Lovecrafter Online – Filmkritik: The Night House (The House at Night)

Wie stark der bewusste und unbewusste Einfluss H.P. Lovecrafts auf den modernen Horrorfilm ist, kann immer wieder überraschen. Bei dem Horrordrama The Night House ist dies erst bei genauerer Betrachtung auffällig, obwohl auf den ersten Blick alles für einen konventionellen, modernen Thriller spricht. Hinter dem Eindruck der – durchaus vielversprechenden – Mischung aus Conjuring, Amityville und einer Prise Hitchcock lauern größere Abgründe. Der Lovecraft-Faktor liegt in der Tiefe verborgen.

Handlung

Beth hat ihren Ehemann Owen unerwartet durch Selbstmord verloren. Er fuhr von dem von ihm selbst designten, gemeinsamen Haus in seinem Boot auf den See und erschoss sich. Damit bleibt die depressive Witwe in dem großen, leeren Haus alleine zurück, mit zu viel Alkohol und der quälenden Frage nach dem „Warum“. Nachts fallen plötzlich seltsame Dinge in dem Haus vor. Es scheint eine Präsenz zu geben. Diese hängt scheinbar mit dem verstorbenen Mann zusammen. So klingelt sein Handy, Beth hört eine Stimme im Haus und hat Visionen.


Während ihr Umfeld versucht, sie aufzuheitern und auf ein neues Leben einzustimmen, kann sie nicht loslassen. Beth ist durch ein eigenes Nahtoderlebnis in der Jugend, bei dem sie vier Minuten lang klinisch tot war, traumatisiert und desillusioniert und hat mit Owens Tod ihren glücklichen Gegenpart verloren.


Sie findet bei ihrer Suche nach den Hintergründen seines Todes immer mehr Dinge über ihren Ehemann heraus, von denen sie nichts wusste. Unstimmigkeiten wie Fotos anderer Frauen, die ihr erschreckend ähnlichsehen, seltsame Bücher über Okkultismus und bizarre Pläne des Hauses. Owen scheint ein ihr unerklärliches Doppelleben an ihrer Seite geführt zu haben.


Auch die nächtlichen Ereignisse werden immer seltsamer und bedrohlicher. Seltsame Geräusche und Musik, Beths Visionen werden immer verstörender und sie wandelt Schlaf. Sie fragt sich, ob es wirklich eine böse Präsenz gibt, ob ihr Mann sie kontaktieren will oder ob sie wegen Depressionen und Alkohol an ihrem Verstand zweifeln muss. Was bedeutet der seltsame Abschiedsbrief, den Owen hinterließ, was trieb ihn in den Selbstmord und was geschieht, wenn wir sterben?


Beth muss sich bei ihrer verzweifelten Suche nach der Wahrheit ihren eigenen Depressionen, der Trauer, dem Haus und der Angst vor dem Nichts stellen.

Lovecrafteske Momente und Bewertung


Wer den Film wirklich genießen möchte, sollte ihn vor dem Konsum dieser Rezension anschauen, da Spoiler unvermeidbar sind – oder eben direkt zum Fazit springen.


Auf den ersten Blick handelt es sich bei The House at Night um eine alltägliche Mischung aus Drama und Geisterhaus-Film. Wie bei den Geschichten The Shunned House oder auch The Dreams in the Witch-House finden sich hier die altbekannten Motive dieser Art von Geschichten: seltsame Geräusche, plötzliche, nächtliche Musik, unheimliche Dinge und Gestalten im Hintergrund, schlechte Träume und Visionen. Das alles ist sehr gut inszeniert und so erschreckend wie effektiv.


Es ist ein Film der Andeutungen und Hinweise, die sich zu einem Ganzen zusammensetzen lassen. Wie Francis Wayland Thurston in The Call of Cthulhu muss man die Fragmente zusammenführen um sie tiefer zu begreifen. Die Recherche enthüllt immer mehr Lagen hinter der Schale der Zwiebel. Viele der weiteren Hintergründe braucht es für den Filmgenuss nicht zwingend, sie zeigen aber, wie gut Autoren und Regisseur ihre Hausaufgaben bezüglich der Hintergrundrecherche der klassischen Vorbilder – u.a. Lovecraft – gemacht haben.


Bei The Dreams in the Witch-House oder The Hounds of Tindalos lauert das Böse in den Ecken und Winkeln der Räume. Im Film wird sehr viel mit Winkeln, Umrissen und Formen gearbeitet, die sich zu Konturen zusammensetzen. Das ist filmisch effektiv und zieht den Zuschauer in die Geschehnisse hinein, fordert das aufmerksame Beobachten. Es verwischt auch die Grenze der Realität.


