Lovecraft und der Rassismus

  • Puh. Das nenne ich mal ein wirklich schlechtes yt-Video.

    Da hast du absolut recht... habe mir auch mal das Opus in seiner Gänze angetan.


    Von den fragwürdigen "production values" des Videos mal abgesehen, bleiben als "intellektuelle rechte" talking points zu HLP offenbar übrig:


    - Nihilismus/Existentialismus

    - persönliche Neurosen/Psychosen

    - eine Ablehnung des humanistisches Weltbild

    - ein diffuses Unbehagen gegen die moderne Großstadt

    - "white suffering"

    - Houellebecq (natürlich...)

    ... und immer wieder "Rick & Morty"...


    Hm, ich nehme mal an, es ist schon mal gut, wenn Rassismus und Antisemismus nicht offen gefeiert werden...


    Ob "Hass auf die liberale Moderne" aber schon genüg, HPL als rechtes Idol zu feiern? Ich denke nicht. Aber eine spannende Frage... dazu würde ich mal 'nen guten Essay lesen!

    "I think we are only afraid of ourselves," the doctor said slowly.

    "No," Luke said. "Of seeing ourselves clearly and without disguise."

  • Hallo zusammen!


    Ich möchte hier auf keine Fall alte, abgeschlossene Diskussionen wieder aufreissen - aber ich wollte mal fragen, ob hier Interesse zu einem weiteren Austausch zur HPL-Rezeption bei den modernen Rechten besteht.


    Die Videolinks von @Arkham Insider Axel und @Alex haben mich zum Nachdenken und Recherchieren gebracht... Mein Gefühl (ich bin natürlich keine Literaturwissenschaftler*in) besteht da eine Attraktivität HPLs über den Kernbegriff des "Rassismus" / der "white supremacy" hinaus, die offensichtlich versucht wird, von Rechten zu instrumentalisieren.


    Damit meine ich damit vor allem das "Unbehagen an der Moderne", hundertfach beschrieben von Freud bis Taylor, was ich in meinem letzten Post allgemeiner und aus dem betrachteten Video heraus zitiert als "Nihilismus" bezeichnet habe. Bei Lovecraft kommt da ja vom "high level" wie Gottesferne, Todestrieb und Ablehnung des westlichen Universalismus bis hin zum "low level" mit Verklärung der Vergangenheit, weltweiten Verschwörungstheorien und Esoterik einiges zusammen, was ihn - aus einem bestimmten Winkel betrachten - anschlussfähig nach rechts außen macht.


    Aber wie gesagt, ich würde mich über ein Gespräch zu diesem Thema sehr freuen, und bin gespannt, was ihr dazu meint!

    "I think we are only afraid of ourselves," the doctor said slowly.

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  • Hi RLegrasse


    Ein nachvollziehbares Anliegen und zweifellos ein spannendes Feld. Deine ersten Vermutungen und Denkansätze gehen in eine richtige Richtung. Die Neue Rechte, wie sie sich seit den 1970ern vor allem in Frankreich, Deutschland und Italien herausgebildet hat, ist maßgeblich eine intellektuell orientierte Sache. Plumpen Rassismus findet man da eher nicht, genauso wenig wie offenen Antisemitismus und ähnliche Dinge. Diese Aspekte rechten Denkens sind gleichsam eingepackt in ein Päckchen, auf dem als Label "Unbehagen an der Moderne" o. ä. stehen kann, das hast du korrekt identifiziert. Insofern sind modernekritische Ansätze von rechts ideengeschichtlich genau der Punkt, wo Lovecraft als Gewährsmann interessant werden kann für solche Leute.


    Ich habe mich vor Jahren damit viel befasst, mittlerweile ist das Thema für mich persönlich auserzählt. Ich könnte hier gerade nur sagen, dass du - wenn du dich tiefer damit befassen willst - auf diesem Pfad weiter gehen solltest. Lovecrafts Aufnahme von Denkern wie Nietzsche und Spengler ist von Wichtigkeit, diese führen dann ins Spektrum der sog. "Konservativen Revolution".


    Wenn du eine konkrete Frage hast, kann ich aber gern versuchen, zu antworten oder Lektüretipps zu geben.

  • Lektüretipps dazu fände ich auch grundsätzlich spannend! Ich persönlich habe mich kaum damit auseinandergesetzt; lediglich mit der Lovecraft-Spengler-Verbindung habe ich mich tiefergehend befasst.


