Lovecraft und der Rassismus

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Nils
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#91 Re: Lovecraft und der Rassismus

Beitrag von Nils » 31.07.2017, 21:11

Arkham Insider Axel hat geschrieben:
30.07.2017, 16:07
Ich möchte noch einmal auf die Aussage zurückkommen, dass Rassismus zu Lovecrafts Lebzeiten Konsens oder gar wissenschaftlich anerkannt gewesen sei.
Lovecrafts Freundschaft zu dem Kosmopolit James Ferdinand Morton (1870 – 1941), der ihm hier diametral gegenüber stand, rüttelt an dieser Behauptung. Mehr noch: Dass sich Lovecraft ausgerechnet mit dem Autor eines Textes namens „The Curse of Race Prejudice“ anfreundete, ist ein weiteres Phänomen.
Handelt es sich dabei denn um eine wissenschaftliche Abhandlung? Ich kann im Netz gerade leider keine Textauszüge o.ä. finden.

Ich denke schon, dass zumindest Rassenlehre an sich und gewisse damit zusammenhängende Positionen (bspw. Rassenhygiene) in den einschlägigen Wissenschaftsdisziplinen konsensfähig waren bzw. einfach axiomatisch behandelt wurden, was aber sicherlich wiederum durch vorherrschende politisch-ideologische Paradigmen bestimmt wurde. Gut zu beobachten ist dies bspw. an dem Anthropologen Eugen Fischer, der neben seiner wissenschaftlichen Expertise ebenso ein unverhältnismäßig starkes Engagement in Gesellschaften zur Rassenhygiene sowie einen Hang zu Antisemitismus und Rassenchauvinismus vorzuweisen hatte. Insofern waren Wissenschaft und Ideologie da sicherlich oftmals eng verwoben, sowas gibt es ja leider heute noch immer, wenn auch eher auf anderen Gebieten. Und sicherlich kann man die Wissenschaft von damals nebst ihren Kriterien nicht mit dem vergleichen, was heute Methode und Güteklasse ist. Historisch betrachtet scheinen in der damaligen Wissenschaft die Gegner der Rassentheorien zumindest eher marginalisiert worden zu sein; was nicht bedeutet, dass man sich über Standpunkte und Argumente nicht fundiert hätte informieren können als interessierter und gebildeter Mensch.
Arkham Insider Axel hat geschrieben:
30.07.2017, 16:07
Dass jedoch gerade auf diesen völlig entgegengesetzten Ansichten eine lange und intensive Freundschaft aufbauen konnte, ist, wie gesagt, ein Phänomen.
In der Tat bemerkenswert und vielleicht ein Indiz für Lovecrafts Liberalität im persönlichen Umgang oder auch für seine charakterlicher Größe, die den Dissens mit ihm ansonsten sympathischen Personen verkraften konnte.

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Beitrag von Arkham Insider Axel » 01.08.2017, 09:32

Bei Mortons „The Curse of Race Prejudice“ handelt es sich ebenso wenig um eine wissenschaftliche Abhandlung wie bei Lovecrafts Texten. Es ist eher ein Appell im Sinne des Humanismus und der Aufklärung, getragen von einer optimistischen Grundhaltung. Eine Haltung, die wir Lovecraft gewiss nicht zugestehen können. Und auch wenn immer wieder der Begriff „Wissenschaft“ im Zusammenhang mit ihm fällt, so meine ich, dass er vorsichtig auf Lovecraft angewendet werden sollte. Er ist eigentlich ein Paradebeispiel dafür, wie „Wissenschaft und Ideologie da sicherlich oftmals eng verwoben“ erscheinen.

Lovecraft gebärdet sich in seinen schlimmsten Zeilen auch nicht wissenschaftlich oder gar nachvollziehbar, sondern in einer hysterischen Mischung aus Furcht, Unverständnis und Irrationalität. Mit gewissen Äußerungen hat er sich selbst die Tür zu jedem Diskurs zugeschlagen, der überhaupt auf einer wissenschaftlichen Grundlage möglich gewesen wäre. Und seine biologistische Argumentation erledigt sich von vornherein, weil sie – wie richtig bemerkt wurde – „ durch vorherrschende politisch-ideologische Paradigmen bestimmt wurde“.

