Die Anderen Eine Kurzgeschichte

  • Hallo,

    ich habe letztes Jahr nach sehr langer Pause endlich mal wieder angefangen zu schreiben.

    Ich habe letztes Jahr im September diese Kurzgeschichte begonnen. Ich habe drei Tage sehr intensiv an der Geschichte gearbeitet und sie dann einem Freund zum Lesen gegeben.

    Seitdem habe ich die Geschichte noch einige Male überarbeitet.

    Inspiriert wurde der Text von der Geschichte Träume im Hexenhaus. Mich hat der Aspekt der Geschichte, dass die Träume des Protagonisten, Einfluss auf sein Leben haben, sehr fasziniert. Jede Geschichte hat ja einen kleinen wahren Kern, dieser ist hier der Keller, welchen es fast genau so im Haus meiner Großmutter gab. Im Keller gab es einen kleinen Gang an dessen Ende die einzige Backsteinmauer in diesem Keller war. Ich frage mich bis heute was wohl hinter dieser Mauer wohl wirklich war.


    Es ist für mich der erste Text, den ich Personen außerhalb meiner Komfortzone zu lesen gebe. Ich bin gespannt was Ihr über den Text denkt.

    Da der Text zu lang für das Forum ist versuche ich Ihn in Teilen hier direkt drunter zu Posten. Ich habe den Text aber auch als ganzes als PDF hochgeladen. Die Anderen Kurzgeschichte Jan Beyer-Kuschnierzik.pdf

  • Die Anderen von Jan Beyer-Kuschnierzik

    I.

    Wieder ist es drei Uhr nachts, wieder bin ich schweißgebadet aus einem Traum aufgewacht. Ich zog mich an und stand auf, ich würde doch nicht wieder einschlafen. Nun sitze ich hier mit einem dampfenden Becher Tee und schreibe.

    Ich habe diese Träume seit meiner Kindheit.

    Aber anders als bei anderen Träumen ist der Traum, von dem ich schreibe, immer derselbe. Wobei, nicht ganz. In diesen Träumen, ich schreibe bewusst nicht Albträume, weil so habe ich sie nie wahrgenommen, kann ich bis zu einem gewissen Grad frei handeln, und ich bin mir dessen bewusst, dass ich handle und keinen Film sehe.

    Ich erkunde und erforsche die Welt Stück für Stück und versuche, Ihre Geheimnisse zu erforschen.

    Lebend habe ich den Traum nur zweimal verlassen, ansonsten endet der Traum immer damit, dass ich gefangen bin oder sterbe. Erneut, lieber Leser, muss ich mich etwas korrigieren. Ob ich die beiden Male den Traum überlebt habe, weiß ich auch nicht genau, ich bin nur ans „Tageslicht“ zurückgekehrt, anschließend bin ich aufgewacht.

    Ich habe mich entschieden, diesen Traum nun endlich nach all den Jahren aufzuschreiben, da sich in meinem Leben etwas verändert hat.

    Die Träume beginnen immer gleich.

    Ich stehe in einer Einfahrt vor einem kleinen Haus. Das Haus steht solitär mitten in einem Wald, der Wind weht durch die Nadelbäume. Eine Laterne steht einsam und verlassen in der Einfahrt. Ich laufe über Rindenmulch, welcher den Weg zum Eingang markiert. Die Laterne geht an, das ist der Moment, in dem ich zum ersten Mal bewusst wahrnehme, dass es Nacht ist. Je näher ich dem Eingang komme, desto mehr nimmt der Wind zu und wird fast zu einem Sturm. Ich bekomme eine Gänsehaut und kann plötzlich meinen Atem sehen. Wohl wissend, was mich erwartet, gehe ich weiter auf das Haus zu und betrete es dennoch.

    Ich öffne die Tür, kein quietschen, ich schrieb ja, es ist kein Albtraum. Ich schließe die Tür hinter mir und ein Mann kommt aus der Küche und küsst mich, er lächelt. Ich sagte ja, dass sich der Traum verändert. Der Mann kam erst hinzu als ich circa zwölf Jahre alt war, vorher begrüßte mich meist meine Oma im Haus.