    Insbesondere bei dem Begriff "Unbehagen an der Moderne" (und ähnlichen Phrasen) fällt natürlich auf, dass das salonfähige Begriffe sind. Phrasen, die nicht unbedingt von allen sofort als rechts identifiziert werden und die somit ein Stück weit unter dem Radar fliegen können.

  • Nils  Rahel Vielen Dank für die Antworten. Und vielen Dank für das Angebot der weiteren Auseinandersetzung.


    Die Hintergründe und Verbindungen der „Konservativen Revolution“ zu den modernen Rechten der 1920er ff. sind mir bereits bekannt, und wurden ja vor kurzem noch mal sehr schön von Volker Weiß Die autoritäre Revolte aufgearbeitet.


    Meine Frage ging auch dahingehend, ob es nicht vielleicht notwendig wäre, hier - ähnlich wie bereits für den Rassismus geschehen - an einer Diskussion/Stellungnahme/Kommentierung o.ä zu arbeiten.


    Ich vermute zwar nicht, dass HPL demnächst von G. Kubitschek in der „Sezession“ besprochen werden wird ?(, aber (z.B. auch) angesichts der ja schon mehrfach erwähnten YouTube-Videos und anderer vergleichbarer Beiträge wäre vielleicht ein „Gegengift“ zur „Einstiegsdroge HPL“ nicht falsch… zumindest könnten wir uns gegen eine entsprechende Vereinnahmung wenden bzw. zumindest einen Diskussionsbeitrag liefern…

    "I think we are only afraid of ourselves," the doctor said slowly.

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  • Meine Frage ging auch dahingehend, ob es nicht vielleicht notwendig wäre, hier - ähnlich wie bereits für den Rassismus geschehen - an einer Diskussion/Stellungnahme/Kommentierung o.ä zu arbeiten.

    Ah, dann hatte ich dich falsch verstanden.


    Bevor man sich zu Tode präambelt, würde ich eher vorschlagen: Schreib doch einen Text, z. B. für den Lovecrafter Online. Die Stellungnahme zum Rassismus ruft ja explizit zur weiteren Klärung der Sachlage auf, da ließe sich gut ein Verweis auf den Blog machen. Klingt ja so, als ob du ganz gut im Thema wärst u starkes Interesse daran hast.


    Ich vermute zwar nicht, dass HPL demnächst von G. Kubitschek in der „Sezession“ besprochen werden wird


    Lovecraft wurde auf jeden Fall in mehreren Kontexten rechter Druckerzeugnisse erwähnt über die Jahre. Ich erinnere mich an eine Nennung in der Autobiographie von Alain de Benoist, außerdem an eine Kolumne von Günter Zehm aus der Jungen Freiheit und an einen Artikel im Compact Magazin. An einen handfesten Aneignungsversuch (der ja seine Basis hätte, machen wir uns nichts vor) erinnere ich mich aber nicht. Du hast Kubitschek schon benannt, da gibt es seitens seines Verlages ja z. B. eine Youtube-Reihe über vermeintlich rechte Autoren und auch Bücher mit Aufsätzen zu "rechten Lektüren". In diesen Kontexten ist mir Lovecrafts Name aber nicht begegnet.


    Allgemein zu neu-rechten Aneignungstaktiken im literarischen Feld verweise ich gern auf Torsten Hoffmann:


  • Schreib doch einen Text, z. B. für den Lovecrafter Online. Die Stellungnahme zum Rassismus ruft ja explizit zur weiteren Klärung der Sachlage auf, da ließe sich gut ein Verweis auf den Blog machen. Klingt ja so, als ob du ganz gut im Thema wärst u starkes Interesse daran hast.

    Das coole an einem Lovecrafter Online ist, dass das offensichtlich ein aktuelles Thema aus gegebenem Anlass ist. Passt meiner Meinung nach einfach hervorragend zu diesem Format und lädt gleichzeitig zur anschließenden Diskussion ein.


    Auf jeden Fall schon einmal vielen Dank, Nils für die spannenden Lektüretipps!

