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Das Grauen auf Papier | Wiki
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Nils
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Unnatürliches Wissen

#1 Neuerscheinungen

Beitrag von Nils » 24.01.2016, 16:04

Ich habe einfach mal einen Thread aufgemacht, in welchen jeder etwaige cthuloide/ lovecraftige oder sonstwie bemerkenswerte Neuerscheinungen im Literaturbereich hinein packen kann.

Gemäß eines Eintrags im Verlagsforum von Festa ist dort der Text "Dreamer on the Nightside" von Frank Belknap Long in Vorbereitung. Frank Festa hat im Forum eine Leseprobe gepostet, die ich dort entnommen habe. Klingt sehr interessant und berührt einen gerade wieder recht aktuellen Aspekt.
Aus dem noch unkorrigierten Text Mein Freund H. P. Lovecraft - Dreamer on the Nightside von Frank Belknap Long, bei Festa in Vorbereitung:

Der einzige Aspekt von HPLs komplexer Persönlichkeit, der für eine gewisse Bestürzung bei denen gesorgt hat, die ihm nie begegnet sind und die daher nur eine verschwommene Vorstellung davon besitzen, wie er in Wirklichkeit war, ist schon lange kein Geheimnis mehr, denn mehrere Bände seiner Briefe befinden sich inzwischen im Druck, und in ihnen finden sich etliche Briefe, die seine Ansicht von der Überlegenheit des angelsächsischen Kulturkreises sowohl in Europa als auch in Amerika unmissverständlich ausdrücken. Das waren seine Gefühle zu jener Zeit, nicht aber in späteren Jahren. Das will ich hier klarstellen.
Noch wichtiger ist es, an dieser Stelle zu betonen, dass ich in der Lage bin, durch die vielen Gespräche mit ihm, in denen es auch um andere Dinge ging, diesen Punkt zu erhellen. Während all jener Unterhaltungen auf unseren langen Spaziergängen durch die Straßen von New York und Providence habe ich nicht ein einziges Mal gehört, das er eine abfällige Bemerkung über einen Menschen einer Minderheit gemacht hätte, der ihm auf der Straße begegnete oder mit dem er sprach und dessen kulturelle oder rassische Herkunft sich von seiner eigenen unterschied.
Es kann nicht geleugnet werden, dass die Briefe, die ich erwähnt habe, Abschnitte enthalten, die man als rassistisch voreingenommen ansehen könnte. Überdies bezog er sich in einer seiner Geschichten, ›The Horror at Red Hook‹, und in seinen Gesprächen mit mir hin und wieder auf „eine gewaltige fremdartige Horde“, mit der er keine Gemeinsamkeiten habe. Aber ein generelles, emotional bedingtes rassistisches oder kulturelles Vorurteil ist etwas anderes als die Umsetzung eines solchen Vorurteils auf persönlicher Ebene. Natürlich können sich diese beiden Dinge überlagern; tatsächlich ist es kaum möglich, sie vollkommen voneinander zu trennen. Aber bei Howard war auch dies anders.
Dr. Dirk W. Mosig, Assistenzprofessor der Psychologie am Georgia Southwestern College, hat in dieser Hinsicht auf eloquente Weise Partei für HPL ergriffen und mir freundlicherweise die Genehmigung erteilt, ausführlich aus einem seiner Briefe zu zitieren. Er stimmt so vollkommen mit meinen eigenen Ansichten überein, dass ich nichts Besseres tun kann, als den Brief hier in seiner Gesamtheit wiederzugeben:

