Lovecraft und der Rassismus

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JaNyar Lathotep
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#51 Re: Lovecraft und der Rassismus

Beitrag von JaNyar Lathotep » 20.02.2017, 20:59

Auch hier gibt es vermutlich kein richtig und falsch.
Es muss ja auch keine öffentliche Stellungsnahme sein, die sicherlich auch angreifbar macht. Ich sehe aber schon einen gewissen Vorteil in einer einheitlichen Aussage für Mitglieder, die sich in Situationen begeben, in denen sie den Verein offiziell vertreten.
Es ist nunmal ein Mitmachverein, der davon lebt, dass sich motivierte Mitglieder in die Öffentlichkeit begeben, nicht nur der Vorstand. Nehmen wir die SPIEL letztes Jahr, bei der verschiedene Vereinsmitglieder den Stand betreut und Interessenten Auskunft gegeben haben. Auf die Infos überr Lovecraft auf der dLG Seite wurde vorab verwiesen, aber einen "How to"-Guide, wenn man unvorbereitet mit Lovecraft Gegnern konfrontiert wird, gab es nicht.

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Arkham Insider Axel
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Beitrag von Arkham Insider Axel » 21.02.2017, 16:11

Gedanken, Teil 1
Lässt sich das Werk von seinem Autor trennen?
Lässt sich der Leser von seiner Lektüre trennen?


Die Antwort auf die letztere Frage ist schwer zu verallgemeinern und hängt vom Wissen des jeweiligen Lesers ab. Lovecrafts rassistische Positionen wurden im deutschen Sprachraum bisher nicht nachdrücklich thematisiert (die Diskussion innerhalb dieses Forums ist ein Novum). Gehen wir also von einem unwissenden, antirassistischen Leser aus. Diesem Ideal-Leser ist die rassistische Seite des Menschen Lovecraft unbekannt und folglich kann er sich davon auch nicht abschrecken lassen. Also lautet meine Antwort auf die zweite Frage mit Vorbehalt: Ja.

Wer sich freilich tiefer für Lovecrafts Leben und Werk interessiert, hat schon lange die Möglichkeit, das Thema aufzuarbeiten. Vor allem dank einer regen Diskussion im englischsprachigen Raum. Wie ich jedoch an anderer Stelle schrieb, erscheint mir die mangelnde Konzentration auf diese Angelegenheit folgerichtig. Denn weder war Lovecraft ein Ideologe des Rassenhass’ noch ein Brandstifter oder Gewalttäter. Er verfolgte eine politisch konservative Linie, wobei er sich bisweilen zu indiskutablen, hasserfüllten Äußerungen über Menschen hinreißen ließ. Wie üblich für Rassisten, dachte Lovecraft in dem Zusammenhang nur in Gruppen – und hat auch nur solche adressiert. So weit ich weiß, hat er sich niemals mit einem Individuum einer der von ihm verachteten Gruppen angelegt. Im Gegenteil: Sein Antisemitismus fiel mit erstaunlicher Leichtigkeit zusammen, als er eine Jüdin heiratete.

Lovecrafts literarisches Werk selbst ist nicht rassistisch und kann davon unabhängig gelesen werden. So lautet meine Antwort auf die erste Frage ebenfalls: Ja.

Gedanken, Teil 2
Warum habe ich die zweite Frage – Lässt sich der Leser von seiner Lektüre trennen? – unter Vorbehalt bejaht? Deshalb, weil es zweifelsohne Zustimmung für Lovecraft aus dem konservativen bis rechten Spektrum gibt. Hier müssen wir von einem Publikum ausgehen, das nicht dezidiert antirassistisch eingestellt ist und daher auf entsprechende Äußerungen nicht mit reflexartiger Ablehnung reagiert.

Konkret möchte ich hier den erwähnten Artikel im „Compact“ nennen. Dass ein Text über Lovecraft in diesem Magazin erscheint, ist durchaus delikat. Wem der Name nichts sagt, hat ausreichend Möglichkeiten, sich ein Bild zu machen. Auf der „Compact“-Webseite jedenfalls finden sich Äußerungen (in Form von Kommentaren), die die Grenze von der geistigen bis zur tatsächlichen Brandstiftung aufweichen. Man blicke etwa in den Kommentar-Thread zu dem Dresdner Bus-Denkmal und der Aktion der „Identitären Bewegung“. Zu bedenken ist, dass es sich dabei nicht um Äußerungen eines seit 80 Jahren toten Autors handeln, sondern um öffentliche (freilich anonymisierte) Kommentare, die in eine aufgeheizte Situation fallen und diese zusätzlich anfeuern.

Ich will den Text im „Compact“ nicht überbewerten; auch links-alternative Medien haben Lovecraft schließlich schon erwähnt und in ihm eine Projektionsfläche gesehen. Der Artikel selbst ist gut verfasst, nur das Umfeld hat halt einen Hautgout. Dass Lovecraft mit seinen politischen Überzeugungen sowie dem erzählerischen und essayistischen Werk Anknüpfungspunkte für eine rechts-konservative Klientel bietet, sollte jedem klar sein. Nicht unbedingt wegen seines Rassismus’, aber doch aufgrund der unübersehbaren Kulturkritik. Insofern ließe sich die Frage nach der Trennung von Leser und Lektüre genau so gut verneinen.

