H. P. Lovecraft im Spiegel der deutschen Verlagslandschaft

Ein Rück- und Ausblick

von Axel Weiß | 17.01.2018

Mehr als ein hal­bes Jahr­hun­dert – so weit geht die Rei­se in die Zeit zurück, spürt man der Publi­ka­ti­ons­ge­schich­te H. P. Love­crafts im deut­schen Sprach­raum nach. Von den ers­ten Über­set­zun­gen der 1960er Jah­re bis zum mitt­ler­wei­le (fast) voll­stän­dig auf Deutsch vor­lie­gen­den Werk war der Autor durch­gän­gig in der hie­si­gen Ver­lags­land­schaft prä­sent; frei­lich in unter­schied­li­chen Gewich­tun­gen. Dabei durch­leb­te er eine Wand­lung vom Geheim­tipp zum pop­kul­tu­rel­len Phä­no­men. Ins­be­son­de­re das für Hypes aller Art dank­ba­re Inter­net hat hier eine ent­schei­den­de Rol­le gespielt. An die­ser Ent­wick­lung haben auch zahl­rei­che schrift­stel­le­ri­sche Weg­ge­fähr­ten und Epi­go­nen Love­crafts mit­ge­wirkt. Und alles, was wäh­rend der letz­ten Jahr­zehn­te hier­zu­lan­de im Dunst­kreis des soge­nann­ten Cthul­hu-Mythos erschien, kam letzt­end­lich wie­der der Popu­la­ri­tät sei­nes Schöp­fers zugu­te.

1965 – 1973: Lovecraft kommt nach Deutschland

Am Anfang steht die 1965 im Hey­ne Ver­lag publi­zier­te Samm­lung 12 Gru­sel-Sto­ries. Die bes­ten Hor­ror-Geschich­ten von H. P. Love­craft, dem Meis­ter der Gän­se­haut und des Maka­bren in einer Über­set­zung von Wulf H. Berg­ner. Sie mar­kiert die ers­te, eigen­stän­di­ge Buch­ver­öf­fent­li­chung Love­crafts in deut­scher Spra­che. In den fol­gen­den Jah­ren war er immer mal wie­der mit ein­zel­nen Erzäh­lun­gen in den effekt­voll auf­ge­mach­ten Hor­ror-, Gru­sel- und Kri­mi-Antho­lo­gi­en des Ver­lags ver­tre­ten. Die ver­kür­zen­den und unge­nü­gen­den Über­set­zun­gen der Hey­ne-Bän­de sind spä­ter gerügt wor­den. Doch soll­ten die­se frü­hen Ver­diens­te um Love­craft nicht ganz zer­re­det wer­den. Immer­hin: Die küh­ne Unbe­fan­gen­heit, The Fes­ti­val als Teu­fels-Weih­nacht zu über­set­zen (15 Satan-Sto­ries. Unheim­li­che Geschich­ten über und mit dem Teu­fel, 1975), sorgt nach wie vor für ein Schmun­zeln.

1968 schlug dann die Stun­de des Insel Ver­lags. In einer Über­set­zung des öster­rei­chi­schen Sprach­künst­lers H. C. Art­mann (1921 – 2000) erschien hier der Titel Cthul­hu. Geis­ter­ge­schich­ten. Das Buch ist allein schon auf­grund sei­nes Schutz­um­schlags erwäh­nens­wert: Als Illus­tra­tor konn­te der Gra­fi­ker Heinz Edel­mann (1934 – 2009) gewon­nen wer­den, Art Direc­tor des legen­dä­ren Beat­les-Zei­chen­trick­films Yel­low Sub­ma­ri­ne. Bemer­kens­wert fiel auch die Rezen­si­on von Chris­tel Busch­mann in der ZEIT vom 31.1.1969 aus. Busch­mann kam zu dem Schluss: „Cthul­hu ist ein lite­ra­ri­sches Kurio­sum, sein Autor ein ver­dammt gewis­sen­haf­ter Ner­ven­kitz­ler mit allen Qua­li­tä­ten, auch hart­ge­sot­te­nen King-Kong- und Fran­ken­stein-Exper­ten lei­ses Schau­dern zu ermög­li­chen.“

