Ambrose Bierce

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Nils
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#1 Ambrose Bierce

Beitrag von Nils » 30.03.2016, 09:08

Da ich gerade einen aktuellen, recht kurzen Bierce-Artikel fand, setze ich diesen mal hier rein und eröffne auch gleich eine mögliche Diskussion über diesen Autor, der für die moderne Phantastik nicht unwichtig und auch abseits davon sehr interessant ist.

http://www.ozy.com/flashback/the-myster ... Y.facebook

Bierce ist Autor diverse unheimlicher Geschichten, die allerdings vom Stile her eher mit Edgar Allan Poe als mit Lovecraft vergleichbar sind. Oft woht ihnen ein bisweilen zynischer, tief-schwarzer Humor inne (Vgl. bspw. Poes "Die schwarze Katze"), der mit Lovecrafts eher nüchternen Schilderungen erstmal nicht allzu sehr zusammen geht - soweit meine These. Dennoch werden Poe, Lovecraft und Bierce oft in einem Atemzug genannt als Eckpfeiler der modernen US-amerikanischen Horror-Literatur und soweit mir bekannt ist, hat Lovecraft ihn auch gelesen und gemocht.

Bierce ist allerdings heute eher berühmt für seine ebenfalls sehr zynischen Aphorismen (ob Nicolás Gómez Dávila ihn kannte?) und seine Bürgerkriegsschilderungen. Geboren im Jahre 1842, nahm er aktiv teil am Sezessionskrieg und erlebte einige blutige Schlachten. Die tagesaktuelle Rezeption in Amerika bezieht sich indes wohl hauptsächlich auf Bierce als meisterhaften Verfasser von Kurzgeschichten - eine Literaturform, welche im englischsprachigen Raum ungleich höheres Ansehen genießt als in unseren Breiten. Seine Story "Ein Vorfall an der Owl-Creek-Brücke" wird heute von einigen Literaturkritikern und ähnlichen Leuten sogar als beste short story überhaupt angesehen. Zumindest aber wird er nicht selten in einem Atemzug mit Ernst Hemingway genannt, der ja gemeinhin als der king of shorts gilt.

Ähnlich wie bei Poe ist sein Tod bis heute nicht geklärt. 71-jährig begab sich der stark trinkende Bierce nach Mexiko, wo er sich wohl den Revolutionären um Pancho Villa anschloss. 1914 verliert sich seine Spur, wobei es diverse Theorien gibt. Einige werden auch im obrig verlinkten Artikel genannt - von einer standrechtlichen Erschießung über Lungenentzündung bis zur Absetzung nach Südamerika ist alles dabei. Ein deutsches Radiohörspiel stellt es gar so dar, dass Bierce - der seine Familie wohl stets eher schlecht behandelte - von einer verbitterten Tochter im Keller seines Hauses eingesperrt und dort zum Sterben zurück gelassen wird. Die Tochter streut dann das Gerücht seines Wegganges Richtung Mexiko, was von allen vorbehaltlos gelaubt wird.

Soweit zu Ambrose Bierce. Aus meiner Sicht eine der reizvollsten Gestalten der US-Literatur des 19. Jahrhunderts. Sehr zu empfehlen soll die Biographie "Allein in schlechter Gesellschaft" sein, die ich leider bisher nicht gelesen habe.

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Beitrag von Blackdiablo » 30.03.2016, 09:56

Ich habe mich auch flüchtig mit Bierce befasst und teile deine Einschätzungen soweit. "An Occurence at Owl Creek Bridge" ist in der Tat eine höchstempfehlenswerte Story, aber unter Bierce Stories verbirgt sich noch so manche Perle mehr (bestes Beispiel: "Chickamauga"). Allerdings hält er dieses Niveau meiner Erfahrung nach nicht immer durch; sein Zynismus zündet längst nicht jedes Mal wie beabsichtigt (anders als ich es bei Clark Ashton Smith beobachtet habe).

Nichtsdestotrotz sollten geneigte Leser unbedingt einen Blick auf seine Geschichten riskieren. Es lohnt sich: allein aufgrund der Kurzweiligkeit.

Im Übrigen: Hat sich mal jemand mit "The Devil's Dictionary" befasst? Ist das eher ein Gimmick zum Schmunzeln oder hat das sonst anderweitige lohnenswerte Substanz inne? Empfehlungen?
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Beitrag von Ginster » 30.03.2016, 14:37

Blackdiablo hat geschrieben: Im Übrigen: Hat sich mal jemand mit "The Devil's Dictionary" befasst? Ist das eher ein Gimmick zum Schmunzeln oder hat das sonst anderweitige lohnenswerte Substanz inne? Empfehlungen?
Ich habe irgendwo die deutsche Übersetzung. Es ist wohl eher was zum Schmunzeln, so meine Erinnerung. Ab und zu trifft sein Hammer des Zynismus mal einen Nagel auf den Kopf, aber alles in allem habe ich es eher als Gimmick in Erinnerung.

In Englisch scheint es übrigens komplett online verfügbar zu sein: http://www.thedevilsdictionary.com

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Beitrag von Blackdiablo » 30.03.2016, 14:54

Das hatte ich befürchtet.

Danke trotzdem für den Link!
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Beitrag von Kezia » 30.03.2016, 20:27

Schon seit einigen Wochen liegt ein schöner Band von Bierce auf meinem "bis zum Lebensende unbedingt noch lesen" Stapel.

http://www.anacondaverlag.com/epages/e9 ... 3730600993

Bei dem Preis muss man nicht lange überlegen.

Wenn es sowas doch auch von Dunsany gäbe...

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Beitrag von Blackdiablo » 30.03.2016, 21:24

Der war mir nicht bekannt. Danke für den Tipp! :D
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Beitrag von Ginster » 31.03.2016, 07:40

Aber hallo, Danke auch von mir, wird sofort bestellt.

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Beitrag von Nils » 31.03.2016, 10:56

Also ich mag "Des Teufels Wörterbuch". Der Humor zündet aus meiner Sicht recht oft. Aber ist natürlich eine Frage des Humors bzw. des Geschmacks.

Bei Anaconda muss man vorsichtig sein, die nutzen oft uralte Übersetzungen, die bereits gemeinfrei sind. Sollte man unter Umständen mal vorher reinlesen, ob man den Stil lesen mag.

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Beitrag von Ginster » 31.03.2016, 11:41

Nils hat geschrieben: Bei Anaconda muss man vorsichtig sein, die nutzen oft uralte Übersetzungen, die bereits gemeinfrei sind. Sollte man unter Umständen mal vorher reinlesen, ob man den Stil lesen mag.
Danke für die Warnung, ich schau mal rein. Bin eher empfindlich, was Übersetzungen angeht.

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Beitrag von Nils » 31.03.2016, 21:07

Unter Vorbehalt. Wie sich das aktuell verhält, weiß ich nicht genau. Zu Beginn hatten die auf jeden Fall viele gemeinfreie Sachen verlegt, u.a. von Nietzsche und Freud. Und es gibt eine Sherlock-Holmes-Ausgabe, die sich im Design schick ausnimmt, aber eine Übersetzung aus den 20er Jahren nutzt, die zum Großteil wenig brauchbar ist. Daher würde ich da schon zur Vorsicht mahnen.

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