Wie aber soll sich nun die dLG verhalten?
Eine Äußerung wie auf der FB-Seite, dass der Rassist Lovecraft keine Gesellschaft verdient habe, ist kontraproduktiv und zeugt von einer beschränkten Herangehensweise an ein komplexes Thema. Ein Autor kann rassistisch sein – seine Leser und Rezipienten müssen es deshalb noch lange nicht sein. Diese selbstverständliche Tatsache allein erfordert in meinen Augen noch keine Stellungnahme.
Sollte es allerdings so weit kommen, dass sich solche Kommentare – oder Vorwürfe – mehren und die Vereinsarbeit zu schädigen drohen, würde ich mich für eine Position von Seiten der dLG aussprechen.

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Beitrag von Case » 21.02.2017, 16:25

Zunächst einmal finde ich es sehr begrüßenswert, das diese Diskussion sich hier herausbildet. Und wenn schon nicht als Antwort auf die zitierten Äußerungen auf FB, so ist sie auf jeden Fall für ein allgemeines Verständnis des möglicherweise mit diesem Thema noch überhaupt nicht vertrauten Lovecraft-Fans absolut gewinnbringend.

Nebenbei bemerkt halten sowohl Marc als auch ich eine grundsätzliche Position der dLG für vorteilhaft, um nämlich inhaltlich solche Diskussionen zuvor zu kommen bzw. unsren Mitgliedern, die sich in Zukunft hoffentlich auf ganz vielen Veranstaltungen herum treiben, eine Perspektive im Umgang damit an die Hand zu geben.

Und wenn diese Position eben auch "nur" auf die hier bereits geäußerten Feststellungen zurück geht.
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Beitrag von Antonia » 21.02.2017, 17:02

Danke für die Ausführungen, Axel. Ist auf jeden Fall einiges zum Nachdenken, dabei, daher nur eine kurze Antwort.

Ich weiß nicht, ob man wirklich warten will, bis eine Stellungnahme eindeutig reaktiv ist. Auch aus Erfahrung bzw eher Beobachtung - da ist man dann ganz schnell in der Ecke "Ja, die haben das nur gemacht, weil sie mussten, in Wirklichkeit..."

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Beitrag von Dark_Pharaoh » 09.03.2017, 11:30

Toller Post Axel!

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Beitrag von Case » 13.05.2017, 16:31

Gerade drüber gestolpert: Ein kurzes Paper über Lovecraft und Rassismus (Cade Brown, 2017):


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Beitrag von Nils » 14.05.2017, 15:55

Danke fürs Teilen.

Nicht komplett uninteressanter Text, der wenigstens da und dort mal mit Belegen arbeitet, wenn auch nicht immer befriedigend und immer noch mit einem hohen Gehalt an unbelegten Behauptungen. Auch die teils fast hysterische Küchenpsychologie in den Kommentaren ist bemerkenswert.

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Beitrag von Arkham Insider Axel » 17.05.2017, 09:54

Dass Lovecrafts Rassismus häufig Bestandteil seiner Geschichten sein soll, halte ich für eine gewagte These. Dass er eine Story namens "On the Creation of Niggers" geschrieben hätte, ist falsch; es handelt sich um ein Gedicht.

Der Verfasser widersetzt sich dem Versuch, Kunst und Künstler zu trennen. Was jedoch im Fall Lovecraft immer wieder frappiert: Gerade Vertreter aus einem dezidiert linken Spektrum lesen sein Werk (freilich: Manche davon, weil sie seine rassistischen Texte oder Briefe nicht kennen). Es wäre also einmal die Frage interessant nicht nur nach Kunst und Künstler, sondern ebenso nach den Rezipienten.

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Beitrag von Error404 » 01.06.2017, 16:28

Kann ich aus Erfahrung bestätigen. Viele Angehörige der linken/antifaschistischen Szene lesen Lovecraft trotz Kritik an seiner politischen Einstellung, bei der sich dann eben genau auch die Frage gestellt wird ob man Werk und Autor trennen darf. (Das Ganze wurde z.b. im Plastic Bomb Fanzine #91 thematisiert.)

Es ist halt keine leicht zu beantwortende Frage. Wo fängt es an, wo hört es auf? Pierre-Joseph Proudhon bspw. hat mit seinen Ansichten und seinem Satz "Eigentum ist Diebstahl" den Anarchismus geprägt bzw. "erfunden"...gleichzeitig hatte er antisemitische Vorurteile.

Ich für mich persönlich habe Lovecraft als Teil eines Tentakelgeschwurbels sogar tattoowiert, da er für mich schon ein Teil seines eigens erschaffenen Mythos geworden ist. Zwar geht er mit so ziemlich jeglicher Ansicht völlig konträr zu meinen politischen Ansichten aber seit ich das erste mal etwas von ihm gelesen habe ist diese kindliche Faszination ausgebrochen, bei der man solche Dinge irgendwie ausblendet. (Obwohl man sowas normalerweise kritisiert bis zum gehtnichtmehr.)

Schwieirig zu erklären. Naja.

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Beitrag von derTräumer » 01.06.2017, 22:08

Schön gesagt @Error404 . Ich glaube, dass es aber auch ein bisschen dieser Widerspruch ist, der Lovecraft für "uns" (Linke...) interessant macht. Wie kann jemand, der mit zum Teil sehr antiemanzipatorischen Ansichten daherkam eine Geschichte schreiben die einem so unter die Haut geht. Antwort: Das kann er natürlich, diese Fähigkeit ist kein Privileg irendeiner Gruppe/Partei/Ethnie.
Dennoch ist es dieses Spannungsfeld, was einen Teil des Reizes ausmacht.

( In der Plastic Bomb 91 wird Lovecraft besprochen???? )

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