Lovecrafter Online – 062 – Mit Lovecraft in der Schule

Der Lockdown zehrt nicht nur an den Kräften erwachsener Kultist*innen: Gerade Kinder stehen derzeit vor der krassen Situation, mitunter über Monate hinweg im Homeschooling zu verbringen, bis zu acht Stunden am Tag den Rest der Klasse nur im Rahmen einer Web-Konferenz zu sehen und sonst weitab von Spiel und Kreativität zu sein. Wo in der Schule vor allem kreative Unterrichte, wie Musik, Kunst und Theater, für den nötigen Ausgleich zur doch etwas trockenen Mathematik lieferten, wird der heimische Bildschirm mittlerweile immer ernüchternder.


Wie kann man da als Theaterlehrer Abhilfe schaffen? „Normale“ Szenenstudien zu machen oder gar ganze Stücke zu proben, ist mit heimischen Rechnern, lahmen W-LAN-Routern, schlechten Webcams und was es alles noch für Hindernisse gibt, eigentlich nicht machbar. Viele Kolleg*innen stehen vor einem Rätsel: Was tun? Hilfe kam überraschend, aus seltsamen Äonen und fernen, unbeschreiblichen Traumlanden: Denn ab jetzt steht Cthulhu auf dem Stundenplan!


Ich begann dieses Jahr, mit meinen Schüler*innen im Lockdown Cthulhu zu spielen, denn das hat tatsächlich alles, was der Lehrplan verlangt: Rollenspiel, Improvisation, Erfassen von Handlungszusammenhängen, kreative Lösungsansätze finden, Kooperation, Konfliktlösung… sogar ein klein wenig Geschichte (wenn auch mit einer Note Eldritch Horror zur Würze). Nach kurzer Rücksprache mit der Schulleitung die froh über den unkonventionellen Ansatz war ging es also auch schon daran, das Spielsystem zu vereinfachen, denn nicht jede*r Schüler*in kann auf Anhieb mit einem W100 umgehen. Stattdessen nahm ich mir einfach fünf Skills, die in meinen „großen“ Spielrunden am meisten eingesetzt werden und entwarf ein W12-System. Auch vorgefertigte Charakterklassen, die schnell und einfach verständlich waren, halfen den Schüler*innen, schnell ins Spielen zu kommen.


So gab es fünf vorgefertigte Charakterklassen mit je sechs festen Fertigkeitswerten in den Kategorien Gesundheit, Kraft, Geschick, Spurensuche, Charme und Mystik. Wichtig war mir bei diesen Klassen, dass sie möglichst intuitiv für die Kinder verständlich waren: So hat ein*e Magier*in deutlich höhere Werte in Mystik und Spurensuche, als ein*e Draufgänger*in, welche*r dafür mit Kraft protzen kann. Als Dieb*in ist man freilich geschickter und charmanter als seine Mitstreiter*innen. Ansonsten funktioniert das W12-System quasi gleich wie der Grundpfeiler des W100-Systems aus dem „großen“ Cthulhu: Unterbiete den vorgegebenen Wert mit einem W12. Warum W12? Da die meisten Schüler*innen keine Rollenspielwürfel besaßen, sehr wohl aber ganz normale W6. Freilich hätte man auch auf einen Online-Würfel oder eine App gehen können, doch gerade, da die Schüler*innen nun schon Monate lang digital arbeiteten, war es mir wichtig, dass sie etwas haptisches zum Spielen nutzen.


Ein weiterer Grundpfeiler von Cthulhu ist bekanntlich die Stabilität: Nach reiflicher Überlegung entschloss ich mich jedoch dazu, diese mit der Gesundheit zu verschmelzen, damit die Schüler*innen nur bei zwei Werten Buch führen mussten (Gesundheit und Geld). Dies verringerte aber nicht die seltsamen Visionen, die sie dann heimsuchten, im Gegenteil: Als SL hatte ich dadurch mehr Gestaltungsmöglichkeiten, da ich die Stabilität freier interpretieren konnte, als es im normalen Spiel der Fall wäre. Und letztlich ist mir persönlich bei Cthulhu das Erzählen sowieso das wichtigste, daher habe ich so meine eigene Vorliebe in die Vereinfachung des Systems einfließen lassen.


Und dann ging es auch schon los: In kleiner Gruppe (ein Vorteil des Online-Unterrichts: Aufteilung ist leichter als live!) machten wir uns natürlich an das bekannte Einsteigerszenario aus dem Schnellstarter Spuk im Corbitt-Haus: Der One-Shot eignete sich hervorragend, um das System kennenzulernen und auszuprobieren, wie man mit dem Web-Konferenz-Tool, das sonst eigentlich zum Mathe- und Englisch-Unterricht dient, auch spielen kann: Handouts auf dem digitalen Whiteboard, Musik-Streams zur Untermalung, geheimes Wissen via Privatnachricht, eine digitale Tafel zum Einzeichnen der eigenen Position auf der Karte fast wie ein kleines Roll20! Und das Unheil im Corbitt-Haus war bald gelöst.


Mittlerweile hatte es sich auch im Kollegium rumgesprochen, was die Schüler*innen da (nun auch klassenübergreifend) so im Unterricht trieben, und so hatten wir für das nächste Abenteuer diesmal ging es via dem Band Königsgambit in Kamborn in gleichnamige Stadt plötzlich Ermittlerverstärkung aus dem Lehrerkollegium. Das Abenteuer Der Monolith von Sabrina Hubmann fesselte uns nun über mehrere Wochen, die erste kleine „Kampagne“ war gestartet!


— Im folgenden Abschnitt gibt es einige kleinere Spoiler zum Abenteuer „Der Monolith“ —



Nun sieht es wohl danach aus, dass Homeschooling noch weiter eine feste Größe im Alltag der Schüler*innen bleiben wird, doch zumindest wird er nun ein wenig durch ein außerirdisches Leuchten erhellt: Cthulhu als Unterrichtsfach erwies sich nicht nur als „fixe Idee“, sondern als ein die Unterrichtsinhalte abdeckendes Konzept, welches das Fach Theater / Darstellendes Spiel auf überraschende Weise um ein sinnvolles Element erweitert hat. Wann wird es wohl das erste Freeform in der Schul-Aula geben? Man darf gespannt sein, was da noch möglich ist aber nun geht es erstmal tiefer in die Kamborn-Kampagne. Es warten bis dahin noch viele Geheimnisse auf die Erkundung!