Lovecrafter Online – Stanley Kubricks The Shining und Lovecrafts mechanisches Universum
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Seanchui -
14. März 2022 um 12:00 -
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In einem seltenen Interview, in dem Stanley Kubrick Bezug auf seinen Film The Shining (1980) nahm, zitierte er Lovecraft: in einer Geschichte sollten keine Erklärungen geliefert werden, so lange die Vorstellungskraft der Menschen angeregt wird.[1] Zur Handlung: Der frühere Lehrer Jack Torrance ist über die Wintersaison als Hausmeister in dem in den Rocky Mountains gelegenen Overlook-Hotel tätig, indem sein Vorgänger seine Familie getötet hatte. Mit seiner Frau Wendy und seinen Sohn Danny verbringt er mehrere Monate in völliger Isolation, während sich mehrere unheimliche und unerklärliche Ereignisse abspielen. Aber wie viel Lovecraft ist in Shining?
Die Hauptfigur Jack Torrance ist Schriftsteller – wie der Autor der Buch-Vorlage Stephen King, der hier auch Aspekte der eigenen Biografie verarbeitete und den Einfluss von Lovecraft auf seine eigenen Werke häufig betont und wie auch viele von Lovecraft erfundenen Charaktere wie Derby in Das Ding auf der Schwelle oder Blake in Der leuchtende Trapezoeder.
Wie Lovecraft üblicherweise von Anfang an seinen Leser in das Geschehen einbindet und hierzu bereits im Eingangssatz eine unheimliche Atmosphäre konstruiert,[2] gelingt dies Kubrick, indem er den Anfangsmoment mit der Geisterinsel unterlegt mit einem unheimlichem Score einfängt. In vielen Erzählungen Lovecrafts findet die Handlung an einem topographisch abgelegenen Ort statt, etwa in dem einsamen Dorf aus Die Farbe aus dem All. Mehrere Motive gerade aus dieser Erzählung finden sich auch zumindest in der Grundthematik von Shining: da ist eine isolierte Familie, die zusehends durch externe Mächte versklavt und letztlich vernichtet wird. Das Overlook Hotel liegt abgeschieden in den Rocky Mountains. Bei Lovecraft ist diese Abgelegenheit häufig mit der ständigen Präsenz einer – schrecklichen – Vergangenheit verbunden: Schatten über Innsmouth erzählt nicht nur „von der Ohnmacht des Menschen in einer von fremden Mächten beherrschten Welt“ – Monika Schmitz-Evans zieht auch einen Vergleich zwischen den Tiefen Wesen – mit denen Captain Obed Marsh eine Art „Teufelsbündnis“ schließt – und der Kolonialisierung Amerikas.[3] Im Overlook-Hotel finden sich zahlreiche Darstellungen der indigenen Kultur, es ist zudem auf einen Indianerfriedhof errichtet. Jack und die Geister des Hotels werden außerdem explizit rassistisch dargestellt und Geoffrey Cocks interpretiert Kubricks Film auch als eine Reflexion der Shoah. Jacks Vertrag, auf den er immer wieder pocht und der irgendwann wie ein Teufelspakt wirkt, den er gehorsam bis zum Ende ausführen will, beginnt an Halloween und endet – ungewöhnlich für ein Beschäftigungsverhältnis – symbolträchtig am 01. Mai.[4] Wie Lovecraft fixiert Kubrick auch hier einzelne Zeitpunkte und verleiht der Geschichte Glaubwürdigkeit.[5]
Jacks Aggressivität und Alkoholabhängigkeit verschlimmern sich durch den Aufenthalt im Overlook-Hotel und münden schließlich in eine beängstigende Metamorphose: verwahrlost, unkontrolliert und mit einer Axt bewaffnet scheint er sich in einen „Wolf“ – so nennt er sich selbst in der berühmten Tür-Szene – zu verwandeln.[6] In der Kurzgeschichte Vom Wolf, der Gespenster fraß erzählen Lovecraft und Clifford M. Eddy jr. vom Geist eines Werwolfes, der in Vollmondnächten im Teufelswald erscheint, indem sich eine vor langer Zeit geschehene Bluttat immer und immer wiederholt.
