Lovecrafter Online – 061 – LOVECRAFT

In der 47. Ausgabe des Lovecrafter Online berichteten wir über He who wrote in the Darkness, einen Versuch, Lovecrafts Biographie in eine Graphic Novel zu übertragen. Während dieser Besprechung schwärmte ich von den Möglichkeiten, die das Medium Graphic Novel für die Charakterzeichnung eines Menschen mit sich brachte. Umso neugieriger erwartete ich also LOVECRAFT aus der Feder von Roland Hueve und Reinhard Kleist, obwohl das chronologisch betrachtet natürlich Unsinn ist: Das Comic LOVECRAFT stammt immerhin aus dem Jahre 1995! Dennoch dauert es manchmal eben etwas länger bis auch ich auf Bände aufmerksam werde, und so darf ich euch heute die Besprechung eines 25 Jahre alten Bandes anbieten.


LOVECRAFT ist durchaus interessant gemacht. Eröffnet wird der Band mit einem Dialog zwischen Texter und Zeichner, die sich über Lovecraft unterhalten. Schlussendlich fallen hier in einzelnen Stichpunkten die wesentlichen Informationen aus Lovecrafts Lebenslauf. Der Comicband selbst geht dann völlig andere Wege. Er zeigt ein Telefonat zwischen Autor Hueve und Lovecraft, der sich jedoch nicht als Lovecraft sondern als Randolph Carter ausgibt. Statt des Lebenslaufs Lovecrafts wird nun also Die Aussage des Randolph Carter nacherzählt, aber immer wieder unterbrochen mit plötzlichen Eindrücken aus Lovecrafts wirklichem Leben. Das Telefonat zwischen den Autoren endet unversehens wie das Telefonat zwischen Carter und dem dem Tode geweihten Warren, der nie wieder aus der Gruft emporsteigen wird.


LOVECRAFT kommt dabei durchaus bildgewaltig daher. Die großformatigen, vollfarbigen Panels sind durchsetzt mit unterschiedlichen Zeichenstilen, über den Hintergrund verteilten Arrangements, verschiedenen Schriftarten. Das Bild wird dadurch unruhig, aber nie schlecht lesbar. Künstlerisch ist das großes Kino, wenn man denn eine eher experimentelle Herangehensweise mag. Leider wird LOVECRAFT auf der anderen Seite seiner Zielsetzung, eine Biographie Lovecrafts zu sein, überhaupt nicht gerecht. Daran hat die Einbettung von Lovecrafts Leben in die Kurzgeschichte um Randolph Carter natürlich ihren Anteil; doch selbst die Schlaglichter, die der Band auf Lovecrafts Leben wirft, sind zu oberflächlich und zu sensationsheischend. Dort eine Szene des lesenden Jungen, dort ein Streit zwischen Mutter und Tanten, dort eine Beerdigung. Schlussendlich zieht der Band wenig Inspiration aus Lovecrafts Leben sondern viel mehr aus seinem Werk um Lovecraft wiederum als Teil seines Werkes zu präsentieren. Dass dabei etliche Facetten der Person und seines Werdegangs auf der Strecke bleiben, versteht sich von selbst.


Abgerundet wird der Band allerdings mit Reinhard Kleists zeichnerischer Interpretation von Die Musik des Erich Zann. Die wiederum weiß vollauf zu gefallen. Kleist arbeitet mit unruhigen, surrealistischen Bildern und überzeichneten Charakteren, um die Handlung von Lovecrafts Geschichte auf wenigen, vor Bewegung und Energie strotzenden Seiten zu interpretieren. Bis auf die Farbe „Rot“ ist der Comic komplett in schwarz-weiß gehalten und ist tatsächlich – dank mangelnder Texte – in wenigen Minuten durchgeblättert. Das nimmt aber nichts von der Wucht der Bilder – eine wirklich gelungene Version.


LOVECRAFT

FEEST Comics 1995

ISBN: 978-3893431311

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