    Ich kenne mich in diesem Haus sehr gut aus. In den Jahren, in denen ich es immer wieder besucht habe, konnte ich es sehr genau erkunden. Ich weiß, was in jeder Schublade, in jedem Schrank und hinter jeder Tür zu finden ist. Als ich jung war, wurde ich häufig überrascht. Der Inhalt des Hauses hat sich da sehr häufig geändert, insbesondere in dem Raum, den ich als mein Zimmer ansehe. Je älter ich aber wurde, desto seltener veränderten sich die Einrichtung, Farbgebung und Inhalte der Räume.

    Ich werde euch jetzt nicht mit langweiligen Beschreibungen und Details des Hauses belästigen. Nur so viel, trotz der Gefahr, welche mir aus dem Keller drohte, fühlte ich mich in diesem Haus immer sicherer als außerhalb von diesem.

    Meiner Meinung nach sind Menschen nämlich viel grausamer als jene Monster, die unter solchen Häusern lauern. Insbesondere in Phasen, in denen die größte Angst war, zur Schule zu müssen. Ernsthaft, wenn Ihr zurückdenkt, es gab da immer diesen einen großen Jungen oder dieses eine große Mädchen, was es auf einen abgesehen hatte und einem die Zeit in der Schule zur Hölle machte. Träume mit fiktiven Monstern waren mir da deutlich lieber. Diese Monster waren wenigstens weg, wenn ich wach war, die lebenden machten mir zu der Zeit aber häufig das Leben zur Hölle.

  • Ein anderer Aspekt war sicherlich auch, dass die Träume ein Abenteuer waren. Aus der Realität auszubrechen, neues, unbekanntes zu entdecken, auch wenn die Träume noch so düster waren, war besser als in den trüben Gewässern des Alltags zu ertrinken.

    Am Tag las ich viel um diese Abenteuer zu erleben, um aus der Realität auszubrechen. Die Abenteuer anderer zu erleben, war immer noch besser als keine zu erleben.

    Auch heute habe ich das Haus wieder erkundet, ich bin dabei wirklich komplett frei und scheine keine zeitliche Einschränkung zu haben. Einzig die Kellertür kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht öffnen.

    Sobald ich das Gefühl habe, dass Haus genug erkundet zu haben, kommt der einzige Teil des Traumes, welchen ich nicht steuern kann, der wie ein Film vor meinem inneren Auge abläuft.

    Egal wo ich mich in dem Haus zu diesem Zeitpunkt befinde, die Person, welche ich nach dem Betreten des Hauses getroffen habe, betritt mit einem Tablett mit Tee und Keksen den Raum. Oder, als meine Oma noch lebte, mit Marzipantorte. Wir setzen uns und es wird gegessen. Wir lachen und sprechen über Dinge, an die ich mich leider nie erinnern kann. Es müssen schöne Gespräche sein, ich wirke glücklich und zufrieden. Sobald Tee und Kekse oder halt der Kuchen verzehrt sind, kommt ein Mann mit gelben Bauarbeiterhelm und Jacke in das Zimmer. Er erzählt, dass er beim Umbau im Keller eine Entdeckung gemacht habe. Beim Einreißen einer Wand wäre eine Tür zum Vorschein gekommen.

    Dass ich hier sitze und alles so genau wie möglich aufschreibe, ist an sich schon eine Änderung der Situation. Ich schiebe dies auf das Haus. Früher war der Traum schon nach Sekunden das Aufwachens vergessen. Aber jedes Mal, wenn ich den Traum betrat, kamen sofort die Erinnerungen an die vorherigen Besuche zurück. Nie in jedem Detail, aber man fand sich zurecht. Stellt es euch so vor. Ihr spielt ein Computerspiel in gewissen Abständen immer wieder. Ihr erinnert euch an die grobe Handlung und Details, die euch wichtig waren und an gewisse Strategien, wie Ihr mit gewissen Situationen umzugehen habt, aber nie an alles.