Indes stell­te die­se Ver­öf­fent­li­chung nur den Auf­takt einer Rei­he dar, mit der sich der Insel Ver­lag in den kom­men­den Jah­re zur Haupt­an­lauf­stel­le für Love­craft und gene­rell Weird Fic­tion mau­ser­te. Die Rede ist von der Biblio­thek des Hau­ses Usher, die es zwi­schen 1969 und 1975 auf ins­ge­samt 26 Bän­de inter­na­tio­na­ler Hor­ror-Autoren brach­te. Allein H. P. Love­craft war bis 1973 mit 4 Titeln ver­tre­ten. Mit der Her­aus­ga­be die­ser Biblio­thek erwarb sich der Phan­tas­tik-Exper­te Kal­ju Kir­de (1923 – 2008) eine Schlüs­sel­po­si­ti­on inner­halb der deut­schen Love­craft-Rezep­ti­on.

1972 – 1992: Suhrkamp und Die Phantastische Bibliothek

Seit 1963 gehör­te der Insel Ver­lag zum Suhr­kamp Ver­lag. Die Biblio­thek des Hau­ses Usher war noch nicht abge­schlos­sen, da begann Suhr­kamp bereits mit einer Taschen­buch-Aus­ga­be des love­craft­schen Werks. Im Janu­ar 1972 wur­de – inhalts­gleich zur Insel-Aus­ga­be – Cthul­hu. Geis­ter­ge­schich­ten als Suhr­kamp-Taschen­buch Nr. 29 ver­öf­fent­licht. Der Band bil­de­te das Fun­da­ment für die Phan­tas­ti­sche Biblio­thek, die unter die­sem Titel aller­dings erst ab 1978 offi­zi­ell in Erschei­nung trat. Her­aus­ge­ber der Rei­he war bis 1998 der Öster­rei­cher Franz Rot­ten­stei­ner, neben Kal­ju Kir­de ein wei­te­rer Love­craft-Pio­nier im deut­schen Sprach­raum.

Es erüb­rigt sich, alle der mehr als 20 bei Suhr­kamp erschie­ne­nen Love­craft-Titel auf­zu­zäh­len. Hal­ten wir zum einen fest: Der Groß­teil sei­nes Schaf­fens wur­de durch die­se Biblio­thek dem deut­schen Publi­kum näher gebracht. Zum ande­ren lässt sich kon­sta­tie­ren, dass aus ihren Rei­hen eine ambi­tio­nier­te lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chung her­vor­ging.

In dem Zusam­men­hang müs­sen die Bän­de Über H. P. Love­craft (Phan­tas­ti­sche Biblio­thek, Band 130, über­ar­bei­tet als H. P. Love­crafts kos­mi­sches Grau­en, Band 344) von 1984 sowie Der Ein­sied­ler von Pro­vi­dence (Band 290) aus dem Jahr 1992 erwähnt wer­den. Wäh­rend in dem ers­ten Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler bzw. Love­craft-For­scher (S. T. Joshi, Dirk W. Mosig, Kal­ju Kir­de u. a.) zu Wort kamen, brach­te der zwei­te Band Zeug­nis­se und Doku­men­te von Freun­den und Bekann­ten des „Ein­sied­lers“. Die abge­druck­ten Tex­te, dar­un­ter län­ge­re Erin­ne­run­gen der Ehe­frau Sonia Haft Gree­ne Love­craft Davis (1883 – 1972) sowie des lang­jäh­ri­gen Freun­des W. Paul Cook (1880 – 1948), erschlos­sen eine unge­ahn­te und durch­aus char­man­te Sei­te des noto­ri­schen Hor­ror-Schrift­stel­lers.