„Die oft gehörte Behauptung, HPL sei ein ‚Rassist’ gewesen, ist nicht nur falsch, sondern auch höchst missverständlich. Teile seiner Briefe – hauptsächlich an seine Tanten geschrieben und nicht zur Veröffentlichung gedacht – werden aus dem Zusammenhang gerissen, der von Lovecrafts Milieu, seinem Lebensstil und dem Gefühl seiner Zeit gebildet wird, und sie werden falsch gedeutet, sodass Lovecraft zu einem hitlerischen Ungeheuer wird, das von der Auslöschung rassischer Minderheiten träumt. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.
Zunächst birgt der Begriff ‚Rassist’ heute ganz andere Konnotationen als im ersten Drittel unseres Jahrhunderts. Zu jener Zeit war die angebliche Überlegenheit der kaukasischen Kultur etwas, das von der überwiegenden Mehrheit der Zeitgenossen Lovecrafts als Tatsache akzeptiert wurde. Diese Vorstellung wurde erst dann wesentlich modifiziert, als die Abscheulichkeiten des Zweiten Weltkrieges einen Wandel in der öffentlichen Meinung hervorriefen. Während es heute, in der Nachkriegsära, durchaus vorstellbar ist, das jemand, der HPLs Ansichten ausdrückt, als ‚Rassist’ bezeichnet werden kann, ist es sicherlich ungerecht, moderne Ansichten auf die privaten Äußerungen eines Gentlemans anzuwenden, der Jahre vor der letzten globalen Katastrophe starb.
Zweitens verdient es Lovecraft, wie jeder andere auch, durch sein Verhalten beurteilt zu werden und nicht nur durch seine privaten Meinungsäußerungen, die ohne die Absicht erfolgten, jemanden zu beleidigen. All jene, die HPL kannten, bestätigen, dass er stets freundlich und höflich gegenüber anderen war, wie ihr ethnischer oder sozialer Hintergrund auch immer ausgesehen haben mag. Als wahrer Gentleman enthielt er sich eines Verhaltens – sei es nun verbal oder tätlich –, das dazu geeignet war, jemanden zu verletzen.
Insbesondere die Anklage des Antisemitismus ist in HPLs Fall lächerlich, da einige seiner besten Freunde und sogar seine Frau Juden waren. Wann hat er je ein Mitglied einer Minderheit verbal oder physisch angegriffen? HPL verhielt sich in keiner Weise wie ein Rassist, und es ist sein Verhalten, das hier zählt.
Drittens zeigte HPL, wie Dr. Brobst betont hat, seinen Freunden und Korrespondenten verschiedene Posen oder „Personae“. Diese Fähigkeit, sich an die Persönlichkeit eines anderen anzupassen, machte einen Teil seines einzigartigen Charmes aus. E. Hoffmann Price erschien er zum Beispiel als neckischer Extrovertierter, während er für andere wie ein introvertierter Philosoph klang, für wieder andere war er ein jungenhafter Kumpel oder der weise alte Großvater Theobald. Es ist wahrscheinlich, dass er auch seinen Tanten gegenüber so erschien, wie sie ihn sehen wollten und einige seiner ‚rassistischen’ Äußerungen nicht aus tiefer Überzeugung, sondern aus dem Verlangen heraus gemacht wurden, den Ansichten anderer zu entsprechen. Das deutet nicht auf eine Charakterschwäche hin, sondern auf eine verständnisvolle Art, welche die Ansichten der anderen toleriert.
HPL hasste keine Schwarzen, Juden, Italiener oder andere Minderheiten, aber als Liebhaber des 18. Jahrhunderts und der neuenglischen Architektur und Tradition zürnte er über die Zerstörung von kulturell bedeutsamen alten Gebäuden durch die Immigranten und andere Personen, denen diese Dinge seiner Ansicht nach wenig bedeuteten. Während er die Werte fremder Kulturen respektierte, verlangte es ihn danach, die neuenglische Kultur vor dem Ansturm ausländischer Traditionen und Lebensweisen zu bewahren. Er war ein Traditionalist, ein Liebhaber der Vergangenheit, aber in keiner Hinsicht ein fanatischer Rassist. In späteren Jahren schwand sogar sein Groll gegen fremde Kulturen, und er hegte extrem liberale Ansichten, die seiner lebenslang geübten Toleranz und seinem Verständnis für andere Menschen entgegenkamen.
H. P. Lovecraft einen ‚Rassisten’ zu nennen, ist daher absurd und lächerlich und zeigt bestenfalls einen vollkommenen Mangel an Verständnis für das Leben des bewunderungswürdigen Gentlemans aus Providence.“

Übersetzung: Michael Siefener.

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Beitrag von Arkham Insider Axel » 26.01.2016, 06:58

Diese Meldung steht seit rund 1 Jahr auf der Webseite des Golkonda Verlags, der Titel ist nun für Winter 15/16 angekündigt, möglicherweise steht also der Veröffentlichungstermin unmittelbar bevor:

Der Fall Charles Dexter Ward
Herausgegeben sowie mit einer Einleitung und Anmerkungen versehen von S. T. Joshi
Mit Fotografien von Donovan K. Lucks

Da mir das Buch (im Original 2010 bei der Tampa Press erschienen) vorliegt, kann ich es allen empfehlen, die Lovecrafts "persönlichstes erzählerisches Werk" in einer umfangreich kommentierten Ausgabe lesen möchten. Insbesondere ist er für jene interessant, die Lovecraft als Regionalschriftsteller schätzen. Offen gestanden kenne ich da nur wenige Leute … von daher ist es eine bemerkenswerte Entscheidung, ausgerechnet dieses Buch auf deutsch zu bringen.

Die Story ist ja gespickt mit kolonialen Attraktionen in und um Providence: einige sind vom Antlitz der Erde verschwunden, andere noch erhalten. Hier bringt Joshi Licht ins Dunkel. Das gilt auch für das okkulte Brimborium, das HPL immer wieder zitiert. So kann man CDW in dieser Ausgabe als Reiseführer der besonderen Art lesen, der dank der Fotos recht anschaulich gerät. Allein eine Karte wäre noch eine schöne Beigabe gewesen, etwas in der Art gibt es jedoch hier (wobei Downton Providence u. Umgebung ausgelassen sind):
http://www.hplovecraft.com/creation/sites/walktour.aspx

Aktualisiert hat der Verlag nun auch die Termine für Joshis 2-bändige Biografie: Teil 1 ist für Sommer 2016 geplant, Teil 2 kommt wohl erst 2018.

