Lovecraft und der Rassismus

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Sorben
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#71 Re: Lovecraft und der Rassismus

Beitrag von Sorben » 21.07.2017, 18:59

Nur so mal zum Artikel, hätte ich an anderer Stelle geschrieben: Es ist wieder ein fiebriges Sommernachtsloch, wenn sich großkopfige Feuilletonisten mit kleinen aber spitzen Stiften in angenehm klischeehafte Weltbilder schreiben. Als Vorlage reichen ihnen möglichst eindeutige Umrisse, sie haben kein Interesse sich genauer und schlimmer noch, länger mit der Person hinter ihrer vorgefassten Meinung zu beschäftigen. Den Druck abbauen, das Sommerloch stopfen, schnell das Papier mit ihren Gedanken besudeln. Aber können sie anders? Sie müssen schließlich auch nur abliefern, eigentlich sind sie nur arme Wichte.

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Beitrag von Dark_Pharaoh » 23.07.2017, 17:08

Eigentlich sollte man hier einen Gegendarstellung anbringen. Der Artikel verschweigt so viele Punkte (Alter von Houellebecqs Essay, Lovecrafts Gründe für den Rassismus, die Tatsache, dass seine Frau eine Jüdin war usw.). Einerseits ist der Artikel wirklich schlecht in einigen Punkten und könnte ignoriert werden, andererseits könnte man als dLG durchaus versuchen ein differenzierteres Bild anzubieten.

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Beitrag von Nils » 23.07.2017, 18:03

Unreflektiert empfohlen wird der NZZ-Text hier:

https://www.perlentaucher.de/efeu/2017-07-21.html

http://www.lichtwolf.de/artikel.php?a=2 ... lt-KW-2917


Hier wurde das Thema offenbar bereits vor einem Monat zur Überbrückung genutzt, allerdings eher darstellend und mit nur ein ganz bisschen Küchenpsychologie (und der fehlerhaften Titulierung von Houellebecq als Biograph von HPL):

http://www.independent.co.uk/news/long_ ... 10151.html

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Beitrag von Arkham Insider Axel » 24.07.2017, 06:30

Ich denke, Daub hat seine Thesen nicht völlig ins Blaue hinein formuliert (seine offensichtlichen Fehler und Versäumnisse stehen auf einem anderen Blatt) und es gibt sehr wohl Tendenzen aus dem konservativen bis hin zum rechten Lager, Lovecraft in dem geschilderten Sinne zu "vereinnahmen". Siehe diesen Beitrag einer Plattform, die sich selbst so definiert: "We are Southern Nationalists and Alt-Right"
Link: Lovecraft & Lee – Sons of Albion’s Ancient Race

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Beitrag von Fungi » 26.07.2017, 13:35

Kann man der Vereinnahmung durch die Rechten denn nicht irgendwie entgegenwirken?

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Beitrag von Bluestone » 26.07.2017, 13:54

Schwierig, "Lines on Gen. Robert Edward Lee" ist halt von ihm verfasst, das freut bestimmt den ein oder anderen Südstaatler. Das "On the Creation of Niggers" schlägt halt auch in eine entsprechende Kerbe, eine vollständige Distanzierung dürfte nahezu unmöglich sein :(.

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Beitrag von Fungi » 26.07.2017, 18:43

Gut, is schon klar, das hat er geschrieben das lässt sich nicht wegdiskutieren, aber eine objektivere Betrachtung in der Öffentlichkeit wäre doch angemessen, oder nicht?

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Beitrag von Bluestone » 26.07.2017, 21:55

Gerade seine eigene Wandlung sollte betont werden, ob er zum Ende seines Lebens noch solche Gedichte verfasst hätte, kann ich nicht sagen.

@Arkham Insider Axel Hat Joshi eine Betrachtung zum Thema in seinem Buch? Ich warte da lieber auf die Übersetzung ;)

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Beitrag von Arkham Insider Axel » 27.07.2017, 10:58

Gedichte wie "On The Creation Of …" hat er zwar nicht mehr verfasst. In entsprechenden Briefstellen ist allerdings keine grundlegende Wandlung erkennbar. Differenzieren muss man bei den Themen Chauvinismus und Antisemitismus, da hat sich die eine oder andere Verschiebung ergeben.

Eine richtige, eigene Betrachung hat Joshi in der Biografie nicht, auch wenn er das Thema natürlich (wiederholt) anspricht.

Ich merke, wie bei dem Thema häufig nach einem oder mehreren rettenden Strohhalmen gegriffen wird. Man hofft auf eine Wandlung Lovecrafts, die dieser naturgemäß nun nicht mehr vollziehen kann. Man hofft auf persönliche Äußerungen von ihm (Briefe), die bisher Gesagtes relativieren sollen. Oder man hofft darauf, dass eine Autorität (wie z. Bsp. Joshi) ein "Machtwort" spricht, an dem man sich orientieren könnte.