  • Der Name Volker Weiß ist hier ja schon gefallen und ich erinnere mich, dass er in einer TV-Dokumentation über den Schriftsteller Ernst Jünger einmal die Frage aufgeworfen hat, was "legitime" (meine nicht perfekte Wortwahl) und "missbräuchliche" Rezeption eines Werkes sei. Für Jünger fiel seine Diagnose so aus, dass er dessen starke Präsenz im Umfeld der "neuen", "intellektuellen" Rechten usw. nicht als Missbrauch versteht, da Jünger zwar unheimlich vielfältig und politisch schwer zu fassen ist (zumal über die Jahrzehnte), aber er zumindest auch stimmigen Nährboden für derartige Rezeption liefere, ohne dass man diesen komplett verbiegen, d.h. "missbrauchen" müsste. Ich stimme dem zu, obwohl ich aus gänzlich anderem politischen Hintergrund heraus die Jüngers in mancherlei Hinsicht sehr schätze.


    Diese "Gretchenfrage" verstehe ich selbst als sehr wichtig im Zusammenhang von Literatur und politischem Denken: Bis wo ist eine Übernahme von (scheinbaren?) Denkhorizonten Ergebnis eines "legitimen" Zugangs, und ab wo beginnen "Instrumentalisierung", "Missbrauch", "Vereinnahmung" usw.?

    Ich bin mir da fast immer, v.a. aber bei HPL, sehr unsicher. Einerseits weil ich einfach nicht der allergrößte Kenner seiner Briefwechsel, Biographie usw. bin. Andererseits habe ich aber den Verdacht - und das veröffentlichte DLG-Statement ebenso wie die entsprechende Arkham-Insiders-Episode scheinen mir da insofern in die gleiche Richtung zu gehen, dass sie eine große Ambivalenz stehen lassen müssen - dass man da nicht alle Lücken wird schließen können.


    Die (wenn auch von mir selbst) verlinkten Beiträge von V. Zierke halte ich nicht für besprechenswert. Ich wüsste auch gar nicht, was ich zu dieser Mischung aus lückenhaften Sachinformationen, oberflächlichen politischen Bezügen und mäßig gehandhabten Houellebecq-Zitaten (und unheimlich unangenehmen und -informierten Gesprächspartnern) sagen sollte. Das ist einfach keine anschlussfähige Diskussionsbasis und trägt zu der für mich entscheidenden Fragestellung nichts bei.

  • Hallo zusammen, danke für die Rückmeldungen, Lektüretips und Meinungen.

    Ich möchte das Thema (und auch mich) nicht größer machen, als es ist. Wie ich das jetzt lese besteht kein Bedarf für eine weitere Befassung - völlig in Ordnung. Einem eigenen Text wäre ich wohl auch kaum akademisch gewachsen - aber danke für den Vorschlag.

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  • Ich möchte das Thema (und auch mich) nicht größer machen, als es ist. Wie ich das jetzt lese besteht kein Bedarf für eine weitere Befassung

    Huch, wieso denn das? Ich würde sagen, das Thema ist äußerst relevant und interessant und eine weitere Befassung wird hier seit deinem Einwurf doch schon angestoßen.


    Einem eigenen Text wäre ich wohl auch kaum akademisch gewachsen

    Versuch macht klug, und es handelt sich ja nicht um eine Magisterarbeit. Es klingt für mich so, als ob du gute Gedanken zum Thema hättest - dazu mit Volker Weiß eine gute akademische Aufarbeitung an der Hand hast - daher wäre eine kleine "Gedankengrütze" zum Thema durchaus willkommen. Man kann darüber natürlich vorab diskutieren, Änderungen vorschlagen o. ä., an einer Stellungnahme hättest du ja auch mitarbeiten wollen, wenn ich dich richtig verstanden habe. Natürlich ist es aber in Ordnung, wenn deinerseits nun absolut kein Interesse mehr besteht.

  • Wie ich das jetzt lese besteht kein Bedarf für eine weitere Befassung - völlig in Ordnung.

    Also, wir vom Lovecrafter online freuen uns auch und gerade über Meinungen über und Analysen von Lovecraft himself (auch, wenn wir sonst gerne meist "leichte Kost" veröffentlichen). Bei Bedarf stehen wir mit Rat und Tat zur Seite!

  • Hallo Nils , hm, ich dachte, gerade für dich wäre das Thema auserzählt… so habe ich es jedenfalls verstanden :/


    Und was das Thema „Magisterarbeit“ angeht, da habe ich höchsten Respekt vor deinen Kenntnissen und Methodenwissen, da komme ich nicht mit. Wie sagte doch schon Dirty Harry „Ein Mann [Mensch] muss seine Grenzen kennen.“.