Exkurs I: Frühe Sekundärliteratur

Es sei­en, wenn es um das The­ma Sekun­där­li­te­ra­tur geht, zwei Rück­sprün­ge gestat­tet. Der ers­te führt in die frü­hen 1970er zu dem Fan­zine Weird Fic­tion Times bzw. sei­nem Vor­gän­ger Gany­med Hor­ror. Bei­de Publi­ka­tio­nen gin­gen auf das Kon­to des spä­te­ren SF-Autors und Über­set­zers Uwe Anton. Eine wenig bekann­te Tat­sa­che: schon 1973 wid­me­te sich Gany­med Hor­ror mit der Dop­pel­num­mer 3/4 ganz dem Cthul­hu-Mythos. Auf 96 Sei­ten brach­te das Heft Bei­trä­ge von Lin Car­ter, August Der­leth und Ram­sey Camp­bell als deut­sche Erst­ver­öf­fent­li­chun­gen. Weird Fic­tion Times leg­te mit der Num­mer 48 (1977) schließ­lich eine rei­ne Love­craft-Aus­ga­be vor. Höhe­punk­te: Frank Bel­knap Longs Bei­trag zum Cthul­hu-Mythos The Hounds of Tindalos (Die Hun­de des Tindalos) erst­mals in deut­scher Über­set­zung sowie zwei Bei­trä­ge des deut­schen, spä­ter in die USA über­ge­sie­del­ten Love­craft-Exper­ten Dirk W. Mosig.

Das Jahr 1983 mar­kier­te einen wei­te­ren wich­ti­gen Punkt in der Love­craft-Rezep­ti­on: H. P. Love­craft – Der Poet des Grau­ens. Das von Hans Joa­chim Alpers (1943 – 2011) in der Edi­ti­on Futu­rum (Cori­an Ver­lag Hein­rich Wim­mer) her­aus­ge­ge­be­ne Buch bot neben Sto­ries von Love­craft vor allem theo­re­ti­sche Bei­trä­ge (Kal­ju Kir­de u. a.). Als Novum prä­sen­tier­te es den „Poet des Grau­ens“ als Brief­schrei­ber, der in sei­ner Kor­re­spon­denz aus­gie­big phi­lo­so­phi­sche und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Fra­ge­stel­lun­gen behan­del­te.

Die 1990er Jahre

Nach­dem Love­craft im Suhr­kamp Ver­lag eta­bliert war, begann in den 1990er Jah­ren eine jun­ge deut­sche Leser­schaft, eige­ne Pro­jek­te aus der Tau­fe zu heben. Als eines der enga­gier­tes­ten Unter­neh­men sei Jörg Kleud­gen und sei­ne bis heu­te akti­ve Gob­lin Press genannt. Publi­ka­tio­nen wie Bernd Jans’ R’lyeh (1990), Jens Schu­ma­chers Der Hügel von Yhty (1996) oder Jörg Kleud­gens Ark­ham und ande­re Orte des Grau­ens (1998) hul­dig­ten dem Autor aus Pro­vi­dence und sei­nen Schöp­fun­gen auf ihre ganz eige­ne Art und Wei­se. Auch der spä­te­re Love­craft-Pod­cas­ter Mir­ko Stauch (Ark­ham Insi­ders) ist mit dem Band Aus dem Schat­ten (1997) unter den frü­hen Gob­lin Press-Autoren zu fin­den.

Wäh­rend die Gob­lin Press Schrift­stel­lern und ihren Geschich­ten ein Forum bot, ver­sam­mel­te die 1992 erschie­ne­ne Publi­ka­ti­on E’ch-Pi-El (100 Jah­re H. P. Love­craft) Auf­sät­ze zu lite­ra­ri­schen und kul­tu­rel­len Fra­ge­stel­lun­gen rund um Love­craft. Als Her­aus­ge­ber zeich­ne­ten Mal­te Schulz-Semb­ten, Uwe Som­mer­lad und Olaf Schür­mann ver­ant­wort­lich.