    Lieber Leser, ich möchte dich kurz vorwarnen, der folgende Bericht ist für mich schwierig zu schreiben, es ist nämlich so dass meine Erinnerungen nicht ganz linear sind. Deshalb werde ich gezwungenermaßen zwischen den Zeiten springen, der folgende Bericht ist im Endeffekt eine Zusammenfassung aller Träume. Wie ich schon schrieb, ich kann mich erst jetzt wirklich an die Details der Träume erinnern. Der letzte Traum war für mich so, als ob ich alle Besuche zeitgleich machen würde. Teilweise konnte ich sehen, wie frühere Ichs gehandelt hatten, wie ein Geist der durch das Bild läuft, der aber dennoch du bist. Eine Rückblende, ein auffunken alter Erinnerungen. Ich schrieb zuvor, ich konnte mich im Traum auch nicht an alle Besuche im Detail erinnern. Tauchte so ein Geist auf, konnte ich mich an die Details der Geschehnisse erinnern. Aber eben auch nur an die Dinge, welche dem entsprechenden Geister-Ich zugestoßen sind. Häufig waren es Warnungen, bestimmte Handlungen nicht vorzunehmen, da sie in früheren Träumen mit meinem Aufwachen endeten.

    Woher weiß ich, dass ich mir nun nicht nur einbilde, dass ich diesen Traum über all die Jahre weiter träumte? An das Gefühl das Haus zu betreten, an das konnte ich mich nach dem Aufwachen immer erinnern. Also ja auch an das Haus, aber an das was dort passierte erst jetzt.

    In dem Film, den ich zu sehen gezwungen bin, gehen wir nun zur Kellertür und ich gehe anschließend eine alte, in Stein gehauene Treppe hinunter. Der Keller ist ein Natursteinkeller, in dem mit Backstein Wände gezogen wurden. Mal bin ich allein, mal gehe ich den Weg mit Freunden. Nie habe ich Angst.

    Wie in einem Buch kommen die Fakten erst nach und nach und man wird angefüttert und will mehr wissen, deshalb liest man weiter. Der Bauarbeiter steht neben einer eingerissenen Backsteinmauer, er erklärt, dass sein Auftrag nun erledigt sei und dass hinter der Wand wie erwartet ein weiterer Raum, aber eben auch diese alte Tür zum Vorschein kam. Warum sah er die Tür eigentlich nicht vorher? Eine Wand reißt man ja nie im ganzen ein, sondern Stück für Stück.

    Sobald der Bauarbeiter die Szene verlässt, habe ich wieder die Gewalt über meinen Körper und kann selbstständig handeln und Entscheidungen treffen.

    Nicht immer bin ich dann gleich zur Tür gegangen und habe sie geöffnet, manchmal habe ich erst den Keller erkundet oder bin nochmal hoch und habe das Haus erneut erkundet, um zu schauen, ob sich dort etwas verändert hat. So oder so war ich ab dem Zeitpunkt alleine im Haus.

    Als Kind bekam ich an dieser Stelle immer Angst. Der Filmteil, den ich nur passiv wahrnahm und der sehr schnell und sprunghaft ablief, war nun zu Ende und als Kind, habe ich Keller immer furchtbar gefunden. Diese Träume waren ein Grund dafür.

    Ich lächle während ich die Worte schreibe, waren das als Kind wirklich keine Albträume für mich? Ich glaub der Rückblick ist durch mein Alter ein Stück verzerrt. Das kann gut sein, dennoch bin ich damals nie auf den Gedanken gekommen, das Haus wieder zu verlassen. Ich glaube, hätte ich damals versucht nach oben zu gehen, die Tür aufzureißen und das Haus wieder zu verlassen, niemand hätte mich daran gehindert. Aber warum auch. Ja, ich hatte Angst, aber meine Neugier auf das, was hinter dieser Tür liegt, überwog damals und auch noch heute. In keinem einzigen dieser Träume habe ich das versucht. Heute habe ich keine Angst mehr, im Gegenteil, ich bin freudig erregt und lechze nach dem Abenteuer, welches mich erwartet. Warum? Naja der Alltag als Erwachsener ist für mich auch nicht spannender. Genauso wie früher breche ich gerne in fantastischere Welten aus. Aber eben halt nur in Büchern oder in Träumen. Als Kind stellt man sich vor, was man als Erwachsener alles anstellen kann, schließlich verdient man dann Geld und kann alles tun was man möchte. Die Realität sieht dann doch anders aus.