    Generell wird hier ja (tollerweise) auf einem sehr hohen, fast wissenschaftlichen Niveau „gearbeitet“ - das würde ich mir nicht zutrauen.


    Aber ich mache mal einen anderen Vorschlag an dich und Seanchui : Wie wäre es zu dem Thema mit einem kleinen „opinion piece“? Eher ein paar hundert Worte Essay/Meinung/Kommentar, aus persönlicher Sicht - weniger eine umfassende akademische Ausarbeitung und Einordnung - das passt auch vielleicht besser zum Magazincharakter. Ich würde den Beitrag natürlich trotzdem vorher gerne teilen und mich über alle Anregungen freuen… wenn ihr mir dabei helfen wollt.

    "I think we are only afraid of ourselves," the doctor said slowly.

    "No," Luke said. "Of seeing ourselves clearly and without disguise."

  • Aber ich mache mal einen anderen Vorschlag an dich und Seanchui: Wie wäre es zu dem Thema mit einem kleinen „opinion piece“? Eher ein paar hundert Worte Essay/Meinung/Kommentar, aus persönlicher Sicht - weniger eine umfassende akademische Ausarbeitung und Einordnung - das passt auch vielleicht besser zum Magazincharakter. Ich würde den Beitrag natürlich trotzdem vorher gerne teilen und mich über alle Anregungen freuen… wenn ihr mir dabei helfen wollt.


    Mir gefiele das gut, auch und vor allem als erste Annährung und Anregung zur weiteren Diskussion!

  • Lieber RLegrasse , ich bin da ja gar nicht maßgeblich. Diverse andere Beiträge zeigen ja, das Interesse besteht. Zudem: Meine Aussage bezog sich auf eine Forumsdebatte, bei der ich mich wohl eher rausgehalten hätte. An einer Bearbeitung des Themas, wie sie sich jetzt abzeichnet, habe ich großes Interesse.


    Wie wäre es zu dem Thema mit einem kleinen „opinion piece“? Eher ein paar hundert Worte Essay/Meinung/Kommentar, aus persönlicher Sicht - weniger eine umfassende akademische Ausarbeitung und Einordnung

    Genau solches hatte auch ich im Sinn, als ich den Vorschlag machte. Daher bin ich sehr gespannt! :)

  • Gut, danke noch mal an alle für den Zuspruch & die angebotene Unterstützung. Ich mache mich denn mal langsam an die Arbeit (hat ja keine Eile) und poste dann hier den ersten Entwurf…

    "I think we are only afraid of ourselves," the doctor said slowly.

    "No," Luke said. "Of seeing ourselves clearly and without disguise."

  • Ich möchte das Thema (und auch mich) nicht größer machen, als es ist. Wie ich das jetzt lese besteht kein Bedarf für eine weitere Befassung - völlig in Ordnung. Einem eigenen Text wäre ich wohl auch kaum akademisch gewachsen - aber danke für den Vorschlag.

    Es ist wohl nicht so, dass man das Thema nicht 'zu groß' machen kann. ich sehe hier einen motivierten und sehr gut fundierten Beitrag für eine weitere Auseinandersetzung. Und für diesen bin ich dankbar.

    Einem eigenen Text wäre ich wohl auch kaum akademisch gewachsen - aber danke für den Vorschlag.

    Die Angst kann ich durchaus nachvollziehen, doch wisse, dass der Verein ja nicht nur zum Fordern da ist, sondern vor allem auch zum Unterstützen. Niemand fordert einen akademischen Beitrag von professoralem Niveau (das kriegen wir wohl alle nicht hin), zumal dieser wohl auch kaum für die Majorität der VereinsmitlgiederInnen lesbar wäre. Wichtig ist, dass wir darüber sprechen, das reflektieren, was wir lesen, Publikationsfähiges an die Öffentlichkeit bringen (und das können auch Gedanken sein, Anmerkungen, die unterhalb der Zitationslinie auf ihre Genese aus einem offenen Gespräch heraus verweisen) und nicht zuletzt an den Fragen wachsen, die wir uns stellen.

    Wie wäre es zu dem Thema mit einem kleinen „opinion piece“?

    Ein Beitrag zur Diskussion also...? ;) Durchaus ein Format, das man in Zukunft weiterspinnen kann.


    In jedem Fall: Danke für die Anregungen und das Weiterdenken.

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