Algernon Blackwood

Das Grauen auf Papier | Wiki
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Nils
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Unnatürliches Wissen

#1 Algernon Blackwood

Beitrag von Nils » 15.04.2016, 10:38

Blackwood ist einer der großen Namen der weird fiction und mit "Die Weiden" hat er eine Geschichte verfasst, die Lovecraft in den höchsten Tönen lobte. Aber auch seine Verarbeitung des indianischen Wendigo-Mythos ist berühmt, ebenso wie seine Figur des "John Silence"; einem frühen übersinnlichen Ermittler, wie es sie heute in der Popkultur allerorten gibt.

Was Blackwood wohl von Leuten wie Lovecraft oder Bierce abhebt, ist seine geistige Ausrichtung. Lovecraft war in summa bekanntlich ein stringenter Materialist und in der Lebensführung eher beeinflusst von antiken Denkern wie Epikur, Bierce könnte man vielleicht in eine Linie mit E. M. Cioran stellen, was die Ansichten zum Leben angeht. Blackwood nun war aktiver Theosoph und stark geprägt von esoterischen Lehren. In diesem Punkt ist er vielleicht eher mit Arthur Machen vergleichbar, wobei es sich für mich als Laien so darstellt, als sei Blackwood in dieser Richtung aktiver gewesen.

Blackwood wurde 1869 adelig in Kent, nahe London, geboren. Er genoss eine privilegierte Erziehung und hatte großes Interesse an der Psychologie, studierte an mehreren Universitäten in Europa und erwarb letztlich einen medizinischen Abschluss. Er reiste nach Kanada und schlug sich als Gelegenheitsarbeiter durch und versuchte als Farmer Fuß zu fassen, scheiterte aber und ging nach New York, wo er eine Karriere als freier Journalist anstrebte und zeitweilig für die Times und den Evening Standard schrieb.
Finanzielle Nöte trieben ihn zurück nach Europa, wo er weiter ein unstetes Leben führte. Beeinflusst haben ihn auch fernöstliche Ideen, ab 1900 war er Mitglied im Hermetic Order of the Golden Dawn, welchem auch Arthur Machen angehörte.

Blackwood starb 1951 nach mehreren Schlaganfällen. Er hat ein recht umfangreiches Werk an Kurzgeschichten, Romanen und Theaterstücken hinterlassen. Auch war er zeitweise als Radiomoderator aktiv. Er schrieb zudem bereits 1923 eine Autobiographie.

Lovecraft nennt Blackwood in "Supernatural Horror in Literature" einen der "modernen Meister der weird fiction" und S.T. Joshi stellt sein Werk als außerordentlich verdienstvoll heraus. Für ihn rangiert Blackwood knapp hinter Lord Dunsany und er schätzt Blackwoods Anthologie "Incredible Adventures" als DIE maßgebliche Kollektion des 20. Jahrhunderts ein.

Auf Deutsch sind 7 Bände mit Kurzgeschichten in der Phantastischen Bibliothek des Suhrkamp Verlags erschienen, bei Festa liegt sein Roman "Der Zentaur" vor.

Zudem sind hier: http://defms.blogspot.de/2015/11/zwielicht-8.html und hier: http://krachkultur.de/#id-17 Blackwood-Stories erschienen.

Hier noch ein Artikel zum Thema:

https://sebesta-seklit.net/2016/04/11/a ... st-schuld/

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Blackdiablo
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Beitrag von Blackdiablo » 17.04.2016, 11:36

Ich habe mich letztens mit Blackwoods "Der Zentaur" befasst, eine Erfahrung, die äußerst aufschlussreich war, um den Kosmikbegriff Lovecraft durchschauen zu können.

Blackwood zeigt sich in diesem 'mythischen Roman' in einer Tradition mit Transzendentalisten der American Romanticism wie Emerson. Sein Kosmikbegriff umfasst eine tiefe Verbundenheit der Umwelt, der Menschen, der Existenz selber mit- und füreinander. Eine pathetische Preisung der Natur und des Ursprünglichen dieser kosmischen Verbundenheit zieht sich durch die Philosophie der Erzählung und steht mit seiner tröstlichen Außerweltlichkeit in krassem Gegensatz zu Lovecrafts bekannten grauenerzeugenden Kosmikbegriff. Umso erstaunter war ich, als ich realisiert habe, dass das Motto von "The Call of Cthulhu" aus eben jenem Roman entstammt und dieses Zitat vollkommen umfunktioniert verwendet wird. Im Laufe des Romans existieren viele Stellen, bei denen ich mich frage, was Lovecrafts Gedankengänge gewesen sein müssen. Ein Blick lohnt sich wirklich. Auch wenn ich den Roman gar nicht mal so empfehlenswert finde. ;)
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"Hey, das klingt wahnsinnig interessant! Warum schreibst du nicht einen Artikel im ..."

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Nils
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Beitrag von Nils » 17.04.2016, 14:51

War objektiv gesehen her langweilig, oder weswegen? Ich habe den Roman zwar im Regal, aber gelesen habe ich ihn nicht.