    Ich gehe also auf diese Tür zu, in einigen Träumen, später, als ich erwachsen war, war der Schutt der Mauer dann immer schon weggeräumt und ein Schreibtisch stand voll eingerichtet mit Lampe, Schreibutensilien und einem dampfenden Becher Tee neben dieser massiven Eichenholztür mit Eisenbeschlägen. Man sah dieser Tür Ihre Jahre an, sie war gealtert, aber nicht verwittert. Auch waren weder Schimmel noch ähnliche Schäden zu sehen, wie man sie in so einem Raum vermuten könnte. Die Tür konnte ich als Kind und auch als Erwachsener immer ganz leicht öffnen. Für Alter und Größe der Tür viel zu leicht. Eigentlich vermutet man, dass eine solche Tür quietscht, weil die Angeln verrostet sind oder man sie nicht öffnen kann, weil das Holz verzogen ist. Aber nein, diese Tür konnte durch mich ganz einfach geöffnet werden.

    So oder so war das immer der Zeitpunkt, an dem ich mein Leuchtmittel zur Hand nahm. Als Kind war das nur eine kleine Funzel, welche dafür sorgte, dass der Traum sehr schnell endete, deshalb kam ich zu der Zeit nicht sonderlich weit. Später war es dann so eine moderne Taschenlampe, welche man häufig bei Urbexern sieht, die zu allen Seiten viel Licht abgibt, sodass man auch größere Bereiche gut ausleuchten kann.

    Dann durchschritt ich die Tür.

  • II.

    Hinter der Tür empfängt mich eine leicht feuchte, frische, aber nicht unangenehme Luft. Der Gang, in dem ich mich nun befinde, war als Kind sehr aufregend, auch, wenn er nur geradeaus führt. Ebenso wie der Keller war der Gang in den Stein gehauen worden. Allerdings waren hier weder Stützbalken noch andere Spuren von klassischen Bergwerken zu finden.

    Immer, wenn ich diesen Gang entlanggehe, habe ich das Gefühl, er würde kein Ende nehmen. Was natürlich Quatsch war, denn irgendwann kam ich an eine Kreuzung.

    Glaubt mir, ich habe versucht, ihn zu vermessen, aber die Dimensionen in Träumen sind deutlich anders als in der Realität. Kurzum, er war immer unterschiedlich lang. Damit ihr aber eine ungefähre Vorstellung der Dimensionen bekommt, fasse ich das folgendermaßen zusammen: „Der Gang ist endlos, scheinbar, aber vielleicht auch nicht? Er ist genau so lang, dass, wenn ich mich mit meiner Lampe umdrehe, ich die Tür und somit das Ende des Ganges nicht mehr sehen kann. Anschließend dauert es noch ein paar Schritte und die Kreuzung erscheint.“ Das gilt übrigens auch für alle anderen Räume, erst wenn der Eingang des Raumes nicht mehr sichtbar ist, wird der weitere Weg offengelegt. Da ich in den diversen Träumen unterschiedliche Lampen hatte, waren diese Entfernungen also durchaus unterschiedlich. Je älter ich wurde, desto weiter waren die Wege.

    Ich habe noch nicht darüber gesprochen, was zu hören war. Zu Beginn der Reise in der Regel nichts außer ein dumpfes Summen, welches sich vermutlich aufgrund meiner überreizten Sinne häufig zu einem dumpfen, aber gleichmäßigen Pochen entwickelte. Später, je näher ich der Kreuzung kam, nahm ich weitere Geräusche wahr. Es war, als ob genau am Rande meines Lichtkegels Wesen scharrend weg huschten. Es war ein Kratzen und Klicken vieler Beine. So stellte ich mir damals vor, müssten sich große Spinnen beim Weghuschen anhören.