Links zu beiden Titeln:
CDW: http://golkonda-verlag.de/cms/front_con ... 193&lang=1
Biografie: http://golkonda-verlag.de/cms/front_con ... ?idart=625

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Beitrag von Arkham Insider Axel » 26.01.2016, 07:08

Nachtrag zur Ankündigung von CDW:

Beim Blick in die Favoriten der schreibenden Mitglieder sehe ich mich bestätigt, dass CDW bzw. HPL als Regionalschriftsteller unterrepräsentiert ist. In dem Fall, wo CDW genannt wurde, lautet die Begründung: "Nachforschungen, Gräber, Hexenmeister, mysteriöse Twists und schließlich der Sturm auf das Anwesen inkl. Kellererkundungen und Zauberflash!" Das ist zwar charmant und ich stimme voll zu, doch finden wir auch hier nicht Providence als "eigentliche Hauptfigur" (s. Verlagsankündigung) des Romans.

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Beitrag von Nils » 26.01.2016, 09:42

Kaufen werde ich es mir in jedem Fall. CDW gefällt mir an sich zwar weniger, die Beschreibungen des alten Providence sind hier allerdings wirklich hervorragend und auch der eine oder andere autobiographische Aspekt tritt hier in der Hauptfigur recht deutlich hervor, wie ich zu erkennen meinte. Insgesamt ist mir die Geschichte aber zu lang, ihr geht einfach die Puste aus ab einem bestimmten Punkt.

Auf die Joshi-Biographie freue ich mich sehr. Der erste Teil war ja ursprünglich für 2015 angekündigt, kam dann aber nicht, weswegen ich extra den Verlag angeschrieben hatte. Die Übersetzung des ersten Bandes ist der Verlagsauskunft nach wohl fertig, Lektorat und derlei weitere Dinge ziehen sich aber noch. Hauptsache, es erscheint.

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Beitrag von Arkham Insider Axel » 26.01.2016, 10:54

Ich habe seit über 3 Jahren eine Buchvorbestellung laufen … eben noch mal angerufen und mich vergewissert, ob ich noch gespeichert bin. Dabei habe ich erfahren, dass sie eine Bestellung – angeblich – seit 30 Jahren gespeichert haben: Der Kunde meldet sich immer mal wieder, wenn er umzieht …

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Beitrag von DrGonzo » 17.03.2016, 18:51

Noch keine Neuerscheinung aber vielleicht kommt man ja mal in naher Zukunft dran.

http://www.theguardian.com/books/2016/m ... are_btn_gp
“It is good to be a cynic — it is better to be a contented cat — and it is best not to exist at all.” :kohleziege:

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Beitrag von Nils » 20.03.2016, 22:00

Ich habe gerade beim stöbern entdeckt, daß scheinbar heimlich, still und leise im Nikol Verlag zwei Lovecraft-Romane erschienen sind. Dabei handelt sich um "Der Fall Charles Dexter Ward" und "Berge des Wahnsinns". Beim großen A werden die Bücher gelistet als "Erschienen am 01.03.2016", die Verlagsseite http://www.nikol-verlag.de/ listet die Werke indes nicht.

Da Nikol bekannt für Neuausgaben alter Lizenzen ist, wird es sich wohl um alte Übersetzungen handeln.

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Beitrag von Arkham Insider Axel » 21.03.2016, 15:40

Nikol Verlag: Interessant, aber etwas mysteriös … Der oder die Übersetzerin, die the big A anzeigt, sagt mir nichts.

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Beitrag von Nils » 21.03.2016, 18:51

Mir auch nicht. Kann ja auch durchaus eine Neuübersetzung sein, was aber irgendwie seltsam wäre, denn beide Geschichten sind ja bereits ausreichend erhältlich. Könnte man höchstens einmal beim Verlag direkt anfragen, was es exakt damit auf sich hat.

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Beitrag von Arkham Insider Axel » 27.03.2016, 19:38

Erscheint im April 2016 bei der University of Minnesota Press:

The Age of Lovecraft, Hrsg.: Jeffrey Andrew Weinstock, Carl H. Sederholm. Vorwort von Ramsey Campbell.
Link: http://www.upress.umn.edu/book-division ... -lovecraft

Aus der Ankündigung: The Age of Lovecraft is the first sustained analysis of Lovecraft in relation to twenty-first-century critical theory and culture, delving into troubling aspects of his thought and writings.

Offensichtlich eine Betrachung aus den Blickwinkeln verschiedener Disziplinen "to consider Lovecraft’s contemporary cultural presence and its implications".

Sicherlich mal eine Abwechslung zum harten Kern der Lovecraft-Forschung um S. T. Joshi. Ein ausführliches Interview mit China Miéville lässt aufhorchen: Miéville gehört zu denjenigen, denen die WFA Statue aufgrund Lovecrafts Rassismus nicht behagte. Also – Kontroversen werden in der Publikation offensichtlich nicht gescheut, mal sehen, wie sich die Sache anlässt …

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