Ich kenne selbst bisher von Blackwood tatsächlich nur "Die Weiden", die ich wegen Lovecrafts Empfehlung gelesen habe. Die Geschichte verdient das Lob auch, denn sie ist wirklich sehr gut. Ansonsten ist Blackwood bei mir bisher etwas unter dem Radar geflogen. Habe wohl mal da und dort etwas gelesen, aber systematisch erarbeitet habe ich mir sein Werk nicht. Da hatte ich bisher andere Autoren eher auf dem Schirm.

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Beitrag von Ginster » 26.04.2016, 20:57

Schönes Thema. Mir geht es wie Nils, ich kenne aus den gleichen Gründen auch nur "Die Weiden" und finde die Geschichte ebenfalls gut. Von Blackwood als Person wusste ich bisher fast nichts, aber das, was ich nun so gelesen habe motiviert mich, mal mehr von ihm zu lesen.

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Beitrag von derTräumer » 27.04.2016, 17:23

Eine schöne Einführung. Ich habe recht viel von Blackwood hier, auch die Biografie. Vielleicht sollte ich das mal zum Anlass nehmen... ;)

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Beitrag von Ginster » 13.06.2016, 12:59

Blackdiablo hat geschrieben:Ich habe mich letztens mit Blackwoods "Der Zentaur" befasst ...
Ich habe jetzt einige weitere Geschichten aus Blackwoods Grusel-Repertoire gelesen und es sagt mir insgesamt sehr zu. Ich mag die plastischen Beschreibungen - auch wenn einiges davon in der (Suhrkamp-) Übersetzung verlorenzugehen scheint. Auch der unterschwellige Grusel wird meines Erachtens exzellent vermittelt. Als Beispiel sei das Weinen Défagos in "Der Wendigo" genannt, eine Stelle mit unglaublich dichter Atmosphäre, obwohl eigentlich noch nichts passiert ist.

Ich denke, ich werde "Der Zentaur" mal antesten, es könnte was für mich sein. Die Festa-Übersetzung geht in Ordnung, nehme ich an? Die Suhrkamp-Übersetzung ist doch schon deutlich altertümlich im Ton, Festa hat bei den Lovecraft-Bänden ja angeblich eher wert auf einen modernen Stil gelegt. Jetzt weiß ich (gerade im Falle Blackwood) nicht, ob ich das gut oder schlecht finden soll. Meinungen zur Übersetzung?

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Beitrag von Nils » 14.06.2016, 08:01

Ginster hat geschrieben:Festa hat bei den Lovecraft-Bänden ja angeblich eher wert auf einen modernen Stil gelegt. Jetzt weiß ich (gerade im Falle Blackwood) nicht, ob ich das gut oder schlecht finden soll. Meinungen zur Übersetzung?
Wo hast du das denn her? Also ich bin jetzt bei den Suhrkamp-Übersetzungen nicht mehr so firm, aber ich würde diese Aussage grundlegend verneinen. Die Festa-Übersetzungen, die ich kenne (habe etwa die Hälfte der Reihe gelesen) sind sehr gut lesbar und den Geschichten angemessen. Übermäßig "modern" - irgendwie ja auch teils ein diffuses Kriterium - wirken sie auf mich nicht.

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Beitrag von Ginster » 14.06.2016, 08:46

Nils hat geschrieben:
Ginster hat geschrieben:Festa hat bei den Lovecraft-Bänden ja angeblich eher wert auf einen modernen Stil gelegt. Jetzt weiß ich (gerade im Falle Blackwood) nicht, ob ich das gut oder schlecht finden soll. Meinungen zur Übersetzung?
Wo hast du das denn her? Also ich bin jetzt bei den Suhrkamp-Übersetzungen nicht mehr so firm, aber ich würde diese Aussage grundlegend verneinen. Die Festa-Übersetzungen, die ich kenne (habe etwa die Hälfte der Reihe gelesen) sind sehr gut lesbar und den Geschichten angemessen. Übermäßig "modern" - irgendwie ja auch teils ein diffuses Kriterium - wirken sie auf mich nicht.
Ich bezog mich darauf (F.Festa in einem Interview):
Jetzt könnte man sagen, dass Lovecraft ja auch altmodisch schrieb. Okay, aber muss man denn wirklich »er war erstaunt ob seiner Zuversicht« übersetzen, hört sich denn »er war über seine Zuversicht erstaunt« nicht besser und lesbarer an? Das ist keine Verfälschung des Originals.
Oder die Maßeinheiten, meine Güte, in den alten Übersetzungen sind die Berge des Wahnsinns 20000 Fuß hoch, eine Kiste 10 Zoll lang … Da entstehen beim Leser doch keine klaren Bilder. [...]
Ich kenne nur ein paar der "Festa-Lovecraft-Geschichten" und fand nichts daran auszusetzen. "Modern" ist sicher nicht das beste Wort, habe ich hier nur in Ermangelung eines besseren Wortes benutzt.

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Beitrag von Nils » 14.06.2016, 09:59

Gut, dann macht deine Aussage Sinn. Bei "modern" denke ich persönlich immer an sprachliche Geschmacklosigkeiten oder Textsäuberungen, daher zunächst meine Ablehnung. So gesehen wurden die Texte sicherlich dem aktuellen Sprachgebrauch etwas angepasst, was in extremer Tendenz ebenfalls abzulehnen ist, bei Festa mir aber sehr erträglich erschien.

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Beitrag von Nils » 28.10.2018, 22:17


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