    Ich komme also an die Kreuzung. Ich habe nun die Möglichkeit in drei Richtungen zu gehen. Rechts, Geradeaus und Links. Als Kind bin ich an dieser Stelle häufig aufgewacht oder nach rechts oder geradeaus geflüchtet. Denn linker Hand tauchten plötzlich sehr nahe meines Lichtkegels rot glühende Augen auf und scharrten dann sehr schnell davon.

    Immer wenn ich rechter Hand und geradeaus geflüchtet bin, endete mein Traum damit, dass ich falle. Wenn ich an dieser Stelle zurück gerannt bin spürte ich plötzlich einen Schlag im Rücken, fiel und wurde dann meist sofort wach.

    Als Erwachsener sehe ich die Augen und weiß, dass mir, wenn ich Ihnen folge, mehr Zeit in diesem Traum bleibt. Ich folge also den Augen und komme in einen riesigen Raum. Ab dem Zeitpunkt ist das Scharren der vielen Beine sehr laut. Am Rand meines Lichtkegels vor mir, aber sobald ich den Raum ein gutes Stück betreten habe auch hinter mir, tauchen immer mehr dieser rot leuchtenden Augen auf. Einmal ist es mir gelungen, diesen Weg zurück zu gehen, als ich das Gefühl hatte, nicht weiter zu kommen und ich habe es geschafft, die Anderen auszutricksen. Allerdings war mein Traum, als ich die Eichentür durchschritt, schlagartig zu Ende. Ein anderes Mal hatte ich es geschafft, nach einer schier endlosen Jagd durch etliche Höhlen und Gänge, einen anderen Ausgang zu finden und ich stand am Rand einer Klippe, sehr hoch auf einem Berg, aber auch da war dann sofort der Traum zu Ende.

    Es gibt vermutlich noch viel mehr Ausgänge. Die Anderen haben riesige Höhlen, in denen sie leben und alle sind miteinander verbunden. Mich würde es nicht wundern, wenn die ganze Erde wie ein Schweizerkäse durchlöchert ist.

    Sobald ich die Mitte dieser ersten Höhle erreichte, wurde das Scharren zu einem Knurren und ich war meist völlig umzingelt. Allerdings haben die Anderen meinen Lichtkegel nie betreten. Früher war spätestens an dieser Stelle Schluss, da sich die Anderen von hinten, im Schatten meiner Funzel, an mich herangeschlichen haben und dann wurde ich wach. Später habe ich dann meine Lampe einfach über den Kopf gehalten oder hatte mir eine zweite an den Rücken gehangen, sodass ich einen guten Lichtkegel hatte, um die Anderen auf Abstand zu halten. Sobald ich nämlich diesen Lichtkegel verlasse, ist der Traum zu Ende.

    Was dann genau passierte bekam, ich erst mit als ich größer war, und das oftmals sehr plastisch. Ich möchte es an dieser Stelle ungern im Detail beschreiben. Nur so viel: ich bekomme jetzt noch Schmerzen, wenn ich nur daran denke.

  • Übrigens weiß ich bis heute nicht, wie die Anderen aussehen. Ich vermute, sie sind wirklich spinnenähnlich, da sie anscheinend viele Beine haben und teilweise auch an der Decke scharrend herumkrabbeln. Die Anderen, die ich an dieser Stelle des Traumes sehe, nenne ich die kleinen Anderen, die Augen sind nämlich knapp einen Meter über dem Boden. Diese kleinen Anderen sind recht aggressiv und versuchen, mit Steinen meine Lampen zu beschädigen um an mich ran zu kommen. Inzwischen kenn ich aber Ihre Bewegungsmuster sehr gut, sodass ich Ihren Fallen und Steinwürfen sehr gut ausweichen kann. Übrigens ist es nicht gut, vor diesen Wesen schnell wegzurennen, dieses Verhalten führt immer wieder dazu, dass mein Traum endet. Entweder ich stolpere oder renne in eine Ihrer Fallen, wobei das eine das andere nicht ausschließt. Die Anderen sind schlau.