Die deut­sche Sekun­där­li­te­ra­tur erreich­te in den 90er Jah­re ihren Höhe­punkt mit dem von Andre­as Kas­przak her­aus­ge­ge­be­nen H. P. Love­craft. Von Mons­tren und Mythen (Ver­lag Tho­mas Tils­ner). Mit Micha­el Siefe­ner, Uwe Voehl, Uwe Som­mer­lad, Joa­chim Kör­ber, Kal­ju Kir­de und Frank Fes­ta fei­er­te das Who’s Who der deut­schen Phan­tas­tik-Sze­ne ein Stell­dich­ein. Es ist bezeich­nend, dass sich die Genann­ten nicht nur um das Gen­re all­ge­mein, son­dern um Love­craft im Spe­zi­el­len ver­dient gemacht haben. Zen­tra­les und längs­tes Stück des Ban­des bil­det die Unter­su­chung Love­craft als Mythen­schöp­fer des Reli­gi­ons- und Kul­tur­wis­sen­schaft­lers Mar­co Frensch­kow­ski.

Vie­len die­ser Lieb­ha­ber­pro­jek­te ist ihre Lei­den­schaft auch heu­te noch anzu­mer­ken. Aller­dings ver­brei­te­ten sie sich kaum außer­halb des har­ten Kerns der dama­li­gen Phan­tas­tik-Sze­ne. Schub­kraft erhielt Love­craft aus einer ande­ren Rich­tung. Nie­mand Gerin­ge­res als Wolf­gang Hohl­bein, heu­te einer der erfolg­reichs­ten Autoren Deutsch­lands, trug schon früh zum Cthul­hu-Mythos bei. Mit Robert Cra­ven – der Hexer von Salem – hat­te Hohl­bein eine lite­ra­ri­sche Figur erschaf­fen, die sich wie selbst­ver­ständ­lich im Uni­ver­sum von H. P. Love­craft beweg­te.

Ursprüng­lich 1985 als Heft­ro­man-Serie gestar­tet, erschie­nen bei Bas­tei-Lüb­be zwi­schen 1987 und 1996 sie­ben Paper­backs um die phan­tas­ti­schen Aben­teu­er des Hexers. Die Roma­ne mach­ten aus­gie­bi­gen Gebrauch von typi­schen Love­craft-Topoi, etwa dem Necro­no­mic­on (Neu­es vom Hexer aus Salem, 1988), mari­ti­men Schre­cken (Der Dagon-Zyklus, 1990) oder den Gro­ßen Alten (Die sie­ben Sie­gel der Macht, 1992). Wie beliebt der Hexer-Zyklus war, zeig­ten spä­te­re, über­ar­bei­te­te und erwei­ter­te Auf­la­gen.

Hol­h­bein lie­fer­te über­dies die im deut­schen Sprach­raum wohl ers­te Erzäh­lung, die Love­craft selbst als Prot­ago­nis­ten in den Blick nimmt. 1990 erschien in der Heft­ro­man-Rei­he Dämo­nen-Land die Geschich­te Love­crafts Rei­se ins Grau­en, die einen für HPL typi­schen Trip in die neu-eng­li­sche Pro­vinz zu einem wah­ren Alb­traum wer­den lässt. Hohl­bein schloss damit in Deutsch­land eine Lücke, die in den USA zu die­sem Zeit­punkt bereits von pro­fi­lier­ten Autoren wie Peter H. Canon und Richard A Lupoff eigen­wil­lig aus­ge­füllt wur­de.

 Das neue Jahrtausend: die Werkausgabe der Edition Phantasia

Was den bis­he­ri­gen Ver­öf­fent­li­chun­gen ver­sagt blieb – Voll­stän­dig­keit –, das nahm die Edi­ti­on Phan­ta­sia zu Beginn des neu­en Mill­en­ni­ums in Angriff. Der 1984 gegrün­de­te Klein­ver­lag hat es sich zur Auf­ga­be gemacht, phan­tas­ti­sche Klas­si­ker und Neu­erschei­nun­gen in gedie­ge­ner (bis­wei­len auch biblio­phi­ler) Auf­ma­chung zu brin­gen. Mit­hin zäh­len Love­crafts Gesam­mel­te Wer­ke: Werk­grup­pe I – III zu den legen­dä­ren Publi­ka­tio­nen von Ver­lags­lei­ter, Her­aus­ge­ber und Über­set­zer Joa­chim Kör­ber. Das Pro­jekt ver­ei­nig­te 2001 in der Werk­grup­pe I in fünf Bän­den alle Erzäh­lun­gen Love­crafts.