Es ist typisch für Lovecraft, dass er sich freizügig und in gewohnt willkürlicher Art auf „Forschungsergebnisse“ berufen hat. Dass Gedichte wie „De Triumpho Naturae: The Triumph of Nature over Northern Ignorance“ oder „On The Creation of Niggers“ nicht aufgrund von lauterer Erkenntnis, sondern einer komplizierten seelischen Verfassung verfasst wurden, ist offensichtlich.

Tatsächlich muss man auf den juvenilen Charakter dieser Werke hinweisen (1905 bzw. 1912). Sie entstanden ja zu einer Zeit, in der Lovecraft sich, geleitet durch unausgegorene Bildung und Erziehung, in mancherlei Hinsicht „verrannt“ hatte. Seine Spleens – die sympathischen wie die unsympathischen – resultieren aus dieser Jugendzeit und sollten ihn bekanntlich noch lange im Leben begleiten. Und dass er, strukturkonservativ wie er war, sich wider besseren Wissens von „schlechten Eigenschaften“ nur mühsam trennen konnte, – auch das ist bekannt.

Kurz, ich halte hier einen psychologischen Ansatz (Entwicklungspsychologie, Lernfähigkeit usw.) für vielversprechend. Hier liegt meines Erachtens der Schlüssel – wenn auch nicht zur Billigung – so doch zum Verständnis des menschlichen Verhaltens.

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Beitrag von Nils » 01.08.2017, 17:29

Arkham Insider Axel hat geschrieben:
01.08.2017, 09:32
Und auch wenn immer wieder der Begriff „Wissenschaft“ im Zusammenhang mit ihm fällt, so meine ich, dass er vorsichtig auf Lovecraft angewendet werden sollte. Er ist eigentlich ein Paradebeispiel dafür, wie „Wissenschaft und Ideologie da sicherlich oftmals eng verwoben“ erscheinen.
Das ist er definitiv. Ich glaube, niemand zweifelt an der Tatsache, dass Lovecraft massiv ressentimentgetrieben war und sich maximal selektiv aus dem Fundus der damaligen Wissenschaften bediente. Für Rassisten übrigens ein regelrecht charakteristisches Verhalten, folgt man der entsprechenden Sozialforschung Albert Memmis. Es ging mir aber auch nicht darum, Lovecrafts Äußerungen dahingehend abzuklopfen, sondern die theoretische Grundlage allgemein daraufhin zu prüfen.
Arkham Insider Axel hat geschrieben:
01.08.2017, 09:32
Kurz, ich halte hier einen psychologischen Ansatz (Entwicklungspsychologie, Lernfähigkeit usw.) für vielversprechend. Hier liegt meines Erachtens der Schlüssel – wenn auch nicht zur Billigung – so doch zum Verständnis des menschlichen Verhaltens.
Das scheint mir eine ertragreiche Vorgehensweise zu sein, auch wenn man natürlich nur spekulieren kann. Seine teils geradezu obsessive Ablehnung von Menschen anderer Herkunft könnte auch teil einer aus jugendlicher Unsicherheit resultierender Psychose gewesen sein. Diagnostische Ideen für Lovecrafts Zustände finde sich sicherlich viele.

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Beitrag von Sorben » 10.08.2017, 01:20

Arkham Insider Axel hat geschrieben:
30.07.2017, 16:07
Ich möchte noch einmal auf die Aussage zurückkommen, dass Rassismus zu Lovecrafts Lebzeiten Konsens oder gar wissenschaftlich anerkannt gewesen sei.

Lovecrafts Freundschaft zu dem Kosmopolit James Ferdinand Morton (1870 – 1941), der ihm hier diametral gegenüber stand, rüttelt an dieser Behauptung. Mehr noch: Dass sich Lovecraft ausgerechnet mit dem Autor eines Textes namens „The Curse of Race Prejudice“ anfreundete, ist ein weiteres Phänomen.