Ich möchte dafür plädieren, seinen eigenen Weg zu finden. Bei mir sieht der so aus, dass ich zu meinem Lieblingsschriftsteller stehe und sein literarisches Schaffen (innerhalb der Phantastik) für beispiellos halte. Das zum einen. Zum anderen: Ich weiß, dass Menschen nicht perfekt sind und versuche, mit ihren Schwächen, Defiziten und Problemen zu leben und sie zu verstehen und einzuordnen ohne sie vorschnell zu verurteilen. Ich habe kein Verständnis für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit und lehne diese Erscheinungen in jeder Form ab. Es gibt Menschen, mit denen man sich noch auf ein Gespräch darüber einlassen kann. Bei anderen ist das vergebene Liebesmüh und sie haben das Recht – wenn ich es so salopp ausdrücken darf – auf ihre eigene Art zum Teufel zu gehen. Die jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen lassen jedem Gelegenheit genug, sich für dieses oder jenes Vorgehen zu entscheiden.

Mit Lovecraft hätte ich wahrscheinlich darüber diskutiert. Aber das ist natürlich Spekulation. Die literarische Beurteilung sollte jedenfalls frei von seinen persönlichen Anlagen und meinetwegen Verfehlungen sein. Wer sich damit auseinandersetzt, kann immerhin Entstehung, Intention und Wirkung vieler seiner Geschichten verständnisvoller beurteilen. So spielen natürlich "Rassenmischung" und Degeneration eine wesentliche Rolle in "Shadow over Innsmouth". Und dennoch ist die Story eine Story, also ein literarisches Werk – und kein Propaganda-Pamphlet oder eine plump verklausulierte Warnung vor "Unzucht" etc.

Eben diese letzte Feststellung wird in letzter Zeit bisweilen missachtet. Lovecraft hat fast immer aus einem persönlichen Antrieb heraus geschrieben. Sich einer Bewegung als Sprachrohr zur Verfügung zu stellen, wäre nach allem, was wir wissen, nicht "sein Ding" gewesen. Daher laufen ernsthafte Betrachtungen über seine angeblichen Impulse auf Donald Trump, die AFD, Alt-Right (willkürliche Zusammenstellung) usw. ins Leere. Dass man geneigt ist, nach Kontinuitäten Ausschau zu halten, ist verständlich. Das ändert jedoch nichts daran, dass H. P. Lovecraft ein Autor von unheimlicher Phantastik war und als solcher gelten wollte und versucht hat, sein Auskommen zu erzielen. Dinge wie der Cthulhu-Mythos, Rollenspiele, das Fortschreiben von Mythos-Fiction, die Arkham Insiders … bis hin zur dLG und alles darüber hinaus – haben wir selbst zu verantworten, – nicht jedoch der Gentleman aus Providence.

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Beitrag von Sorben » 27.07.2017, 14:03

Was mir persönlich aber auch bei der Diskussion fehlt, ist die Betrachtung der Gesellschaft. HPL lebte zu einer Zeit in einem Land in dem Rassismus Alltag war. Bis in die 60er gab es in Amerika de facto Rassentrennung (in Teilen der USA). Ich will jetzt nicht relativieren oder schönreden, aber Lovecraft war ein Kind seiner Zeit, der das Talent besaß, mit Worten umgehen zu können. Diese beiden Umstände führten wohl zu diesen Machwerken. Und bei aller Zuneigung: HPL hatte zu Lebzeiten kaum Reichweite. In der NZZ kommen jetzt Aussagen eines Mannes auf den Tisch, der 80 Jahre tot ist und der zu seinen Zeiten Sachen geschrieben hat, die von weiten Teilen der damaligen Gesellschaft akzeptiert waren - allerdings kaum jemand gelesen hat - um aktuelle politische Diskussionen über amerikanische Urängste zu erklären. Was wäre den mit Henry Ford? Dieser Mann hatte wesentlich mehr Einfluss und war bekennender Antisemit.
Dass Lovecraft selber rassistische Meinungen und Positionen vertrat, steht außer Zweifel: Seit seiner Jugend las er Bücher zu «Rassenkunde» und Eugenik.
Alleine dieses Zitat zeigt doch, wie sehr Lovecrafts Rassismus nicht für heutige Verirrungen als Erklärung taugt. HPL hatte keinen Giftschrank geplündert, er las keine Bücher, die auf irgendeinem Index standen. Rassentheorie und Eugenik waren anerkannte Theorien und Bücher mit dieser Thematik waren Sachbücher; im Gegensatz zu heute. Heute brauchen wir keine pseudo wissenschaftlichen Erklärungen mehr, um jemanden mit einer anderen Hautfarbe zu hassen.

Und ich betone nochmals, ich will nichts relativieren, aber historische Persönlichkeiten muss man aus ihrerer Zeit heraus betrachten, um ihr Handeln nachvollziehen zu können. Darüberhinaus halte ich Lovecraft für absolut ungeeignet aktuelle Geschehnisse zu erklären. Auf dem Gebiet der Literatur vielleicht, aber nicht in Sachen Politik. Und das ist die Krux an dem Artikel.

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