Unter ihnen Kind­heits­wer­ke wie Die gehei­me Höh­le oder Das Geheim­nis des Fried­hofs als deut­sche Erst­ver­öf­fent­li­chun­gen, aber auch unver­mu­te­te humo­ris­ti­sche Tex­te wie Old Bugs oder Die hol­de Ermen­gar­de. Werk­grup­pe II prä­sen­tier­te in wei­te­ren fünf Bän­den Gemein­schafts­ar­bei­ten und Über­ar­bei­tun­gen. Werk­grup­pe III wid­me­te sich den love­craft­schen Gedich­ten und Thea­ter­stü­cken in ins­ge­samt drei Bän­den.

Zu dem legen­dä­ren Ruf der Bücher trägt nicht nur der Anspruch auf Voll­stän­dig­keit bei. Jeder Band ist umfas­send mit Kom­men­ta­ren von Mar­co Frensch­kow­ski ver­se­hen.

Schließ­lich ent­spricht auch die äuße­re Gestal­tung der inhalt­li­chen Qua­li­tät: jeder Band ist faden­ge­hef­tet, in sam­ti­ges Lei­nen gebun­den, mit klar­sich­ti­gem Umschlag und indi­vi­du­ell gefer­tig­tem Vor­satz­pa­pier ver­se­hen.

Die Edi­ti­on Phan­ta­sia kann sich noch einer wei­te­ren Pio­nier­tat rüh­men. Hier erschien 1985 erst­mals Love­crafts bei­spiel­haf­te Unter­su­chung unheim­li­cher Lite­ra­tur Die Lite­ra­tur des Grau­ens (Super­na­tu­ral Hor­ror in Lite­ra­tu­re). Vor allem das Vor­wort von Kal­ju Kir­de sowie die Ein­füh­rung von August Der­leth heben die­se von spä­te­ren Aus­ga­ben (Ull­stein, Suhr­kamp) ab.

1999 – 2017: Frank Festa

Quan­ti­ta­tiv und qua­li­ta­tiv domi­niert der Fes­ta Ver­lag die gegen­wär­ti­ge Ver­öf­fent­li­chungs­po­li­tik in Sachen H. P. Love­craft. Der Leip­zi­ger Ver­lag besetzt mitt­ler­wei­le den Platz, den Suhr­kamp bis in die 1990er Jah­re behaup­tet hat­te. Auch hier wäre es ermü­dend, alle Titel und Rei­hen ein­zeln zu nen­nen. Viel­mehr soll ein chro­no­lo­gi­scher Über­blick das Ver­öf­fent­li­chungs­pro­fil cha­rak­te­ri­sie­ren.

Bereits im Blitz Ver­lag begann Frank Fes­ta 1999 die Rei­he H. P. Love­crafts Biblio­thek des Schre­ckens auf­zu­bau­en. Das Neue an der Rei­he war, dass sie Love­crafts lite­ra­ri­sches Umfeld son­dier­te. Es stand hier­bei also nicht das pri­mä­re Werk – zu dem Zeit­punkt längst von Suhr­kamp abge­deckt – im Vor­der­grund. Schon der ers­te Titel, Love­crafts dunk­le Ido­le zeig­te die Ten­denz auf. Es fin­den sich dar­in Wer­ke der Phan­tas­tik des 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­derts, sämt­lich aus­ge­wählt nach Love­crafts Emp­feh­lun­gen, wie er sie in Super­na­tu­ral Hor­ror in Lite­ra­tu­re und in sei­nen Brie­fen aus­ge­spro­chen hat­te. Bis zum Jahr 2000 erschie­nen noch drei wei­te­re Bän­de. Mit Band 2, Die Saat des Cthul­hu, wur­de den Epi­go­nen Love­crafts ein Forum gebo­ten. Neben dem Eng­län­der Ram­sey Cam­pell waren mit Chris­ti­an von Aster und Jens Schu­ma­cher auch zwei deut­sche Autoren ver­tre­ten. Mit dem letz­ten beim Blitz Ver­lag her­aus­ge­ge­be­nen Band, Cthul­hus Rück­kehr (Robert Bloch), erschien im August 2000 ein voll­stän­di­ger Roman.