    Aufgrund Ihrer Bewegungsmuster bin ich dazu über gegangen wie ein Besucher in einem Museum durch die Höhlen zu spazieren und mir alles genau anzuschauen. Wenn Ich so handele, lassen sie mich in der Regel ohne Angriff passieren. Naja gut, sie bemühen sich, meine Lampen auszuschalten, aber sie greifen mich nie direkt an, bis die Lampen aus sind. Nach dieser Höhle kommt wieder ein langer Gang, der in einer noch größeren Höhle mit Stalagmiten und Stalagtiten, endet.

    Ich würde euch jetzt gerne von wunderschönen Kavernen, pilzbewachsenen Fantasielandschaften berichten, aber wir sind weder im Underdark noch in Grimms Märchen mit Lebkuchen-Hexenhaus.

    Die Höhlen und Gänge sind alles in allem sehr eintönig, allein wegen der Größe nicht unspektakulär, aber eintönig. Gerade als ich sie das erste mal entdeckt hatte, staunte ich Bauklötze, aber es ist halt eine Natursteinhöhle nach der anderen. Einzig die einzelnen Gesteinsschichten und die farbigen Vitriole, welche hier und da wie feuchte Schimmelflecken aus den Wänden kommen, bieten dem Auge Abwechslung. Den Anderen, welche ja Ihr Leben in kompletter Dunkelheit verbringen, sind Farben anscheinend Egal. Ich finde auch keinerlei gestalterische Elemente in Ihren Höhlen. Alles ist funktional und dient nur der Arterhaltung, obwohl sie durchaus Intelligent sind, wie ich später, als ich älter war, merkte.

    Die kleinen Anderen folgen mir auf Schritt und Tritt, immer Abstand wahrend, aber dennoch hartnäckig. Inzwischen bin ich so routiniert im Umgang mit den kleinen Anderen, dass sie mich nur noch sehr selten wirklich überraschen. Deshalb kann ich mich „frei“ in Ihrer Welt bewegen. Meist gehe ich direkt zur größten ihrer Höhlen. Kurz vor meinem achtzehnten Geburtstag wurde ich dennoch überrascht, denn zu dieser Zeit betrat ich den Ort, welchen ich als größte Höhle bezeichne, zum ersten Mal. In ihr lebt ein Wesen, welches ich als alten Anderen bezeichne. Gemessen an der Größe seiner roten Augen musste dieses Wesen riesig sein. Die kleinen Anderen blieben am Eingang zu dieser Höhle zurück und wenn ich es schaffte, die Höhle zu durchqueren, wurde ich nicht weiter verfolgt. Allerdings habe ich sehr schnell nicht mehr das Bedürfnis gehabt weiter zu gehen, denn diese Höhle ist so interessant, dass ich es vorziehe, so lange wie möglich hier zu bleiben und anschließend aufzuwachen.

    Auch hier muss ich mich korrigieren, denn nicht die Höhle ist das Interessante, sondern der alte Andere, denn er spricht. Seine Stimme hört sich nicht an wie unsere Stimmen, eher wie das Poltern von Steinen in einem reißenden Bach, aber nicht unangenehm und auch nicht aggressiv, eher sachlich. Ich merkte auch sehr schnell, dass das dumpfe Summen beziehungsweise das dumpfe, gleichmäßige Trommeln welches ich von Anfang an hörte, nicht eingebildet war, sondern von seinem riesigen Körper ausgehen musste, auch wenn ich nicht wusste, wie er das macht oder was er da macht. Es war raumfüllend und irgendwas in mir reagierte auf diesen Klang. Ich wurde ruhig. Generell weiß ich nicht viel über die Anderen, alles, was ich weiß steckt in diesem Bericht und bei einigen Dingen kann ich nur Mutmaßungen aufgrund dessen, was ich gehört und gesehen habe, anstellen.