Noch bevor sich die beiden in New York treffen sollten, gab es 1915 einen Schlagabtausch in den Reihen des Amateurjournalismus. In seiner Erwiderung „Conservatism’ Gone Mad“ – eine Anspielung auf Lovecrafts Publikation „The Conservative“ – bezeichnet Morton Lovecraft als Demokratiefeind und Dogmatiker und wirft ihm vor, seine rassistischen Vorurteile entbehrten der wissenschaftlichen Rechtfertigung (wobei der Ton nachsichtig, etwas altväterlich ist und Morton nicht Lovecrafts schriftstellerische Qualitäten verkennt). Dass diese Vorwürfe Lovecraft nicht beeindruckt haben, wissen wir ja. Dass jedoch gerade auf diesen völlig entgegengesetzten Ansichten eine lange und intensive Freundschaft aufbauen konnte, ist, wie gesagt, ein Phänomen.
Naja, von der Hand ist aber nicht zu weisen, dass es getrennte Bereiche für Afroamerikaner und Weiße gab sagar staatlich abgesegnet. Im 2. Weltkrieg wurden Einheiten ebenso nach "Rasse" getrennt und Rosa Parks löste einen Skandal aus, weil sie sich auf einen Platz für Weiße setzte und das war 1955. Dass der Rassismus also mehrheitlich, zumindest aber von der weißen Schicht mit Einfluss, akzeptiert wurde, ist leicht anzunehmen. Sicher HPL hätte es besser wissen sollen und das Argument, dass Tötungsfantasien über den allgemeinen Rassismus hinausgehen, habe ich durchaus aufgenommen. Allerdings war die Zeit keinesfalls Tolerant oder aufklärerisch in Bezug auf die Ethnie. Vielleicht bei einigen, aber nicht in der Masse und die schaffte die Realität für die Menschen.

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Beitrag von Arkham Insider Axel » 14.08.2017, 20:15

Den genannten Beispielen kann man ebenso gut andere gegenüberstellen (s. u.), die ein differenzierteres, wenn nicht sogar gegensätzliches Bild von dem Behaupteten – "Allerdings war die Zeit keinesfalls Tolerant oder aufklärerisch in Bezug auf die Ethnie" – zeichnen. Prinzipiell wäre ich sehr vorsichtig mit Aussagen über eine Zeit, der keiner von uns beigewohnt hat.

"Don't Be a Sucker" (1943) in der IMDb: http://www.imdb.com/title/tt0275310/
und auf youtube:

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Beitrag von DrGonzo » 15.08.2017, 14:07

Ja da ist was dran. Auch wenn es nicht lang her zu sein scheint ist es schwer sich in die Zeit zu versetzen und neutral ist mal nur äußerst schwer.
“It is good to be a cynic — it is better to be a contented cat — and it is best not to exist at all.” :kohleziege:

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Beitrag von Sorben » 15.08.2017, 16:57

Hm. Also für mich gelten eher historische Fakten, da muss ich nicht in einer Epoche gelebt haben. Allerdings wird mir vielleicht klar, warum wir hier auseinander gehen. Du hast sicher recht damit, dass es andere Strömungen gab. Ich bezeichne Südafrika vor 1989 als rassistisches Land und dort gab es auch andere Strömungen. Für mich gilt die Norm in Form von Gesetzen, gesellschaftlichen Verhaltensweisen und staatliches Handeln.

Ironischerweise wurde der Film vom US Militär in Auftrag gegeben, das, wie ich oben verlinkt hatte, Rassentrennung in den eigenen Reihen praktizierte. Übrigens ein Fakt ist auch, das lediglich japanischstämmige Amerikaner während des 2. Weltkrieges in den USA interniert wurden.

Vielleicht kommen wir nicht auf einen gemeinsamen Nenner, müssen wir auch nicht. Wir teilen ja die Meinung, dass HPL Rassist war und ich habe auch meine Meinung geändert, dass er lediglich ein Kind seiner Zeit gewesen sei, zumindest meine Sicht auf die Zeit.

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Beitrag von Joran » 15.08.2017, 20:27

Sorben hat geschrieben:
15.08.2017, 16:57
Hm. Also für mich gelten eher historische Fakten, da muss ich nicht in einer Epoche gelebt haben. Allerdings wird mir vielleicht klar, warum wir hier auseinander gehen. Du hast sicher recht damit, dass es andere Strömungen gab. Ich bezeichne Südafrika vor 1989 auch als rassistisches Land und dort gab es auch andere Strömungen. Für mich gilt die Norm in Form von Gesetzen, gesellschaftlichen Verhaltensweisen und staatliches Handeln.
Man muss sicher nicht in der Epoche gelebt haben, um nachzuweisen, dass auch für Lovecraft Rassismus keine unumstößliche, von der Gesellschaft zwingend vorgegebene Sichtweise gewesen sein kann.