Beth als unsere Bezugsperson zieht uns in die Geschichte hinein, wir sehen ihre Perspektive und verlassen diese bis zum Finale nie. Wie bei den vielen Figuren Lovecrafts ist alles mit natürlichen Dingen wie den Depressionen und der Trauer Beths erklärlich. Albert Whilmarth und die Ereignisse in Akeleys Haus in Whisperer in Darkness fallen einem ein, wo keinerlei Beweise das Geschehene unterfüttern können. Hier bleibt Beth mit ihrem Trauma und den Ergebnissen ihrer Ermittlungen allein.


Die Geschichten Lovecrafts sind keine ”Nebenbei-Lektüre” und auch der Film eignet sich nicht für Leute, die parallel zum Filmgenuss ihre E-Mails abrufen möchten; sie verpassen zu viel, trotz oder gerade wegen der ruhigen Erzählweise. Das Spiegelmotiv, welches auf den von Lovecraft durchaus geschätzten E.T.A. Hoffmann zurückgeht, zieht sich ebenfalls durch den Film. Neben zahllosen Spiegeln gibt es ein gespiegeltes Haus auf der anderen Flussseite, das Owen zur Abwehr des Bösen errichtet hat. In ihren Träumen sieht Beth einmal ihr Haus tatsächlich spiegelverkehrt, eine Version ihrer selbst inklusive. Im Finale wird dann fast zwanglos zwischen den Realitätsebenen gewechselt, virtuos verbunden mit einer durchdachten Farbästhetik. Zwei verschiedenfarbige Monde am Himmel, die zu Augen werden, eine Verschmelzung von Phantasie und Realität in poetischer Bilderschrift. Lovecrafts Traumlande winken aus der Ferne.


Ebenso nahe bei Hoffmann ist natürlich das Doppelgängermotiv, das Owen versucht zu nutzen, um Beth zu beschützen. Dies geschieht durch den Bau des eigenen Hauses auf den Prinzipien der okkulten Bücher. Der Hintergrund des keltischen Abwehrlabyrinths is ein frischer und ausgefallener Ansatz im Film. Bei Lovecraft gab es keltische Bezüge in The Rats in the Walls, ebenfalls mit einem Familiengeheimnis verknüpft. Das Haus und seine Spiegelkopie als eine Art Verwirrungsstrategie nach dem walisischen Vorbild der Caerdroia zu nutzen, ist originell. In diesen Lehm-Labyrinthen wurden rituelle Tänze aufgeführt, was Beth in gewisser Weise im Finale nachvollzieht, bis die Figur der "Louvre-Voodoo-Doll" entsteht. Sie geht auf den römischen Dichter Ovid zurück. Die Figur wird von Beth in dem Spiegelhaus gefunden und von dort mitgenommen, in das eigene Heim. Diese von Hexen zum Zaubern hergestellten Figuren sollen Körper und Geist einer Geliebten durch die rituell in die wichtigen Körperregionen eingeführten Nadeln (Kopf/Gehirn, Augen, Lippen, Füße, Hände, Herz) binden und fesseln, fest an einen Ort bannen. In the House at Night symbolisiert sie im Finale offenbar die Wiederverschmelzung von Geist und Körper bei Beth im Moment der Entscheidung auf dem Boot. Sich Depression und Trauer hinzugeben würde Selbstmord und damit den Sieg des Nichts bedeuten, das Weiterleben ist der – zwangsläufig vorübergehende – Sieg über das Nichts und damit das Bezwingen von Trauer und Depression.


Womit zwei Lovecraftbezüge deutlich zu Tage treten: Die Philosophie und der Antagonist des Filmes. Beth schildert ihrer Freundin ihre Nahtoderfahrung als “...da ist Nichts, kein Licht am Ende des Tunnels – nur Tunnel.”, eine Erkenntnis, die sie geprägt hat. Ihr “You cannot unknow what you know” wäre ein realistisches Lovecraftzitat und zeigt die philosophische Verbundenheit des Filmes mit dem Werk des Autors. Beth ist ein skeptischer, naturalistisch denkender Charakter, der aus der Bahn geworfen wird und die Stabilität verliert. Sie will wissen, was passiert ist. Dass der Film zu dieser eigentlich schon bedrohlichen Situation noch das Nichts als böse, verführerische und fordernde Präsenz einführt und dabei die Naturgesetze überschreitend Beth quasi zurückfordert, ist eine gelungene Variante.


