schaf­fen konn­te. Es han­del­te sich um die bewusst zeit­ge­nös­sisch gehal­te­ne Stumm­film­ad­ap­ti­on von Der Ruf des Cthul­hu der aus­ge­spro­chen pro­fes­sio­nell agie­ren­den ame­ri­ka­ni­schen Enthu­si­as­ten der H.P. Love­craft His­to­ri­cal Socie­ty (HPLHS). Trotz der Tat­sa­che, dass der 2005 gedreh­te Film bereits vie­len Zuschau­ern bekannt war, war es den­noch ein Hoch­ge­nuss, die sty­gi­schen Stu­fen des ver­sun­ke­nen R’lyeh auf dem Kino­trans­pa­rent schau­en zu dür­fen.

The Colour out of Space Filmplakat

Patrick Mül­ler: The Colour out of Space Film­pla­kat

Eine Atem­pau­se für die durch die Text­ta­feln des Stumm­films gefor­der­te Kon­zen­tra­ti­on des Publi­kums ver­schaff­te im Anschluss der ultra­kur­ze Far­ben­rausch The Colour out of Space des deut­schen Film­künst­lers Patrick Mül­ler, der sich auf weni­ge text­li­che Zita­te aus Love­crafts gleich­na­mi­ger Novel­le beschränk­te. Dafür bot Mül­ler höchs­te ästhe­ti­sche Genüs­se in einer Mischung aus anspruchs­vol­len Fär­bun­gen land­schaft­lich reiz­vol­ler Bil­der und dunk­len Ambi­ent-Klän­gen, die in der Wei­te des Kino­saals voll­um­fäng­lich zur Gel­tung kam und in aller Kür­ze ver­führ­te.

Sodann war der Zeit­punkt gekom­men für la gran­de fina­le: Sascha Ren­nin­gers zwei­te Love­craft-Epi­so­de Frag­ment 1890 flim­mer­te zum ers­ten Male über die Lein­wand. Der Würz­bur­ger griff für sei­nen Film ein von HPL hin­ter­las­se­nes Traum­frag­ment auf und zeig­te eine gekonn­te Fort­füh­rung der frag­men­ta­ri­schen Skiz­ze, die bis ins letz­te Detail sowohl den Lai­en mit­riss als auch die Exper­ten for­der­te und letzt­lich mit hohem Anspruch sinis­te­res Grau­en prä­sen­tier­te. Ein Kurz­film, der zwei­fel­los Maß­stä­be setzt für spä­te­re Pro­duk­tio­nen ähn­li­cher Natur und dem eine maxi­ma­le Ver­brei­tung zu wün­schen ist. Die Love­craft-Gemein­de ist Sascha Alex­an­der Ren­nin­ger für sei­ne jah­re­lan­ge Hin­ga­be und sein uner­müd­li­ches, über­wie­gend unent­gelt­lich erfolg­tes Enga­ge­ment zu tiefs­tem Dank ver­pflich­tet, ein Werk von solch visio­nä­rer Kraft und bril­lan­ter Aus­stat­tung genie­ßen zu dür­fen. Dies spie­gel­te sich auch in der anschlie­ßen­den Fra­ge­run­de, bei der Ren­nin­ger dem Publi­kum Rede und Ant­wort stand. Auch wenn dezen­te Kri­tik und Wün­sche nicht aus­blie­ben, so war die gro­ße Begeis­te­rung für die Arbei­ten des Fil­me­ma­chers doch spür­bar.

Fazit

Regisseur Sascha Renninger im Gespräch mit Kultisten

Regis­seur Sascha Alex­an­der Ren­nin­ger im Gespräch mit Kul­tis­ten

Damit ging ein groß­ar­ti­ger Tag vol­ler Kul­tur, Gespräch und Love­craft abso­lut form­voll­endet zur Nei­ge. Da noch der Trash-Kult Re-Ani­ma­tor in der Spät­vor­stel­lung gezeigt wur­de, muss­te das Q&A mit Ren­nin­ger lei­der abge­bro­chen wer­den, was dann aber im Foy­er fort­ge­setzt wur­de, so zahl­reich waren die Fra­gen zu Tech­nik, Umset­zung, Inspi­ra­tio­nen und eben­so zahl­reich waren die Lob­re­den auf den Künst­ler und sei­ne Crew. Es steht zu hof­fen, dass auch Frag­ment 1890 auf DVD oder Blu-Ray zugäng­lich gemacht wer­den wird. Ren­nin­ger selbst äußer­te zudem Plä­ne, einen drit­ten Teil dre­hen zu wol­len, um die Epi­so­den mit einer pas­sen­den Rah­men­hand­lung zu ver­bin­den.

Als gro­ßer Ken­ner Robert E. Howards wur­de zudem auch die Mög­lich­keit ein­schlä­gi­ger Adap­tio­nen rege dis­ku­tiert; bei­de Vor­ha­ben wären eine unnenn­ba­re Berei­che­rung! Nach­dem alle The­men halb­wegs aus­dis­ku­tiert wor­den waren (bis das die Zeit den Kreis­lauf besiegt, sozu­sa­gen), ver­ab­schie­de­te und trenn­te man sich zu spä­ter Stun­de vor dem Licht­spiel­haus. Ein sehr schö­nes Erleb­nis, das in Erin­ne­rung blei­ben wird und Lust auf mehr dLG-Ver­eins­le­ben mach­te; und auf die wei­te­re Aus­ein­an­der­set­zung mit unse­rem Namens­pa­tron, ver­steht sich! Der nächs­te Stamm­tisch und die nächs­te Ver­an­stal­tung, sie kom­men bestimmt.

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