Man müsste aber vermutlich doch dort gelebt haben, um wirklich verstehen zu können, welchen Einfluss öffentliche Meinungsbilder tatsächlich auf ihn (zumal ein Sonderling und vielfach Einzelgänger) gehabt haben.

Aber wofür ist die Frage, ob die USA zur Zeit von Lovecraft "rassistisch war", hier im Moment eigentlich relevant?

1) Soll sie zur Aufklärung dienen, worin die Wurzeln Lovecraft's rassistischer Äußerungen lagen? Geht es um die Ursachenforschung im Sinne einer Kausalität, nach dem Motto: Die Menschen um Lovecraft herum waren (vereinzelt / teilweise / mehrheitlich) rassistisch und Lovecraft hat es so "gelernt".

Da würde es sicher schwer, die Relevanz solcher Aspekte für Lovecraft als einem extrem belesenen Intellektuellen aus unserer heutigen Sicht noch abschließend zu bewerten und zu gewichten (s.o.). Es sind so viele andere Gründe denkbar, die den Anstoß für Lovecraft gegeben haben könnten.

Zunehmend glaube ich, dass man zu schnell nach dieser Erklärung greift. (Ich habe früher schon einmal neben anderen Beispielen auf Martin Luther verwiesen. Mein erster Gedanke war auch dort, er sei ein Kind seiner Zeit gewesen. Diese Vorstellung habe ich inzwischen beiseite gelegt. Auch dort scheinen wohl andere persönliche Gründe, wie die Enttäuschung, die Juden nicht zu dem neuen, reformierten Glauben bekehrt zu haben, ausschlaggebend gewesen zu sein.)

Bei jedem normalen Menschen wird das Umfeld jedenfalls immer AUCH MITursächlich gewesen sein. Gegebenenfalls ist es ein Nährboden. Mehr aber zumeist wohl nicht. Es ist doch eher ein automatischer Reflex eines gebildeten oder auch nur mittelmäßig erzogenen Menschen, zunächst einmal selbst nachzudenken, bevor man einen anderen Menschen oder eine ethnische/religiöse/sonstige Gruppe von Menschen wüst und öffentlich verunglimpft.

2) Oder geht es bei dem Aspekt der Verbreitung rassistischen Gedankengutes in der Gesellschaft um Lovecraft herum in dieser Diskussion nicht eher eigentlich um eine Bewertung der individuellen Schuld, um eine ethische Bewertung? Geht es also um die Frage, ob Lovecrafts rassistischen Texte hierdurch entschuldbar werden? (Das wäre schön, könnte man sich doch viel unbefangener mit Lovecraft befassen und dieses Thema abhaken.)

Bei der Schuldfrage helfen meiner Ansicht nach historische Fakten in Form von gesellschaftlichen Verhaltensweisen oder gar Gesetzen und staatlichem Handeln gerade nicht weiter. Denn ethische Verantwortung eines jeden Menschen liegt letztendlich darin, sich selbst dann, wenn die o.g. "Norm" gegen Menschenrechte und Humanismus verstößt (was hinsichtlich Lovecraft aufzuklären bliebe), dem nicht unterzuordnen. Ganz selbstverständlich und zutreffend verurteilen wir die Mitläufer des Nationalsozialismus, obwohl die Verunglimpfung, Verfolgung, Plünderung und Deportation von Juden seinerzeit Gegenstand von "Gesetzen, gesellschaftlichen Verhaltensweisen und staatlichen Handeln" war. Rassismus bleibt immer gemessen an elementarsten Menschenrechten ein Unrecht, gleichgültig wo er auftritt. Selbst wenn es "um Lovecraft herum" eine solche "Norm" gegeben hätte, könnte dies seine Texte nicht entschuldigen. Denn jedenfalls hätte auch zu Lebzeiten wohl niemand Lovecraft daraus auch nur einen Vorwurf gemacht, hätte er sich dieser Schmähungen enthalten.