Sie entspricht der Lovecraftschen Forderung zur Erzeugung des übernatürlichen Grauens: “.... eine bösartige und einzigartige Aufhebung und Überwindung jener feststehenden Naturgesetze, die unseren einzigen Schutzwall gegen die Angriffe des Chaos und der Dämonen des unergründlichen Weltalls darstellen.” (Das übernatürliche Grauen in der Literatur, S.37). Man möchte für den Film in dieser Aufzählung lediglich das Nichts/den personifizierten Tod dazu zählen.


Eine Rückblende zeigt, wie das Nichts Owen dazu bringen möchte, Beth zu töten und ins Nichts, dem sie entkam, zurückzuführen. Das Owen den Protagonisten der Final Destination-Reihe nacheifert und versucht, den Tod zu überlisten, bietet den Überbau für die Ereignisse. Er opfert alles für die Liebe zu Beth, baut ein Labyrinth, bringt Opfergaben durch Morde und – als dies nicht mehr funktioniert – schließlich sich selbst als Opfer. Er erklärt auch seinen doppelbödigen Abschiedsbrief (“...Nothing is after you…”). Ob die Ereignisse nur in Beth Verstand stattfinden und sie eine depressive Krise erlebt oder die Entität existiert, bleibt dabei letztlich unaufgelöst.


Das Thema der Bedeutungslosigkeit unserer Existenz, der Endgültigkeit des Todes und der Kampf dagegen ist ein fortlaufendes im Werke Lovecrafts. Sowohl seine naturalistische Grundphilosophie im Leben zeigt diese Einstellung, wie auch der Einsatz im literarischen Werk vom Kampf gegen den Tod des Herbert West - Re-Animator bis zu der Bedeutungslosigkeit des Menschen in At the Mountains of Madness. Wenn Beth am Ende das Nichts auf dem See im Boot sieht und auf die Bemerkung von Mel: “What is it…- There is nothing” mit “I know” antwortet, zeigt dies perfekt die Doppelbödigkeit, die den gesamten Film über den Durchschnitt vieler Horrorfilme hebt.


The House at Night / The Night House gehört zu den Filmen, der nicht alles breit erklärt und einiges der Phantasie oder Interpretation überlässt. Eine Zweitsichtung lohnt sich, setzen sich dabei die verschiedenen Puzzleteile eleganter zusammen und zeigen die gelungene Storykonstruktion.

Cinematographische Notizen

The Night House wird fast vollständig getragen von der Hauptdarstellerin Rebecca Hall. Der Nebencast passt hervorragend und ist gut besetzt und gespielt, die Hauptdarstellerin ist aber das Zentrum der Geschichte, wir verlassen sie nie und wissen immer das, was sie auch weiß. Dabei werden nahezu alle Gefühlslagen abgedeckt, von traurig, verzweifelt und depressiv bis (zynisch-)komisch und kämpferisch. Hall meistert dies als One-Woman-Show eindrucksvoll und glaubwürdig. Der Film ist ein Drama, welches mit Horrorelementen arbeitet und in eine Kategorie mit Filmen wie Midsommar, Get out oder The Empty Man eingeordnet werden kann. Hervorragend ausgestattet, mit dem edlen Haus als zusätzlichem Protagonisten, einer unheimlichen Filmmusik und gruseligen Soundeffekten.


Die Entität wird als Leere im Haus mit menschlichen Konturen in die Umgebung eingepasst, diese Formen erscheinen im gesamten Film in unterschiedlicher Prominenz. Mit größtenteils praktischen Effekten hat Regisseur David Bruckner (The Ritual) einen spannenden Psychothriller geschaffen. Der Film wurde recht gut aufgenommen und die Hauptdarstellerin Rebecca Hall besonders für ihre Leistung gelobt. Einigen Zuschauern war das Ganze zu vage und kryptisch, wer sich aber nach dem Abspann noch gerne mit dem Gesehenen auseinandersetzt, wird auf seine Kosten kommen.


Wie oft bei Horrorfilmen spaltet das Ende die Rezensenten. Wer viel Action, Blut oder Schockeffekte erwartet, wird enttäuscht sein, sieht aber grundsätzlich den falschen Film. Wie hoffentlich gezeigt werden konnte, ist der Lovecraft Bezug in dem dramatischen Thriller stark, aber hintergründig eingewoben.


Ich bin gespannt, wie erfolgreich der Regisseur bei seinem nächsten Projekt sein wird: die Neuauflage von Clive Barkers Hellraiser

Fazit

Ein hitchcockartiges, subtiles Mystery-Drama mit alptraumhafter Atmosphäre, tollen Darstellern und einer lovecraftesken Grundhaltung. Ein doppelbödiges Werk über Trauer, Schuld, Depressionen und den Sinn der Existenz, gleichzeitig ein okkulter Thriller und mitreißender Gruselfilm. Ein kleines Meisterwerk des ruhigen, unheimlichen Spannungskino.