    Das Erste, was er zu mir sagte war, dass ich nicht hier hingehöre und den Ort unverzüglich verlassen solle, anschließend bin ich aufgewacht. Über die Jahre hinweg und nach einigen unschönen Fehlversuchen habe ich es dann geschafft, mit dem Wesen ins Gespräch zu kommen. Wobei ich dazu sagen muss, dass die Gespräche in der Regel immer unschön endeten, ich im Gegensatz zu vorherigen Versuchen aber Informationen bekam. Auch kann man das Ganze nicht wirklich als Gespräch bezeichnen, denn der alte Andere erzählte etwas, ich frug etwas und dann wachte ich auf. Die Antwort auf meine Frage erfuhr ich dann beim nächsten Traum-Besuch.

    Ja, er erinnerte sich anscheinend an mich, und erst da viel mir auf, dass die kleinen Anderen zwar für mich vorhersehbar handelten, aber immer anders.

    So erfuhr ich zum Beispiel vom alten Anderen, dass die kleinen Anderen so etwas wie Jäger waren und der große sie nicht daran hindern könne, gegen Ihre Natur zu handeln, denn ich sei schließlich ein Wesen, welches sie als Beute ansehen, solange ich mich im Reich der Anderen aufhalte. Sie verlassen dieses Reich aber nie. Dafür gäbe es die Späher, welche aber nur an offenen Übergängen zu unserer Welt leben und versuchen, verdeckt Menschen davon abzuhalten, zu weit in Ihre Welt einzudringen. Von Menschen, die sich alleine in die Welt der Anderen wagen, mal ganz abgesehen, diese enden als Nahrung.

    Ansonsten halten sie sich sehr zurück, sie wollen keine Aufmerksamkeit erregen, da dies zu unschönen Erlebnissen führe, die damit endeten, dass sie gejagt wurden. In der Zeit die wir Mittelalter nennen, gab es wohl mal versuche und auch viel Früher immer mal wieder, aber alle seien unschön geendet, für beide Seiten.

    Er sei allerdings überrascht, dass ich es schaffe immer wieder zu Ihm vorzudringen, aber andererseits wäre ich auch nicht echt. Warum das ganze geschieht konnte ich bis heute nicht herausfinden.

    Bis heute…

  • III.

    Ich könnte euch jetzt noch von vielen anderen Erlebnissen während meiner Träume berichten, allerdings würden sie sich sehr ähneln und ich will nun fortfahren und neues entdecken.

    Was hat sich nun geändert?

    Warum schreibe ich nun den Bericht?

    Ich sitze nun genau an dem Schreibtisch, welchen ich so oft neben der Tür zur Welt der Anderen gesehen habe und schreibe den Bericht, welcher schon immer auf dem Tisch neben der Tür lag, an dem ich mich aber erst jetzt erinnern kann, während ich diese Worte schreibe.

    Ich bin heute Nacht um genau um drei Uhr schweißgebadet wie immer, in meinem neuen Haus aufgewacht. Ich habe das Haus aus meinem Traum vor ein paar Monaten entdeckt und gekauft. Ich lebe dort mit meinem Mann und vor kurzem haben wir die Wand aufgebrochen und die Tür entdeckt. Seitdem Träume ich fast jede Nacht und erinnere mich immer mehr an die Dinge die ich in meinem Träumen erlebt habe.

    Das dumpfe Pochen des alten Anderen wird von Nacht zu Nacht immer lauter und ist für mich deutlich zu hören. Ich bin nach all den Jahren endlich glücklich und zu Hause. Nun habe ich berichtet was ich erlebt habe und sitze jetzt genau neben dieser Tür, die mein Mann bisher nicht öffnen konnte, es ist aber auch nicht an ihm, dies zu tun.

    Ich blicke hoch und schaue auf die Tür, ob ich sie heute Nacht öffnen werde? Ich weiß es nicht, aber ich bin mir sicher, das ich weiß was hinter dieser Tür auf mich warten wird. Denn ich höre jetzt schon das Scharren der kleinen Anderen hinter der Tür.

    Es wird auf jeden Fall nicht mehr lange dauern. Ich frage mich, ob ich wirklich bereit bin, mich in dieses Abenteuer zu stürzen. Immerhin waren alle meine bisherigen Abenteuer fiktiver Natur. Aber wozu waren dann die Träume gut? Ich glaube sie waren eine Vorbereitung auf das Abenteuer, was hinter dieser Tür auf mich wartet.

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