Mit dem Verweis auf "historische Fakten" kann ich mich anfreunden. Die Formulierung "Norm in Form von Gesetzen, gesellschaftlichen Verhaltensweisen und staatliches Handeln" erscheint mir problematisch, denn dies vermittelt ein wenig den Eindruck, die "Norm" im Sinne des "Normalen" sei Rassismus gewesen und hieraus habe sich ein Druck oder eine irgendwie geartete Zwangsläufigkeit ergeben, sich in Wort oder Schrift rassistisch zu äußern. Und hieran habe ich erhebliche Zweifel. Selbst an eine "Gedankenlosigkeit" bzw. "Unbedarftheit" angesichts einer "Norm" mag ich eigentlich nicht glauben.

Was ist überhaupt die "Norm"? Ein Beispiel: Im beginnenden Nationalsozialismus hatte mein Großvater ein Tuchgeschäft. In der Nachbarschaft unterhielt eine Jüdin einen Laden. Als die Nazis ihr den schlossen und die Frau zunehmend isoliert war, kam sie zu meinem Großvater ins Hinterzimmer des Ladens, um so zumindest die Gespräche ihrer Nachbarn und früheren Kunden mitanhören zu können. Offenes gesellschaftliches Leben war damals - vielfach der Angst geschuldet - die Isolation, wo es nicht gesehen wurde, lebten die Menschen oft anders. Wie viele Menschen haben sich an der Reichskristallnacht beteiligt und wie viele sie - aus Angst stumm - verurteilt? Was war das "gesellschaftliche Leben", das aktive Mitwirken, das Schweigen in der Öffentlichkeit oder der Flüsterwitz im Dritten Reich? Ich denke alles zusammen. (Allerdings habe ich selbst weiter oben einmal den nicht minder undifferenzierten Begriff "Zeitgeist" verwendet.)

Die Menschen im Dritten Reich hatten nicht immer, aber im täglichen Leben doch meistens eine Wahl: Wer sich an den Angriffen auf Juden beteiligt hat, dessen Schuld kann nicht dadurch gemildert werden, dies sei die "gesellschaftliche Verhaltensweise" gewesen sei. Wer Hetzschriften gegen die Juden verfasste, kann nicht damit verteidigt werden, dass es damals "en voge" gewesen sei.

Nicht anders ist es meines Erachtens bei Lovecrafts rassistischen Äußerungen. Moralisch zu entschuldigen sind diese Texte m.E. durch nichts, auch nicht durch irgendwelche Mehrheitsverhältnisse in Meinungsbildern seiner Zeit.

Wie schon vielfach ausgeführt wurde, darf man Lovecraft ungeachtet dessen nicht auf diese Aussagen und (zumal nicht einmal konsistenten) Ansichten reduzieren und man kann ihn auch nicht allgemein als Rassisten brandmarken.


Schlussbemerkung:
Interessant finde ich persönlich, wie ähnlich oft die Diskussionen um historischen Personen verlaufen, die einerseits großes geleistet haben und andererseits mit solchen "Makeln" behaftet sind. Man schaue sich nur den hier verlinkten Beitrag über Luther an, aus dem ich mal folgendes Zitat beispielhaft anfüge:
Ein Großteil der Gedanken Luthers widerspricht unserem heutigen, an den Menschenrechten orientierten normativen Konzept. Der "gute" Luther lässt sich nicht von dem »bösen« trennen. Luther muss als Gesamtpersönlichkeit gesehen werden.

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Beitrag von Sorben » 16.08.2017, 06:05

