Lovecrafter Online – Lovecraft und die Vampire
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Stefan P. -
27. Juli 2026 um 12:51 -
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„Es gibt eine innere Welt, und die geistige Kraft, sie in voller Klarheit, in dem vollendetsten Glanze des regesten Lebens zu schauen, aber es ist unser irdisches Erbteil, daß eben die Außenwelt in der wir eingeschachtet, als der Hebel wirkt, der jene Kraft in Bewegung setzt. Die innern Erscheinungen gehen auf in dem Kreise, den die äußeren um uns bilden und den der Geist nur zu überfliegen vermag in dunklen geheimnisvollen Ahnungen, die sich nie zum deutlichen Bilde gestalten.“
- E. T. A. Hoffmann, Die Serapions-Brüder
„E. T. A. Hoffmann ist der unerreichte Meister des Unheimlichen in der Dichtung“, schreibt Sigmund Freud in Das Unheimliche 1919, darin aus mehreren Werken Hoffmanns zitierend, insbesondere aus Der Sandmann (1816): Unheimlich wirken Doppelgänger, abgetrennte Körperteile, die Wiederholung des Gleichartigen, die Allmacht der Gedanken oder „wenn die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit verwischt wird, wenn etwas real vor uns hintritt, was wir bisher für phantastisch gehalten haben.“1 In Supernatural Horror in Literature (1927) erwähnt Howard Phillips Lovecraft E(rnst) T(heodor) A(madeus) Hoffmann (1776-1822) zweimal.2 Hoffmanns Mäusearmee aus Nußknacker und Mäusekönig (1816) nimmt in gewisser Weise die geradezu soldatische Organisationsstruktur der titelgebenden Die Ratten im Gemäuer (The Rats in the Walls, 1924) aus Lovecrafts Erzählung vorweg. Aurelie aus Die Elixiere des Teufels (1815) liest in dem aus dem Englischen übersetzten (berüchtigten) Roman Der Mönch (The Monk – A Romance, 1796) von Matthew Lewis.3 Die Figuren Lovecrafts sind eifrige Leserinnen und Leser unter Verschluss gehaltener Schriften wie dem Necronomicon, De Vermis Mysteriis, dem Book of Eibon oder dem Cultes des Ghouls.
Hoffmanns Serapiontisches Prinzip besagt, dass der Dichter den Gegenstand seiner Kunst so intensiv erfahren soll, dass er zu seiner inneren Realität wird. Kehrt er in die äußere Realität zurück, kann diese Vision so glaubhaft gestaltet werden, dass sie die Leserschaft in den Bann zieht.4 In den Serapions-Brüdern porträtiert Hoffmann seine Freunde, ebenfalls Dichter der Romantik: bei Cyprian handelt es sich vermutlich um Adelbert von Chamisso. Ähnlich verfahren Lovecraft und weitere Weird-Fiction-Autoren: Robert Bloch ‘porträtiert’ Lovecraft als namenlosen, älteren Gelehrten in der von einem außerirdischen Vampir handelnden Geschichte Der Schlächter von den Sternen (The Shambler from the Stars, 1935), während umgekehrt die Figur Robert Blake aus Der leuchtende Trapezoeder (The Haunter of the Dark, 1936) Robert Bloch entspricht.5 Im vierten Band der Serapions-Brüder findet sich Cyprians Erzählung. In der 1821 erschienenen Erstausgabe trug sie keinen eigenen Titel, während sie in späteren Anthologien auch unter den Titeln Der Vampyr, Eine Vampir-Geschichte, Vampirismus, Eine gräßliche Geschichte oder Hyänen veröffentlicht wurde.6 Einzelne Motive Lovecrafts werden vorweggenommen.