2001 grün­de­te Frank Fes­ta sei­nen eige­nen Ver­lag, in dem er seit­dem die Biblio­thek wei­ter­führt. Nun erblick­ten mehr und mehr Wer­ke das Tages­licht, die Love­crafts Ide­en auf­grif­fen und in den Cthul­hu-Mythos ein­ord­ne­ten. Von den früh ver­öf­fent­lich­ten epi­go­na­len Autoren sei­en genannt: Basil Cop­per, Gra­ham Mas­ter­ton, Lin Car­ter oder Richard L. Tier­ny. Mit Clark Ash­ton Smith’ Nekro­po­lis oder Robert W. Cham­bers’ Der König in Gelb (bei­de 2001) fan­den auch wei­ter­hin Freun­de bzw. Vor­gän­ger des Schrift­stel­lers Berück­sich­ti­gung. Im Jahr 2005 erhielt die Biblio­thek einen ent­schei­den­den Impuls, indem der Namens­ge­ber selbst an die Rei­he kam. In ins­ge­samt sechs Bän­den (H. P. Love­craft Gesam­mel­te Wer­ke I – VI) prä­sen­tier­te Ver­le­ger Fes­ta neue Über­set­zun­gen sämt­li­cher Erzäh­lun­gen Love­crafts, was er u. a. damit begrün­de­te, dass die Suhr­kamp-Tex­te in die Jah­re gekom­men sei­en. Die Aus­ga­ben erfreu­ten sich gro­ßer Beliebt­heit. Zum einen gefiel die anspre­chen­de Gestal­tung: Hard­co­ver mit Schutz­um­schlag in Leder­op­tik und Lese­bänd­chen. Zum ande­ren wur­den die Bücher durch Erin­ne­run­gen und Doku­men­ta­tio­nen von Zeit­ge­nos­sen wie Robert H. Bar­low, Doro­thy C. Wal­ter oder Hazel Heald berei­chert.

Die zen­tra­le Stel­lung des Fes­ta Ver­lags begrün­det sich nicht zuletzt auf der Her­aus­ga­be von Lyon Spra­gue de Camps Love­craft: Eine Bio­gra­fie (2002).

Die­se Arbeit, im Ori­gi­nal 1975 erschie­nen, war der ers­te umfas­sen­de Ver­such, sich der von Legen­den umrank­ten Per­sön­lich­keit Love­crafts zu nähern. Der Fan­ta­sy- und SF-Schrift­stel­ler, Inge­nieur und Hob­by-His­to­ri­ker Spra­gue de Camp (1907 – 2000) hat­te hier­zu Brief­ma­te­ri­al und Doku­men­te von Zeit­ge­nos­sen aus­ge­wer­tet und mit eige­nen Nach­for­schun­gen ver­eint. Her­aus kam ein Buch, das trotz Spra­gue de Camps bis­wei­len zu ein­sei­ti­ger Sicht einen Mei­len­stein der Love­craft-For­schung dar­stellt. Die hoch­wer­ti­ge Fes­ta-Aus­ga­be ist der bereits 1989 im Ull­stein Ver­lag her­aus­ge­ge­be­nen und gekürz­ten Fas­sung vor­zu­zie­hen. Sie hat die­se fol­ge­rich­tig auch an Wir­kung über­trof­fen. Seit 2017 war­tet der Ver­lag im Übri­gen mit einer spe­zi­el­len Sach­buch­rei­he auf. Den Anfang mach­ten dort Frank Bel­knap Longs Auf­zeich­nun­gen Mein Freund H.P. Love­craft, im Anschluss wur­de Bob­by Deries Stu­die Sex und Per­ver­si­on im Cthul­hu-Mythos auf den Markt gebracht. Fes­ta plat­ziert sich damit eben­falls als reiz­vol­ler Anbie­ter love­craf­ti­ger Sekun­där­li­te­ra­tur.