Joran hat geschrieben:
15.08.2017, 20:27
Man müsste aber vermutlich doch dort gelebt haben, um wirklich verstehen zu können, welchen Einfluss öffentliche Meinungsbilder tatsächlich auf ihn (zumal ein Sonderling und vielfach Einzelgänger) gehabt haben.
Nichts anderes sagte ich im ersten Post:
Sorben hat geschrieben:
27.07.2017, 14:03
Was mir persönlich aber auch bei der Diskussion fehlt, ist die Betrachtung der Gesellschaft. HPL lebte zu einer Zeit in einem Land in dem Rassismus Alltag war. Bis in die 60er gab es in Amerika de facto Rassentrennung (in Teilen der USA). Ich will jetzt nicht relativieren oder schönreden, aber Lovecraft war ein Kind seiner Zeit, der das Talent besaß, mit Worten umgehen zu können. Diese beiden Umstände führten wohl zu diesen Machwerken.
Ich hatte es als eine Möglichkeit formuliert. Mir schien dies durchaus überzeugend zu sein. Das Sein bestimmt das Bewusstsein, um es mit Marx zu sagen. D.h. wäre Lovecraft einem permanenten Rassismus ausgesetzt gewesen und hätte er diese Vorurteile in seiner New Yorker Zeit bestätigt gesehen, wären seine rassistischen Äußerungen nachvollziehbar für mich gewesen. Und damit meine ich nicht entschuldbar sondern im Sinne einer psychologischen Wandlung die ich nachvollzogen hätte. Ich habe mich aber gegen andere Argumente bzw. Interpretationen nicht verschlossen. Im Gegenteil, deine Argumentation, dass Lovecraft weit über das hinausgeht, was ich als gesellschaftlich tolerierten Rassismus bezeichne, hat mich auch umdenken lassen.
Joran hat geschrieben:
15.08.2017, 20:27
Aber wofür ist die Frage, ob die USA zur Zeit von Lovecraft "rassistisch war", hier im Moment eigentlich relevant?
Die Frage ist obsolet für mich geworden, da sich meine Interpretation durch deine Argumentation als falsch erwiesen hat und ob Rassismus in den USA nun existierte oder nicht, weitestgehend irrelevant für die Aussagen von HPL ist. Ich hab allerdings die Aussage von Axel aufgegriffen, dass es andere Tendenzen gab. Das ist sicherlich richtig, zumal die USA eine Demokratie mit Meinungsfreiheit und einer Bevölkerung mit diversen kulturellen Hintergründen waren und sind. Was mir aber nicht klar geworden ist, welche Relevanz oder Wirkung diese Tendenzen (Strömungen, Meinungen etc.) für die Menschen im Alltag und die Gesellschaft als solche gehabt haben. Und da führte ich an, dass ich eher die Fakten zugrunde lege, die mir bekannt sind.

Es reizt mich schon ein wenig auf deine Punkte noch genauer einzugehen, aber das hätte mit dem eigentlichen Thema nichts mehr zu tun. Außerdem führen solche Diskussionen zu nichts, zumindest meiner Meinung nach.

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Beitrag von Arkham Insider Axel » 16.08.2017, 06:39

Zuletzt ging es mir nicht um die individuelle Schuld Lovecrafts, sondern tatsächlich um den Punkt 1: Ursachenforschung. Hier wollte ich darauf aufmerksam machen, dass der geschichtliche Blick zurück keine Einbahnstraße ist (freilich nicht im Sinne eines Geschichtsrevisionismus).

Ich kann Aussagen wie "Also für mich gelten eher historische Fakten, da muss ich nicht in einer Epoche gelebt haben." oder "Für mich gilt die Norm in Form von Gesetzen, gesellschaftlichen Verhaltensweisen und staatliches Handeln." nicht zustimmen. Geschichte (oder besser gesagt: Geschichtsschreibung) besteht eben längst nicht nur aus sogenannten historischen Fakten, Gesetzen und gesellschaftlich und staatlich normierten Verhaltensweisen, sondern ebenso aus Einzelschicksalen, die sich abseits der großen und bekannten Strömungen abgespielt haben.

Das Narrativ (vereinfacht ausgedrückt) "Zu Lovecrafts Zeit war die Mehrheit rassistisch, also ist es irgendwie verständlich, dass er auch einer war" ist zu oberflächlich. Es dürfte so m. E. auch nicht in einem offiziellen Statement der dLG auftauchen. Allein schon der Hinweis auf James Ferdinand Morton – während der New Yorker Zeit einer von Lovecrafts engen Freunden – straft diese Behauptung Lüge. Hier haben wir ja bereits ein Beispiel für so ein Einzelschicksal – und zwar eins in unmittelbarer Nähe zu Lovecraft!

Auch die Aussage "Vielleicht bei einigen, aber nicht in der Masse und die schaffte die Realität für die Menschen." ist gerade in Bezug auf Lovecraft abzulehnen. Er war nun wirklich der Allerletzte, der in einer massentauglichen Realität gelebt hätte. Wie wir wissen, ist genau das Gegenteil der Fall gewesen. Und was das betrifft, sind wir ja heute heilfroh, dass er sich eben nicht den Normen der Unterhaltungsindustrie angepasst hat, sondern unbeirrt seine eigene künstlerische Vision verfolgt hat. Wage ich zumindest zu behaupten. ;)

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