Graf Hyppolit verliebt sich in Aurelie, der Tochter einer älteren Baronesse, und heiratet sie schließlich. Bezüglich der Baronesse gibt es „dunkle Gerüchte von einem ganz seltsamen und unerhörten Kriminalprozeß“. Die Baronesse wird am Hochzeitstag tot in einer Parkanlage gefunden und Aurelie fürchtet, ihre Mutter, von der sie einst verflucht wurde, könnte aus dem Grab steigen und sie „aus den Armen des Geliebten in den Abgrund“ reißen. Aurelie erkrankt bald darauf, ein Arzt vermutet eine Schwangerschaft und ängstigt sie mit der Geschichte einer Frau, die „ein solch unwiderstehliches Gelüste nach dem Fleisch ihres Mannes“ verspürte, „daß sie nicht eher ruhte, als bis sie ihn einst, da er betrunken nach Hause kam, unvermutet mit einem großen Messer überfiel, und so grausam zerfleischte, daß er nach wenigen Stunden den Geist aufgab.“ Der Graf beobachtet Aurelie schließlich auf einem Friedhof, was in einem gespenstischen, an Vorstellungen über ein Hexentreffen erinnernden Szenario beschrieben wird: „Da gewahrte er im hellsten Mondesschimmer dicht vor sich einen Kreis furchtbar gespenstischer Gestalten. Alte halbnackte Weiber mit fliegendem Haar hatten sich niedergekauert auf den Boden, und mitten in dem Kreise lag der Leichnam eines Menschen, an dem sie zehrten mit Wolfesgier.“ Am nächsten Tag wird sie von ihrem Mann mit diesem Ereignis konfrontiert. Daraufhin beißt sie ihm heulend „mit der Wut der Hyäne in die Brust.“ Es ergeht dem Grafen Hyppolit schließlich wie vielen Protagonisten Lovecrafts: er verfällt dem Wahnsinn.7
Parallelen in Lovecrafts Erzählungen
Bei Lovecraft taucht das Vampir-Motiv üblicherweise in Verknüpfung mit Hexen-Kulten auf. In Träume im Hexenhaus ernährt sich das mysteriöse Pelzwesen Brown Jenkin gerüchteweise „vom Blut der Hexe, das es wie ein Vampir aussaugte“ und Walter Gilman soll im Buch des Azathoth mit seinem Blut unterschreiben.8 Während der unbekannte Baron bei Hoffmann über ein „sehr frisches jugendliches Aussehen" verfügt und „von hoher schöner Gestalt“ ist, kann Joseph Curwen aus Der Fall Charles Dexter Ward (The Case of Charles Dexter Ward, 1927) nicht nur Tote wieder zum Leben erwecken, er altert selbst kaum. In beiden Erzählungen kommen politische Intrigen vor, die die Personen außerhalb der Figuren Aurelie und ihre Mutter bzw. Curwen ebenso in ein deutlich negatives Licht rücken. In Pickmans Modell (Pickman's Model, 1926) verdammt die titelgebende Figur, deren Vorfahrin als Hexe hingerichtet wurde, Cotton Mathers mit folgenden Worten: „ich wünschte, jemand hätte ihn mit einem Fluch belegt oder in der Nacht sein Blut ausgesaugt!“9
Sowohl Hoffmann als auch Lovecraft beziehen sich auf die gleiche Quelle: Die Geschichte von Sîdi Nu’mâns aus der Märchensammlung Tausendundeine Nacht: Ein Mann findet seine Frau, die in Wahrheit ein Ghul ist, beim Verzehren eines Toten vor.10 Ghule (oder in der Schreibweise Lovecrafts Ghoule) sollen Leichen auffressen, zeitweilig deren Gestalt annehmen und einsame Reisende überfallen. Hyänen, mit denen Aurelie verglichen wird, gelten als nachtaktive, hundeartige Raubtiere (tatsächlich stammen sie von Katzen ab), die sich von Aas ernähren und angeblich Leichen ausgraben. Lovecraft beschreibt einen Ghoul in Pickmans Modell wie folgt: „ein Wesen mit funkelnd roten Augen, und in seinen knöchrigen Krallen hielt es etwas, das einst ein Mensch gewesen war, und es nagte an seinem Kopf wie ein Kind an einer Zuckerstange knabbert. Es kauerte sprungbereit da und wirkte, als könne es seine gegenwärtige Beute jeden Augenblick fallen lassen, um sich einen saftigeren Leckerbissen zu suchen.“ Er hat ein „Hundegesicht mit (...) spitzen Ohren, (...) blutunterlaufenen Augen (...) geifernden Lefzen (...) schuppigen Klauen“, eine flache Nase und einen von Erde verkrusteten Leib mit halbbehuften Füßen.
Es gibt eine weitere Parallele zwischen Hoffmann und Lovecraft: die Anwesenheit bestimmter Personen sorgt für Unbehagen, ohne dass dies (zunächst) näher erklärt werden kann. Bei Hoffmann heißt es über die Baronesse: „Niemals hatte eine Person, ohne im mindesten häßlich zu sein, in ihrer äußern Erscheinung solch einen widerwärtigen Eindruck auf den Grafen gemacht, als eben die Baronesse. Bei dem Eintritt durchbohrte sie den Grafen mit einem glühenden Blick (...).“ In Lovecrafts Das Ding auf der Schwelle (The Thing on the Doorstep, 1937) wird Asenath Waite als „dunkel, eher klein“ beschrieben: „mit Ausnahme der übermäßig hervorstehenden Augen sah sie sehr gut aus; allerdings lag da etwas in ihrem Gesichtsausdruck, das bei empfindsamen Menschen Befremden hervorrief.“11 Später stellt sich heraus, dass ihr Vater, ein berüchtigter Hexenmeister, sich in ihren Körper eingenistet hat. Dies ist eine ähnliche Konstellation, wie sie sich auch bei Hoffmann findet: Aurelie zeigt plötzlich Verhaltensweisen ihrer verstorbenen Mutter. Diese wiederum weckt in Graf Hyppolit Assoziationen wie später bei Derby, der Asenath heiratet und in der Psychiatrie endet: „Er fühlte seine Hand von im Tode erstarrten Fingern umkrallt, und die große knochendürre Gestalt der Baronesse, die ihn anstarrte mit Augen ohne Sehkraft, schien ihm in den häßlich bunten Kleidern eine angeputzte Leiche.“
Resümee
Hoffmann und Lovecraft entfernen sich vom klassischen Vampir-Motiv, wonach ein Untoter das Blut Lebender trinkt und erneuern es um mehrere Komponenten: Aurelie ist eine Lebende, die sich nekrophag vom Fleisch eines Toten ernährt - dies geschieht erst nachdem sie die Geschichte des Arztes gehört hat. Möchte Aurelie ihren Mann vor Schaden bewahren? Die Abneigung mit der Hyppolit und sein Vater der Baronesse begegnen, tragen bereits die Züge von etwas Pathologischen und die wüsten Beschimpfungen, die Aurelie entgegen geworfen werden, sorgen dafür, dass man beim Lesen der Geschichte heimliche Sympathie für Aurelie und ihre Mutter empfinden kann - ebenso wie für Pickman, Curwen und viele der marginalisierten Außenseiter bei Lovecraft, die mit dem Hexenkult in Verbindung stehen.