Auch Lovecrafts „kosmischer Indifferentismus“ findet seine Entsprechung in Shining: Lovecraft lehnte jeglichen Glauben an das Übersinnliche ab: im Unterschied zum Roman wird in der Verfilmung lange Zeit im Dunkeln gelassen, ob das Hotel wirklich von Geistern besessen ist oder ob sich um Wahnvorstellungen oder Aktivitäten der Beteiligten selbst handelt. Das Universum wird als ein von starren Gesetzen beherrschter Mechanismus begriffen, welcher jeden Zufall und auch einen freien Willen ausschließt:[7] Jack und seine Familie sind den seltsamen Mächten des Overlook Hotels und vor allem der Natur – aufgrund eines Schneesturms herrscht der Ausnahmezustand – nahezu hilflos ausgeliefert. Diese gespenstische Mechanik findet auch ihre Entsprechung in Jacks Ausdruck und Bewegungen: Wie der durch einen Schuss verwundete Werwolf bei Lovecraft und Eddy hinkt Jack nach seiner Sturzverletzung.[8]
Das Ende des Films lässt Raum für zahlreiche Deutungen: Geoffrey Cocks hat psychoanalytisch interpretiert, dass Jack mit seinem Verbleib im Hotel in den Mutterleib zurückkehren möchte.[9] Lovecraft schien dieses Gefühl zu kennen: „Es gibt nichts Besseres als das Nichts, denn im Nichts bleibt kein Wunsch unerfüllt. Wir waren dort, bevor wir geboren wurden, und da haben wir uns nicht beschwert. Sollen wir dann jammern, dass es wieder kommen wird?“[10]
- Stefan Preis
[1] Vicente Molina Foix: Interview with Stanley Kubrick. Cinephilia and Beyond. 1980.
[2] Zum Erzählstil Lovecrafts: Koseler, Michael: Anmerkungen zur Erzählkunst Howard Phillips Lovecrafts. In: Rottensteiner, Franz (Hrsg.): H. P. Lovecrafts kosmisches Grauen. Frankfurt am Main 1997. S. 105-135.
[3] Schmitz-Evans, Monika: Seetiefen und Seelentiefen. Literarische Spiegelungen innerer und äußerer Feinde. Würzburg 2003. S. 169-174.
[4] Cocks, Geoffrey: The Wolf at the Door. Stanley Kubrick, History and the Holocaust. New York 2004.
[5] Koseler, Michael: Anmerkungen zur Erzählkunst Howard Phillips Lovecrafts. In: Rottensteiner, Franz (Hrsg.): H. P. Lovecrafts kosmisches Grauen. Frankfurt am Main 1997. S. 106 f.
[6] Cocks, Geoffrey: The Wolf at the Door. Stanley Kubrick, History and the Holocaust. New York 2004. S. 33. Das Beil ist zugleich Attribut des Heiligen Wolfgang: dieser hatte der Legende zu Folge eine Axt von einem Berg ins Tal geworfen, um zu erfahren, wo er mit dem Bau einer Kirche beginnen solle (Lipp, Franz: Das Beil des heiligen Wolfgang. In: Jahrbuch des Oberösterreichischen Musealvereines 117. 1972. S. 159-180.).
[7] Joshi, S. T.: H. P. Lovecraft. Leben und Denken. In: Rottensteiner, Franz (Hrsg.): H. P. Lovecrafts kosmisches Grauen. Frankfurt am Main 1997. S. 23 f.
[8] Auch die Filmszene, in der Jack einen Leichnam umarmt, ähnelt einer Beschreibung aus der – bereits wegen der expliziten Darstellung von Nekrophilie bei der Veröffentlichung 1924 umstrittenen – Erzählung von Lovecraft und Eddy: Die geliebten Toten. Lovecraft, H. P.: Die geliebten Toten: Horrorgeschichten 1918-1929. Borsdorf 2017.
[9] Cocks, Geoffrey: The Wolf at the Door. Stanley Kubrick, History and the Holocaust. New York 2004. S. 255.
[10] Zitiert bei Joshi, S. T.: Moderne Horrorautoren. Essays. Band 1. Almersbach 2001. S. 114.