Abschlie­ßend sei­en noch 4 Bücher erwähnt, mit denen Fes­ta Love­crafts zen­tra­les Schaf­fen zuletzt in einem Rund­um­schlag abdeck­te. 2011 erschie­nen mit Chro­nik des Cthul­hu-Mythos I und II alle dem Mythos-Kreis zuge­ord­ne­ten Erzäh­lun­gen, ergänzt jeweils durch Vor­wor­te von Mar­co Frensch­kow­ski. 2013 leg­te der Ver­lag mit den übri­gen Hor­ror-Geschich­ten (Die lau­ern­de Furcht) sowie den Fan­ta­sy-Sto­ries (Der sil­ber­ne Schlüs­sel) nach.

Exkurs II: Abseitiges und Kurioses

Wenn von Love­craft in Deutsch­land die Rede ist, muss der Voll­stän­dig­keit hal­ber auch die DDR erwähnt wer­den. Tat­säch­lich erschien in den letz­ten Tagen des SED-Staats im Ver­lag Das Neue Ber­lin (spe­zia­li­siert auf Kri­mis und Sci­ence Fic­tion) ein Love­craft-Titel. Die Far­be aus dem Raum (1990) ver­ein­te 26 Erzäh­lun­gen vor allem der frü­hen Schaf­fens­pe­ri­ode, her­aus­ge­ge­ben und mit einem Nach­wort ver­se­hen von Erik Simon. Aus­wahl als auch Nach­wort kön­nen auch heu­te noch emp­foh­len wer­den. Das gilt nicht unein­ge­schränkt für das fol­gen­de Werk: Love­craft. Schatz­meis­ter des Ver­bor­ge­nen (Edi­ti­on AHA). W. H. Mül­ler ver­such­te 1992, den Autor in sei­nem eige­nen okkul­ten Welt­bild zu ver­or­ten, – ein gewag­tes Unter­fan­gen. Ähn­lich gela­gert ist Chris­ti­an Bracht­häu­sers Bio­gra­fie Eine gren­zen­los ein­sa­me See­le. H. P. Love­craft – Leben und Werk (Anci­ent Mail Ver­lag, 2006). Stel­len­wei­se durch Fleiß glän­zend, lei­det die Arbeit doch zu sehr unter einer Prä-Astro­nau­tik-und Atlan­tis-Schlag­sei­te.

2017: Golkonda und Fischer Tor

Mit dem Ber­li­ner Gol­kon­da Ver­lag hat sich jüngst ein wei­te­res Ver­lags­haus H. P. Love­crafts ange­nom­men. Dabei fällt die Ori­en­tie­rung an dem welt­weit füh­ren­den Love­craft-Exper­ten S. T. Joshi auf. Dies gilt für die Ver­öf­fent­li­chung Das über­na­tür­li­che Grau­en in der Lite­ra­tur (2014), die die von Joshi edier­te und kom­men­tier­te Aus­ga­be von Super­na­tu­ral Hor­ror in Lite­ra­tu­re (Hip­po­cam­pus Press, 2000) als Vor­la­ge hat. Eben­so trifft dies auf die Neu­über­set­zung von Der Fall Charles Dex­ter Ward zu, in einer von Joshi anno­tier­ten Fas­sung 2010 bei der Uni­ver­si­ty of Tam­pa Press erschie­nen. Als Clou erwies sich die deut­sche Ver­si­on von Joshis monu­men­ta­ler Bio­gra­fie I am Pro­vi­dence. The Life and Time of H. P. Love­craft (Hip­po­cam­pus Press, 2010). Das zwei­bän­di­ge, rund 1200 Sei­ten star­ke Werk unter­mau­ert ein­drucks­voll Joshis Ken­ner­schaft und wird bis auf wei­te­res die ers­te Refe­renz zu Leben und Werk Love­crafts blei­ben. Teil I erblick­te im Herbst 2017 das Licht der Welt und erhielt in den Medi­en eine posi­ti­ve Reso­nanz.