Als die vielseitig begabten Künstler Hoffmann und Lovecraft starben, waren beide 46 Jahre alt. Lovecraft, der heute ebenfalls als Meister des Unheimlichen gilt, hat offenbar viel vom Serapiontischen Prinzip verstanden.
- Alle Zitate aus Freud, Sigmund (1970): Das Unheimliche. In: Psychologische Schriften (Freud- Studienausgabe) IV. Frankfurt am Main. S. 242-274. Das Motiv der Wiederholung des Gleichartigen spielt eine wichtige Rolle in der Blair-Witch-Filmreihe, die erheblich von Hoffmanns Der goldene Topf (1814) und ebenso von Lovecrafts Träume im Hexenhaus (The Dreams in the Witch House, 1933) beeinflusst wurde.
- Für Lovecraft sind Hoffmanns Erzählungen und Romane „a byword for mellowness of background and maturity of form, though they incline to levity and extravagance, and lack the exalted moments of stark, breathless terror which a less sophisticated writer might have achieved.“
- Nehring, Wolfgang (1993): Gothic Novel und Schauerroman - Tradition und Innovation in Hoffmanns Die Elixiere des Teufels. In: Steinecke, Hartmut (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann - Deutsche Romantik im europäischen Kontext. Berlin. S. 36-47.
- Kupfer, Alexander (2006): Porträt des Künstlers als Spalanzianische Fledermaus: Rausch und Vision bei E.T.A. Hoffmann. In: ders.: Die künstlichen Paradiese - Rausch und Realität seit der Romantik. Ein Handbuch. Stuttgart, Weimar. S. 479-502.
- Hoffmannsche Motive finden sich etwa in Blochs Psycho (1959): Bates tötet Gäste seines Motels, während der Goldschmied Cardillac aus Hoffmanns Das Fräulein von Scuderi (1819) Käufer seiner Schmuckstücke ermordet - in beiden Werken wird dies mit einer psychischen Erkrankung erklärt. In dem Thriller Der Puppenmörder (The Psychopath, 1966), zu dem Bloch das Drehbuch verfasste, kommt die in Hoffmanns Sandmann beschriebene Angst aber auch Faszination vor menschenähnlich konstruierten Automaten deutlich zum Ausdruck.
- Schneidewind, Friedhelm (2023): Vampirismus in der Antike. In: Kleu, Michael (Hrsg.): Antikenrezeption im Horror. Essen. S. 72-94.
- Alle Zitate aus Hoffmann, E. T. A. (1997): Cyprians Erzählung. In: Sturm, Dieter und Klaus Völker (Hrsg.): Von denen Vampiren und Menschensaugern. Dichtungen und Dokumente. Augsburg. S. 22-36.
- Alle Zitate aus Lovecraft, Howard Phillips (2006): Träume im Hexenhaus. In: ders.: Das schleichende Chaos. Horrorgeschichten. Gesammelte Werke Band 3. Leipzig. S. 125-174.
- Alle Zitate aus Lovecraft, Howard Phillips (2006): Pickmans Modell. In: ders.: Namenlose Kulte. Horrorgeschichten. Gesammelte Werke Band 2. Leipzig. S. 55-72.
- Calzoni, Raul (2018): Die Vampir-Metapher in E.T.A. Hoffmanns Die Serapionsbrüder. In: Bohn, Thomas und Kirsten von Hagen (Hrsg.): Mythos Vampir – Bissige Lektüren. Bonn. S. 71-81.
- Alle Zitate aus Lovecraft, Howard Phillips (2005): Das Ding auf der Schwelle. In: ders.: Der kosmische Schrecken. Horrorgeschichten. Leipzig. S. 33-68.