Lovecrafter Online – 081 – Rezension: The Magician

Foto: Peter Kastberger, Creative-Commons-Lizenz BY-NC-SA

Ein Geständnis und eine Einleitung

Ich gestehe, es gab für mich eine erste große Liebe – und die hieß nicht Howard Phillips Lovecraft. Ich kann das mittlerweile zugeben, da ich nun weiß, dass ich nicht der Einzige bin, dem es so geht.

Meine erste literarische Liebe war Engländer – das zumindest hätte HPL gutgeheißen – und hieß William Somerset Maugham.


Maugham (1874 – 1965) schrieb zahlreiche Romane, Kurzgeschichten und erfolgreiche Theaterstücke. Zeitweise war der heute im deutschsprachigen Raum nur noch einer kleinen Gruppe von Eingeweihten bekannte Autor einer der bestverdienenden englischsprachigen Schriftsteller seiner Zeit. So konnte sich Maugham, der von Beruf Arzt war, ganz dem Schreiben widmen, in einer Villa an der Côte d´Azur leben und weite Reisen unternehmen.


The Magician (1908) gehört nicht zu den bekanntesten seiner Romane und stand seit mindestens zehn Jahren weitgehend unbeachtet in meinem Regal. In der Zwischenzeit hatte ich ja einen gewissen Neuengländer für mich entdeckt. Die Figur des titel-gebenden Magiers ist von Aleister Crowley inspiriert, dem Maugham in Paris begegnete. Der Roman ist ein für Maugham untypischer literarischer Ausflug in die Welt des Unheimlichen und Okkulten – Grund genug, ihn nunmehr endlich zu lesen.

Zum Inhalt

Im Mittelpunkt der Handlung stehen vier Charaktere. Da ist zunächst die junge, hübsche Margaret Dauncey, die nach ihrer Schulzeit in England ihrer Leidenschaft folgt und in Paris Kunst studiert. Sie wohnt mit der ehemaligen Lehrerin Susie Boyd zusammen, die zu Geld gekommen in der Stadt an der Seine lebt und stets nach der neuesten Mode gekleidet ist. Margarets Verlobter heißt Arthur Burdon und ist ein aufstrebender Chirurg am St. Luke‘s Hospital in London. Zu Beginn der Handlung hospitiert er am Hôtel Dieu, um von einem der dortigen Spezialisten zu lernen. Der vierte im Bunde ist der betagte französische Arzt Dr. Porhoët, der viele Jahre in den Ländern der Levante verbrachte. Der Doktor spricht neben Französisch und Englisch fließend Arabisch. In seiner Freizeit geht er zum Vergnügen okkulten Studien nach, wobei er sich eine skeptisch-distanzierte Einstellung zum Gegenstand seiner Lektüre bewahrt hat. Dr. Porhoët war der erste aus der Gruppe, der während seiner Studien in der Bibliothek des Arsenal die Bekanntschaft von Oliver Haddo – dem Magier – machte.


Über ihren Freund lernen auch die anderen Charaktere Haddo kennen. Dieser wirkt durch seine Prahlereien und sein Auftreten zugleich abstoßend und faszinierend auf die jungen Engländer. Besonders mit dem durch und durch materialistischen Arthur Burdon kommt es immer wieder zu Konflikten, die schließlich zu einer handfesten Auseinandersetzung führen, die Burdon für sich entscheiden kann.


Haddo scheint nun einzulenken, plant aber heimlich seine Rache. Er setzt seine Kräfte ein und bringt die junge Verlobte Burdons dazu, ihn heimlich zu heiraten und Paris zu verlassen. In der Folge reicht die Spur des Ehepaares Haddo über Rom, Monte Carlo und London bis zum englischen Landsitz Skene. Alle Versuche, Margaret aus ihrer Lage zu retten, scheitern letztlich daran, dass sie sich trotz aller Gefühle von Verzweiflung und (Selbst-)Hass an ihren Mann gebunden fühlt und zu ihm zurückkehrt.


Dramatische Neuigkeiten um Margaret führen Arthur, Susie und Dr. Porhoët schließlich nach Skene, wo sich das wahre Ausmaß von Oliver Haddos Verderbtheit in einem dramatischen Finale offenbart.

Kritik

An der Oberfläche ist The Magician eine sich zu einem spannenden und düsteren Finale steigernde Geschichte dunkler Phantastik, die einem Liebhaber lovecraftesker Literatur gefallen wird. Allein der Streifzug durch Dr. Porhoëts okkulte Bibliothek würde das Herz eines Charles Dexter Ward höher schlagen lassen. Zudem fällt es nicht schwer, sich Haddo, der sich selbst „The Brother of the Shadow“ nennt, als Mitglied des Zirkels von Korrespondenten Joseph Curwens vorzustellen.


Auf einer tieferen Ebene werden die für Maugham charakteristischen Themen von Bindung und Freiheit verhandelt. Die zögerlichen und äußerst zivilisierten Reaktionen der Protagonisten auf Haddos Untaten strapazieren zuweilen die Geduld eines Lesers des frühen 21. Jahrhunderts. Andererseits eröffnet sich so eine Perspektive auf die Konventionen und Reaktionsweisen eines vergangenen, aber gerade für Rollenspieler interessanten Zeitalters.

Fazit

Unterm Strich steht eine klare Leseempfehlung. Das Buch ist im Original und in deutscher Übersetzung erhältlich.


PS: Wer nicht die Zeit oder die Geduld für einen Roman hat – oder im Nachgang der Lektüre noch tiefer einsteigen möchte – dem sei zudem der stimmungsvolle Stummfilm von Rex Ingram aus dem Jahr 1926 empfohlen. Der vollständige ist Film im Internet zu finden.

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