Eben­falls für Auf­se­hen sorg­te die Über­tra­gung von Les­lie S. Klin­gers The New Anno­ta­ted H. P. Love­craft ins Deut­sche (ori­gi­nal von 2014). Unge­fähr zeit­gleich mit dem Gol­kon­da Ver­lag und des­sen Joshi-Bio­gra­fie schick­te der Fischer Ver­lag bzw. sein Imprint Fischer Tor Klin­gers Mam­mut­werk ins Ren­nen. Die­ses heißt in der Über­set­zung schlicht und ein­fach H. P. Love­craft: Das Werk und ist für das hie­si­ge Publi­kum um einen Anhang erwei­tert wor­den, der sich mit der deutsch­spra­chi­gen Love­craft-Rezep­ti­on befasst. Ver­ant­wort­lich für die­sen Appen­dix sowie über­haupt für die Über­set­zung des groß­for­ma­ti­gen Pracht­ban­des zeich­nen Andre­as Flied­ner und Alex­an­der Pech­mann. Bei­de waren in der Ver­gan­gen­heit bereits auch schon für Gol­kon­da als Love­craft-Über­set­zer tätig.

S. T. Joshi: Lovecraft Leben und Werk, Teil 1

Fazit

H. P. Love­craft wird hier­zu­lan­de noch immer stark mit den Ver­la­gen Suhr­kamp und Fes­ta asso­zi­iert. Eine Beob­ach­tung, die qua­li­ta­ti­ven und quan­ti­ta­ti­ven Über­prü­fun­gen stand­hält. Gleich­wohl hat der vor­lie­gen­de Text ver­sucht, schlag­licht­ar­tig die viel­fäl­ti­gen Bemü­hun­gen vor, zwi­schen und nach die­sen Pio­nie­ren auf­zu­zei­gen. Kann das Phä­no­men Love­craft im deut­schen Sprach­raum allein mit­hil­fe der genann­ten Ver­la­ge erklärt wer­den? Sicher nicht; Medi­en wie Fil­me, Comics, Spie­le, Web­sites und Pod­casts haben noch ein­mal ihren ganz eige­nen Anteil dar­an. Etwa 50 Jah­re tren­nen uns nun vom Cthul­hu-Band des Insel Ver­lags. Ange­sichts des sich rasant ver­än­dern­den media­len Ange­bots schien es inter­es­sant, Love­crafts Weg bis ins Jahr 2018 anhand der ver­le­ge­ri­schen Akti­vi­tä­ten nach­zu­zeich­nen. Die nach wie vor akti­ve Biblio­thek des Schre­ckens im Fes­ta Ver­lag, aber auch Neu­aus­ga­ben bei Suhr­kamp sowie die lau­fen­den Ver­öf­fent­li­chun­gen S. T. Joshis im Gol­kon­da Ver­lag zei­gen: Love­craft ist in Deutsch­land ange­kom­men – und er kommt noch immer an.

Bildmaterial/Bildunterschriften

[1] H. P. Love­craft: Hor­ror Sto­ries (Suhr­kamp Ver­lag 2015).
[2] H. P. Love­craft: Cthul­hu. Gesam­mel­te Wer­ke, Band 5 (Fes­ta Ver­lag 2008).
[3] S. T. Joshi: H. P. Love­craft. Leben und Werk, Band 1 (Gol­kon­da Ver­lag 2017).

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